Der Homo erectus (im Bild eine Rekonstruktion des sogenannten Nariokotome-Jungen im Neanderthal-Museum von Mettmann) kam weit herum. Wie genau er das gemacht hat, ist allerdings noch offen.
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Homo erectus war der erste globale Mensch. Fossilien der Spezies, die sich vor etwa zwei Millionen Jahren entwickelt hat, wurden in der menschlichen Urheimat Afrika ebenso gefunden wie in Asien und Europa, wo er sich über den Homo heidelbergensis schließlich zum Neandertaler weiterentwickelt hat.

Die ersten Seefahrer der Geschichte?

Seit den späten 1990er-Jahren wird die Hypothese diskutiert, ob Homo erectus auf seinen interkontinentalen Wanderungen auch Etappen übers Wasser zurückgelegt haben könnte – zumindest kurze. Bis nach Australien oder in die Amerikas hat er es nie geschafft, dafür hat er erwiesenermaßen auf einigen indonesischen Inseln gesiedelt. Es lässt sich allerdings nicht eindeutig rekonstruieren, ob diese auch zu seinen Lebzeiten vom Wasser eingeschlossen waren oder ob es damals aufgrund eines niedrigeren Meeresspiegels Landbrücken gab.

Die gleiche Frage wie in Indonesien stellt sich auch am anderen Ende seines einstigen Verbreitungsgebiets, in Europa. Seit 2013 ist ein internationales Team von Archäologen mit Ausgrabungen auf der Ägäis-Insel Naxos beschäftigt. Die Fundstätte von Stelida hat seitdem abertausende Steine mit Bearbeitungsspuren erbracht und ist laut den Forschern ein klarer Hinweis darauf, dass Naxos schon vor 200.000 Jahren besiedelt war – lange bevor der Homo sapiens so weit in den Norden kam.

Sehr viel frühere Besiedlung der Mittelmeerinseln

Früher gingen Paläoanthropologen davon aus, dass die Mittelmeerinseln extrem lange vom Menschen unberührt blieben. Während das europäische Festland schon vor einer Million Jahre vom Homo erectus besiedelt worden sein soll, seien die Inseln erst vor 9.000 Jahren vom Homo sapiens erschlossen worden. Nun müsse die Geschichte der Mittelmeerinseln möglicherweise komplett neu gedacht werden, sagt Tristan Carter von der kanadischen McMaster University, Hauptautor der jüngsten Studie über die Stelida-Funde, die in "Science Advances" erschienen ist.

Stelida Naxos

Und das betrifft nicht nur die Inseln selbst, sondern auch die Wanderungen der Urmenschen zwischen Afrika/Westasien und Europa. Bislang hielt man nur die Landroute über den Balkan für möglich. Laut Carter kommt aber aufgrund der neuen Funde auch eine Route über die Ägäis infrage. Das könnte aufgrund des sehr viel niedrigeren Meeresspiegels im Eiszeitalter ebenfalls ein Landweg gewesen sein. Die Forscher wollen aber auch die Möglichkeit nicht ausschließen, dass die Neandertaler respektive deren direkte Vorfahren gewisse Strecken übers Wasser zurücklegten. Wie im Fall von Indonesien, so weiß man auch hier nicht genau, wie viel von der Ägäis-Region damals trockenlag.

Eindeutige Beweise für seefahrende Neandertaler oder Homo erectus fehlen bislang – und werden dies wohl auch weiterhin tun. Hypothetische Boote oder Flöße aus Holz, Bambus und ähnlichen Materialien wären längst verrottet. Das mit Abstand älteste bisher bekannte Boot der Welt, der in den Niederlanden gefundene Einbaum von Pesse, ist etwa 10.000 Jahre alt. Und zu dieser Zeit gab es neben dem Homo sapiens schon lange keine anderen Menschenarten mehr. (jdo, 9.11.2019)