Die Scuderia sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert.

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Austin – Max Verstappen steht sicher nicht im Verdacht, dem diplomatischen Dienst anzugehören. Entsprechend klare Fragen bekommt der Niederländer gestellt – und entsprechend klare Antworten erhält man vom Red-Bull-Star. "Das passiert, wenn du aufhören musst zu schummeln", antwortete der 22-Jährige im niederländischen Fernsehen auf die Frage, warum Ferrari beim Großen Preis der USA einen eklatanten Einbruch erlebte.

Bei der Pressekonferenz legte Verstappen nach: "Ich bin überhaupt nicht überrascht nach dem, was rausgekommen ist. Das Stück Papier erklärt alles." In der Nomenklatur des Automobil-Weltverbands Fia trägt das angesprochene Dokument den Namen TD035/19. Dahinter verbirgt sich eine sogenannte technische Direktive an alle Formel-1-Teams, in der verbindlich mitgeteilt wurde, dass das Einspritzen von zusätzlichem Benzin in den Motor abseits der offiziellen Fia-Messungen untersagt ist.

Ferrari von Verstappen enttäuscht

Hinter vorgehaltener Hand wurde Ferrari im Fahrerlager spätestens seit Mitte der Vorsaison in den Verdacht gerückt, genau dies zu praktizieren – und so auf den Geraden Geschwindigkeitsvorteile zu erzielen, die bei der Konkurrenz für Kopfzerbrechen sorgten.

Just in Austin aber war vom großen Trumpf der Roten mit einem Mal nichts mehr zu sehen. Auf der 1,2 Kilometer langen Geraden war die Performance von Sebastian Vettel, der am Sonntag wegen eines Aufhängungsschadens ausschied, und des nur viertplatzierten Charles Leclerc keineswegs mehr atemberaubend.

"Wir waren am Samstag sehr dicht dran. Sebastian hätte fast die Pole Position geholt. Und bei Charles mussten wir einen alten Motor einsetzen", sagte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto zum schlechtesten Abschneiden der Scuderia seit dem Großen Preis von Spanien im Mai und versuchte, die Angriffe so zu entkräften. Kommentare wie den von Verstappen brandmarkte der Italiener als "enttäuschend" und "schlecht für den Sport".

Wolff lässt Interpretationsspielraum

Nicht wenige vermuten, dass der Zeitpunkt der Direktive kein Zufall war. Ferrari, das als einziges Team ein Vetorecht besitzt, hatte den neuen Regeln zur Saison 2021 zugestimmt und damit angeblich Verstappens Red-Bull-Rennstall und auch Mercedes verärgert.

"Wir haben uns die Daten von Ferrari angesehen. Ihre Höchstgeschwindigkeit sieht anders aus als bei den letzten Rennen. Ob das an der Direktive liegt, können wir nicht sagen", erklärte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff und ließ damit einigen Interpretationsspielraum.

Auch Lewis Hamilton, seit Sonntag zum sechsten Mal Weltmeister, ließ sich allenfalls eine Andeutung entlocken: "Ihre Geschwindigkeit war definitiv nicht mehr so, wie sie früher war. Da waren es sieben Zehntel, die wir auf den Geraden verloren haben."

Die Nerven bei der Scuderia sind in jedem Fall angespannt. Während der viermalige Weltmeister Vettel sich routiniert jeden Kommentar zur Verstappen-Attacke verkniff, ließ sich der 22-jährige Leclerc aus der Reserve locken. "Max hat keine Ahnung, er gehört nicht zum Team. Er weiß gar nichts", erklärte der Monegasse trotzig. Der Verdacht fährt wieder mit bei Ferrari. (sid, 4.11.2019)