Die Wiener Genesis ist eine fragmentarisch erhaltene griechische Handschrift aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Auf purpur gefärbtem Pergament wurde mit Silbertinte der Text des Buches Genesis, des ersten Buches der Bibel, geschrieben. Im unteren Drittel jeder Seite illustrieren Miniaturen den darüber liegenden Textabschnitt. Die 24 Blätter mit 48 Miniaturen werden seit 1664 in der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt. Das Werk stammt wahrscheinlich aus dem Nahen Osten und gelangte über Italien in die Sammlung von Erzherzog Leopold Wilhelm. Das seltene Beispiel spätantiker Buchkunst wurde mehrfach restauriert und verschiedenartig aufbewahrt. Zuletzt waren die einzelnen Folios zwischen je zwei Polyacrylatplatten stehend gelagert. Anlass zur Sorge bot vor allem die stark korrodierte Silbertinte, die bereits zu vielfachen Durchbrüchen und Fehlstellen geführt hatte.

Folio 15, Seite 29, der Traum des Joseph.
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Forschungsprojekt über drei Jahre

Ein vom FWF gefördertes Forschungsprojekt ermöglichte die eingehende Untersuchung von Pergament, Purpurfarbstoff, Tinten und Pigmenten durch eine internationale Forschergruppe. Die Herstellung und Färbung des Pergaments wurde rekonstruiert sowie das Alterungsverhalten von Silbertinten verschiedener Zusammensetzung in Versuchen nachgestellt. Die Untersuchung der für die Miniaturen verwendeten Pigmente ermöglichte die Rekonstruktion von Malerpaletten. Mit diesem Wissen wurde die Wiener Genesis am hauseigenen Institut für Restaurierung konserviert und ein neues Aufbewahrungssystem entwickelt. 

Durchlichtaufnahme von Folio 21.
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Rekonstruktion des Färbeprozesses

Beim Pergament handelt es sich um Schafspergament. Durch das Abziehen der obersten Hautschichten auf der Haarseite erhält man sehr dünne Pergamente, die auf beiden Seiten eine glatte Oberfläche aufweisen. Die spätantike Herstellung unterscheidet sich deutlich von der mittelalterlichen. Es konnte nachgewiesen werden, dass das Pergament hauptsächlich mit dem Flechtenfarbstoff Orchil-Purpur gefärbt wurde. Im Gegensatz zu Schneckenpurpur ist dieser Farbstoff sehr lichtempfindlich. Der Prozess des Färbens wurde in Versuchen rekonstruiert.

Neues Schafspergament: ungefärbt, a) mit Orchil, b) mit Folium, c) mit Schneckenpurpur gefärbt.
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Die Silbertinten bestehen aus metallischem Silber und Kupfer. Das Hauptkorrosionsprodukt der Tinten ist Silberchlorid. Vermutet wird, dass Salze bei der Herstellung der Tinten zum Einsatz kamen und später auch über die äußere Einwirkung von Feuchtigkeit in das Pergament und die Tinten gelangten.

Das Reiben von metallischem Silber zur Herstellung von Silbertinte.
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Die Identifizierung von Pigmenten und Farbstoffen auf den Miniaturen lässt gemeinsam mit stilistischen Unterschieden auf sieben verschiedene Maler schließen. Die antiken Künstler verwendeten eine zeittypische Palette mit individuellen Unterschieden, vor allem bei der Auswahl von blauen, grünen und schwarzen Pigmenten. Die Wiener Genesis ist ein Beispiel für den frühen Einsatz von natürlichem Ultramarinblau und von Eisengallustinte als Schwarzpigment.

Detail des Blaus im Himmel auf Folio 15, Seite 29, 16-fache Vergrößerung.
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Erhaltung des authentischen Zustands als Ziel

Bei der Konservierung wurden gefährdete Stellen im Text mit kleinen Brücken aus sehr dünnen Japanfaserpapieren gesichert. Das speziell angefertigte Japanpapier wurde mit einem Celluloseether beschichtet. Die trockene Beschichtung wurde mit Ethanol aktiviert, um möglichst wenig Feuchtigkeit einzubringen. Auf den Miniaturen wurden gefährdete Stellen partiell mit einer Fischleimlösung gefestigt. Die einzelnen Folios werden in zweifachen Umschlägen aus Japanpapier in Kartonmappen, die wiederum in versenkten Passepartouts lagern, aufbewahrt. Die Umschläge und Mappen wurden individuell an die Folios angepasst. 

Sicherung von fragilen Textteilen mit Japanpapierbrücken.
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

a) obere Zeile ohne Sicherung, b) obere Zeile mit Japanpapierbrücken, siehe Pfeile.

Ziel der Konservierung ist die langfristige Erhaltung eines möglichst authentischen Zustands der Wiener Genesis. Neue digitale Aufnahmen und ein neues Faksimile gewähren einen verbesserten Zugang zu diesem einzigartigen Werk spätantiker Buchkunst. (Christa Hofmann, 8.11.2019)

Christa Hofmann ist die Leiterin des Instituts für Restaurierung der Österreichischen Nationalbibliothek

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