Ewig (ein paar Stunden) ruhend.

Foto: StefanHuber.Media

Mirjam Unger (Regisseurin), Lisa Stadler (Leiche), Eva Testor (Drehbuch und Kamera)

Ich wollte immer schon in einem Krimi mitspielen, zumindest als Statistin. Also sage ich sofort zu, als der Anruf einer befreundeten Regisseurin kommt: "Lisa, wir brauchen eine blonde Frau in deinem Alter für den Landkrimi Tirol." Dann der Nachsatz: "Als Wasserleiche." Wie oft im Leben kann man schon "a schene Leich'" sein? Beim Fernsehen daheim habe ich schon oft zum Spaß ausprobiert, ob ich so lange, wie das Mordopfer im Film zu sehen ist, die Luft anhalten kann. Nur zwei Bedingungen stelle ich für den Dreh: Ich will nicht nackt sein und nicht im Leichenkühlraum liegen. Beides ist im Drehbuch zum Glück nicht vorgesehen. Wenige Wochen später beginnt mein Ausflug in die Filmwelt.

Wochenlang Wasserleichen

Eines vorweg: Eine Leiche zu spielen ist harte Arbeit. Die Visagistin bearbeitet stundenlang meinen Körper am Set. Die rot-grün-braunen Leichenflecken breiten sich recht schnell auf meinem Körper aus. "Jetzt gefällst du mir schon viel besser, ein bisschen Grün noch, und du schaust richtig tot aus. Da glaubt man wirklich, dass du gerade aus einem Tiroler Bergsee gefischt worden bist", sagt sie grinsend. Die Make-up-Artistin hatte wochenlang im Internet Bilder von Wasserleichen recherchiert, damit sie mir jetzt für meine Rolle als Leiche innerhalb von drei Stunden das Leben aushauchen kann. Für den Google-Algorithmus ist sie jetzt wahrscheinlich eine Perverse.

stadlerl

"Ist die Leich' schon richtig tot und fertig zum Abholen?", wird per Funk gefragt. Nun werde ich doch ein wenig unruhig. Die Nacht davor habe ich schlecht geschlafen. Werde ich eine gute Leiche sein? Ich muss ganz flach atmen, meine Augenlider dürfen nicht zucken, und ich sollte keine Gänsehaut bekommen. Das wäre alles verräterisch lebendig. Zur Vorbereitung habe ich in der Redaktion geübt und einfach die Augen geschlossen. Klingt einfach, ist es aber nicht! Machen Sie das gleich mal nach!

Am See, wo die Leiche (moi!) gefunden wird, werde ich noch einmal g' scheit hergerichtet: Mehrere Assistentinnen greifen herzhaft in den Gatsch und matschen mich ein. "Da schaut das G'wand noch viel zu sauber aus, das muss authentischer sein." Der Standfotograf schießt die Bilder, die später im Film gebraucht werden. Es muss alles ganz schnell gehen. Während ich da so liege, bewundere ich die Professionalität, mit der das Team arbeitet.

Der Fundort.
Foto: Carolyn Miller

"Ton läuft, Kamera läuft, und los geht's!" Ich versuche mich zu entspannen, aber das verdammte Flattern der Augenlider kann ich nicht verhindern. "Keine Sorge, das geht fast allen Leichen so, sogar den professionellen Schauspielern. Das können wir in der Post-Production einfrieren", beruhigt mich die Kamerafrau. Auch das kräftige Pulsieren meiner Halsschlagader werde man dann nicht mehr sehen. Diese Nachricht erleichtert mich.

Unheimlich lebendig

Rund zwei Stunden dauert der Dreh meiner Szene, ich werde von allen Seiten und sogar von einer Drohne gefilmt. Schon nach einer halben Stunde spüre ich das Oktober-Wetter in den Gliedern. Zum Glück liege ich auf einer Wärmeflasche, die zwischendurch nachgefüllt wird, und für die Drehpausen steht für mich ein winziges Zelt mit Heizstrahler bereit. Nur wenn ich aufstehe, merke ich durch die Blicke der Crew-Mitglieder, dass ich eigentlich tot bin. "Das ist unheimlich, wenn du so herumspazierst", sagt die Regisseurin. Wir könnten jetzt glatt einen Zombie-Film drehen.

Am zweiten Drehtag liege ich in einem echten Krematorium, auf einer Metallliege unter einem Tuch. Wieder werde ich gut umsorgt: unter mir eine Iso-Matte, in meinen Händen und an meinen Füßen Wärme-Pads. Nach rund zwei Stunden Dreh bin ich so entspannt, dass ich fast einschlafe. Im Film werden wohl nur wenigen Sekunden landen. Um mich herum höre ich die Crew geschäftig wuseln, ich vergesse fast, dass ich in einem Krematorium liege.

Am Set.
stadlerl

Doch dann kommt die Szene, in der ich vor einem Leichenkühlraum liege. Kurz vor der ersten Klappe wird die Tür geöffnet, heraus strömt ein unverwechselbarer Leichengeruch. Ich spüre, wie leichte Übelkeit in mir aufkommt. "Jetzt muss ich mich zusammenreißen", sage ich mir. Und dann ein anderer Gedanke: "Auch ich werde einmal so riechen." (Lisa Stadler, 2.11.2019)