Neapel, das ist nicht einfach nur eine Stadt. Eher eine Urgewalt. Der Wind fegt am Hafen über das Viertel Santa Lucia, "im November regnet es an fünf von sieben Tagen, schlechtes Timing", sagt Taxifahrer Raffaele, während er über das kaputte Kopfsteinpflaster brettert. Und dazu die Gerüche, alles vermischt sich: der Duft des Meeres, die Gassen, der Müll, der keinen groß interessiert. Zu schön ist Neapel. "Was ist dieser Haaland mittlerweile wert? 30 Millionen Euro? Oder mehr? Ein kolossaler Typ", sagt Raffaele, streckt die Brust raus und hebt den Kopf, bis dieser die Decke im Auto berührt. Erling Haaland erzielte vor zwei Wochen beim 2:3 beide Salzburger Tore.

Neapolitanische Fußballfans, und das sind fast alle Menschen in dieser Stadt, wissen, wer zu Besuch kommt, wenn Salzburg in der Champions League auf die SSC Napoli trifft (Dienstag, 21 Uhr). Beschäftigen tut man sich aber ausschließlich mit sich selbst. Neapel ist heruntergekommen, voll Nostalgie, dauernd unter Strom, liegt eingepfercht zwischen dem Meer und zwei Vulkanen. Früher war zwar auch nichts besser, aber zumindest war die SSC Napoli wer. Ob man durch die schmalen Straßen des Spanischen Viertels oder am Hafen entlangmarschiert, an Diego Maradona gibt es kein Vorbeikommen. Der Argentinier, der Napoli zu zwei Meisterschaften (1987, 1990) und zum Sieg im Uefa-Cup (1989) schoss, ist auch 30 Jahre später noch immer die Erfolgsgeschichte.

Heiligenschrein vor der Bar Nilo.
Foto: REUTERS/Ciro De Luca

Lokalaugenschein in der Bar Nilo in der Altstadt. An der Wand rechts neben dem Eingang hängt ein reich verzierter Heiligenschrein mit einem Bild Maradonas. Darunter ist ein Originalhaar Maradonas eingerahmt, das ihm der Barbesitzer selbst ausgerissen haben soll. Bis heute verehren ihn die Bürger, Neapel ohne Maradona ist wie Maria ohne Jesus.

Neapel, das ist auch die Geschichte des Südens. Das Großkapital siedelte sich nach der Einigung Italiens 1861 sukzessive im Norden an, der gesellschaftliche Graben wurde immer tiefer. "Es ist bequem, alles der Vergangenheit anzulasten, aber so kann Neapel nie aus dieser Misere herausgekommen", sagt die Neapolitanerin Philomena zum STANDARD im Gespräch auf der Piazza Dante.

Müllhalden

Bürgermeister der Stadt ist Luigi de Magistris, ein Star der alternativen Linken in Italien. "Er bringt nichts weiter. Man verkündet stolz, dass der Tourismus boomt. Aber schauen Sie sich die kaputten Häuser an. Und die Straßen sind weiter Müllhalden."

Ein Spaziergang bei Regen in den nur wenige Gehminuten entfernten Rione Sanità, ein berüchtigtes Viertel, ist gespenstisch. Kinder rasen auf Mopeds ohne Helm durch die engen Gassen. Sanità war einmal ein beliebtes Viertel, in jüngster Vergangenheit wurde es von Jugendbanden terrorisiert. Mittlerweile geht der Staat stärker gegen Drogenhandel, Schießereien und Arbeitslosigkeit vor, der ärmliche Eindruck bleibt. Viele Familien leben auf engstem Wohnraum, das Leben findet hauptsächlich auf der Straße statt. Es fehlt an allem, Bildungseinrichtungen, sozialer Infrastruktur. Es gibt keinen Sportplatz, kein Jugendzentrum, kein Kino.

Der Müll auf den Straßen Neapels ist allgegenwärtig. Die Arbeitslosigkeit in den Problemvierteln wird auf über 50 Prozent geschätzt.
Foto: Reuters/Stringer Italy

Die Wirtschaftskrise hat Italiens Süden hart getroffen. Das durchschnittliche Jahreseinkommen beträgt in Kampanien mit 16.800 Euro pro Kopf weniger als die Hälfte von jenem etwa in der Lombardei.

Philomenas Bekannter Michele ist Napoli-Fan, er kritisiert Trainer Carlo Ancelotti. In der Liga ist die SSC nur Siebenter, der Rückstand auf Juventus Turin beträgt elf Punkte. "Juve spielt 90 Minuten konzentrierter Fußball als wir", sagt Michele. Juve, der Abonnementmeister. Der reiche Verein der Agnellis, der Besitzer von Fiat, der Geldfürsten aus dem Piemont. "Das erste Ziel ist nun, dass wir uns in Europas Spitze etablieren."

"Napoli bringt Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zusammen, sei es aus den Nobelvierteln, sei es aus den Blockbauten. Napoli gehört allen Neapolitanern", beschreibt der Sportjournalist Mimmo Carratelli das Gefühl, das dieser Verein vermittelt.

Überdimensionaler Maradona in Neapel.
Foto: APA/AP/Cesare Abbate

Die Sehnsucht nach dem Scudetto lebt halt weiter. Es war aber alles schon schlimmer. Für 29 Millionen Euro kaufte Vereinspräsident Aurelio De Laurentiis 2004 Napoli vom Insolvenzverwalter. Der Klub hatte sich in die Drittklassigkeit und damit in den Ruin gewirtschaftet. 2007 gelang die Rückkehr in die Erstklassigkeit, 2011 die erstmalige Teilnahme an der Champions League.

Diese Saison dürfte Napoli knapp 200 Millionen Euro erwirtschaften und liegt damit knapp außerhalb des Rankings der 20 vermögendsten Vereine Europas. Die Spielstätte bleibt dennoch eine marode Betonschüssel. Aber mit Charme, so wie die ganze Stadt. Mehrfach hat der wortgewaltige De Laurentiis gedroht, das Team nach Bari umzusiedeln. "Ich könnte in zwei Sekunden Land kaufen und in 18 Monaten ein neues Stadion gebaut haben." Aber das San Paolo ist Teil der Geschichte der SSC Napoli, hier hat Diego Maradona Wunder vollbracht. De Laurentiis hat das Stadion jüngst gar als "Toilette" bezeichnet. Salzburg will sich seine Champions-League-Träume dort nicht wegspülen lassen. (Florian Vetter aus Neapel, 5.11.2019)