Inzwischen sind die syrischen Regierungstruppen bis an die türkische Grenze vorgerückt – nämlich in die Grenzstadt Kobanê.

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Die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien hat am Donnerstag einen Korridor aus der von der Türkei belagerten Grenzstadt Ras al-Ayn gefordert, um Tote und Verletzte herauszubringen. Die Staatengemeinschaft müsse einschreiten, um "einen gesicherten humanitären Korridor zu öffnen, um die Märtyrer und verletzten Zivilisten aus der eingekreisten Stadt Ras al-Ayn zu bringen".

Es seien "zahlreiche Zivilisten" eingeschlossen, und Krankenwagen würden "systematisch bombardiert", teilte die Verwaltung der kurdischen Autonomieregion mit. Ein Krankenhaus sei durch den türkischen Beschuss beschädigt worden, hieß es. Auch die in London ansässige oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte bestätigte, dass die Mitarbeiter der Klinik eingeschlossen seien. Sie hatte zuvor erklärt, die türkische Armee habe mit verbündeten syrischen Rebellenmilizen einen Teil von Ras al-Ayn eingenommen. Bislang gab es dafür noch keine offizielle Bestätigung, weder aus Ankara noch vonseiten der Kurden.

Die kurdische Selbstverwaltung hat der Türkei zudem den Einsatz von verbotenen Waffen in Ras al-Ayn vorgeworfen – der Vorwurf wurde von Ankara umgehend zurückgewiesen.
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Kurden werfen Türkei Einsatz von Napalm und Phosphor vor

Die kurdische Selbstverwaltung hat der Türkei zudem den Einsatz von verbotenen Waffen wie Napalm und Phosphor vorgeworfen. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte mit, dass Verletzte mit Verbrennungen in ein nahegelegenes Krankenhaus gekommen seien, konnte die Vorwürfe aber nicht bestätigen. Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar wies die Vorwürfe umgehend zurück. Es sei allgemein bekannt, dass die türkischen Streitkräfte keine chemischen Waffen in ihrem Inventar haben. Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) würden selbst Chemiewaffen einsetzen, um anschließend der Türkei dafür die Schuld zu geben.

Mindestens 160.000 Zivilisten sind wegen der türkischen Offensive auf der Flucht – laut Aktivisten sind sogar bereits bis zu 300.000 Menschen geflüchtet. Kurdischen Angaben zufolge kamen seit dem Start der Militärintervention auch mehr als 200 Zivilisten, darunter 18 Kinder, ums Leben.

Assad droht, auf "jegliche Aggression der Türken" zu reagieren

Seit mehr als einer Woche geht die Türkei nach dem Abzug von US-Truppen gegen die YPG-kontrollierte Autonomieregion im Nordosten Syriens vor. Daraufhin sahen die Kurden keine andere Wahl, als Machthaber Bashar al-Assad um Hilfe zu bitten. Er hatte 2012 seine Truppen aus der Region abgezogen und zugelassen, dass die Kurden dort eine eigene Verwaltung aufbauten.

Assad sagte Staatsmedien zufolge, dass er auf jegliche "türkische Aggression" in Syrien mit allen "legitimen Mitteln" reagieren werde. Die syrische Regierung hatte zuvor erklärt, dass die Syrer angesichts der "offenen Aggression" der Türkei "mehr denn je unter der syrischen Nationalflagge in Einheit verbunden" seien. Das Außenministerium in Damaskus warf der Türkei in seiner ersten Mitteilung seit Entsendung der Regierungstruppen in den Norden vor, "expansionistische Ambitionen" zu haben und nichts als "Tod und Zerstörung" zu verursachen.

Inzwischen sind die syrischen Regierungstruppen bis an die türkische Grenze vorgerückt – nämlich in die Grenzstadt Kobanê. Laut Kurdenvertretern hat sich Assads Armee dazu verpflichtet, an der gesamten nordöstlichen Grenze Stellung zu beziehen. Kobanê hat große symbolische Bedeutung für die Kurden: Anfang 2015 vertrieben sie IS-Besatzer in einer Befreiungsschlacht. Wegen der türkischen Offensive haben die Kurden am Mittwochabend den Kampf gegen die IS-Terrormiliz ausgesetzt.

Angst vor Ausbreitung von IS-Sympathisanten

Der IS vermeldete am Donnerstag die "Befreiung" von mehreren Frauen aus kurdischer Haft in Syrien. Die Extremistengruppe erklärte über den Messenger-Dienst Telegram, ihre Kämpfer hätten ein Hauptquartier der kurdischen Sicherheitskräfte westlich von Raqqa gestürmt und von den Kurden "entführte muslimische Frauen befreit". In den vergangenen Tagen wurden bereits mehrere Ausbrüche und Fluchtversuche von IS-Sympathisanten gemeldet. Knapp 800 Frauen und Kinder von IS-Kämpfern sollen aus einem Lager bei Ain Issa geflohen sein.

Darüber, dass Österreicher unter den Entflohenen sind, liegen dem Außenministerium "keine Informationen" vor, wie ein Sprecher dem STANDARD mitteilt. Laut dem Außenamt in Wien befinden sich derzeit drei Österreicher in nordsyrischen Lagern – neben der Salzburgerin Maria G. und ihren beiden Kleinkindern und der Wienerin Evelyn P. mit ihrem Sohn auch ein Österreicher mit türkischen Wurzeln. Was die Rückholung von Maria G., Evelyn P. sowie den drei Kleinkindern betrifft, gibt es noch keine neuen Entwicklungen. Wann man das letzte Mal direkten Kontakt hatte, ließ das Ministerium unbeantwortet.

Der türkische Staatschef hatte am Mittwoch zunächst gesagt, er werde die US-Regierungsvertreter nicht treffen, diese Aussage kurz darauf aber revidiert.
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Amerikanische Vermittlungsversuche

US-Vizepräsident Mike Pence und US-Außenminister Mike Pompeo sind am Donnerstag in Ankara eingetroffen, um sich für eine Waffenruhe in Nordsyrien einzusetzen. Sie wollen in Gesprächen mit Präsident Recep Tayyip Erdoğan einen Stopp der türkischen Militäroffensive erreichen. Trump hatte seinen Amtskollegen in einem ungewöhnlich scharf formulierten Schreiben am 9. Oktober vor einem Einmarsch in Syrien gewarnt. Sollte Erdoğan dies tun, werde er als "Teufel" in die Geschichte eingehen, warnte Trump darin.

Russland reagierte nach eigenen Angaben erstaunt auf Trumps Schreiben – die aktuelle Lage an der türkischen Grenze bereite Moskau Sorge. Darüber wollten der russische Präsident Wladimir Putin und Erdoğan am kommenden Dienstag in der Schwarzmeer-Stadt Sotschi reden, so Peskow. Die beiden Präsidenten hatten erst diese Woche miteinander telefoniert. (red, APA, 17.10.2019)