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Der schmale Korridor, der zu Freiheit und Wohlstand führen soll: China ist links davon, der Staat ist stark und die Gesellschaft schwach. Die Tiv, eine Ethnie in Nigeria, haben nur eine starke Gesellschaft und sind rechts davon. Nur in der Mitte, in der Balance zwischen Gesellschaft und Staat, gibt es nach Daron Acemoğlu und James Robinson mit der Zeit Wohlstand für die breite Masse (auch wenn vielleicht erst nach hundert oder tausend Jahren).

Foto: Acemoglu / Robinson

"The Narrow Corridor" ist Ende September erschienen (23 Euro, 576 Seiten).

Foto: Penguin Random House

Der Vorgänger, "Why Nations Fail", ein dicker Wälzer, der sich mit der modernen Geschichte der Welt und Arm und Reich beschäftigt, wurde bis dato 800.000-mal verkauft.

Foto: Penguin Random House

Warum ist Südkorea reicher als Nordkorea? Beide haben die gleiche Kultur. Ist Afrika wegen seiner Geografie großteils arm? Israel ist auch nicht das wirtlichste Land – und trotzdem reich. Warum sind manche Ex-Kolonien reicher (USA) und andere ärmer (Peru)? Warum blieb Russland nach dem Ende der Sowjetunion so autoritär, warum wurde Polen wohlhabend, und warum kollabierte Tadschikistan? Wenn jemand Antworten auf all diese Fragen hat, ist er entweder verrückt oder heißt Daron Acemoğlu oder James Robinson.

Zerstörte Gebäude in Daraa in Syrien: Damit Staat und Gesellschaft funktionieren, müssen sie einen "engen Korridor" entlang, heißt es in einem neuen Buch.
Foto: APA/AFP/MOHAMAD ABAZEED

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Daron Acemoğlu arbeitet am MIT und ist einer der forschungsstärksten Ökonomen der Welt. Der Politikwissenschafter James Robinson (University of Chicago) ist seit Jahrzehnten sein bewährter Kompagnon. Gemeinsam erklären die beiden die Welt. Mit Why Nations Fail haben sie einen globalen Bestseller geschrieben, in dem sie die Ursprünge von armen und reichen Ländern klinisch untersuchten. 800.000 Stück wurden bis dato verkauft. Jetzt ist der Nachfolger erschienen, The Narrow Corridor. Um ihr neues Buch zu verstehen, lohnt es, einen Schritt zurück zu machen.

Warum sind manche Länder arm? Beliebte Antworten: Weil sie ausgebeutet wurden. Oder: Es fehlt ihnen an Kapital. (Darum: Ein Marshallplan für Afrika!) Ebenfalls beliebt: Es sind die Diktatoren, die "falsche" Politik machen. Letzteres hat Jahrzehnte auf die Politik vieler Länder gewirkt. Etwa indem Organisationen wie der Internationale Währungsfonds schlicht die "richtige" Politik verschrieben: kürzen, privatisieren, liberalisieren. Das stimmt alles ein wenig, und doch ist es grundlegend anders, sagen Acemoğlu und Robinson seit 20 Jahren – und prägten so entscheidend, wie viele in der Wissenschaft über das Thema denken.

Heute dicht besiedelt, früher weniger: New York City.
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Ihre Theorie lässt sich am besten an einem Beispiel veranschaulichen: an Nord- und an Südamerika. Bevor die Europäer kamen, war der Süden reicher als der Norden. Der Süden war dichter besiedelt, politisch zentralisierter, es gab etwa das Inka-Reich und die Azteken. Im Norden lebten viel weniger Menschen auf großem Raum. In den Teilen Südamerikas, in denen es viel mehr Menschen gab, konnte man sie einfach ausbeuten – und genau das passierte auch.

Die Europäer haben Institutionen geschaffen, damit sich eine kleine, europäische Elite den Rest der Bevölkerung untertan machen konnte. Im Norden hingegen, wo es wenig zu holen gab, bauten sie Institutionen auf, damit sich die Menschen selbst etwas aufbauen konnten. Während Land und Ressourcen in Südamerika extrem ungleich verteilt wurden, bekamen im Norden viele ein Stück Land und konnten politisch mitreden. Die Gesetze im Süden dienten zur Ausbeutung, im Norden war ihre Funktion – ähnlich wie in Europa –, Eigentum zu schützen und Verträge durchzusetzen.

Die Buchautoren nennen das extraktive und inklusive Institutionen. Letztere sind in ihrer Lesart der Schlüssel zu Wohlstand. (Klar ist auch, dass die Institutionen in Nordamerika nur für Weiße und nur für Männer "inklusiv" waren und dass dabei viele Indigene vertrieben oder getötet wurden.) Die Menschen in den heutigen USA hatten also keine bessere Geografie wie fruchtbares Land, nicht mehr Kapital (Südamerika hatte mehr) und waren nicht fleißiger, sondern sie hatten und haben die besseren politischen Institutionen. Das wirkt bis heute nach.

Ein Bursche in Ayacucho, einer der ärmsten Regionen Perus: Das Land ist gespalten, und Indigene kämpfen mit Diskriminierung – Nachwirkungen des Kolonialismus.
Foto: AP / Rodrigo Abd

Ein Land ist dann wohlhabend, wenn es wie die USA oder England innovative Firmen und Arbeitskräfte hat. So weit sind sich die meisten Ökonomen einig. Wie es aber dazu kommt, dass manche mehr und andere weniger haben, ist nach wie vor ein Streitthema. Hier liegt ihr großer Beitrag. Dass Institutionen wichtig sind, haben nicht Acemoğlu und Robinson entdeckt. Das betonte zuvor etwa schon Douglass North. Neu war ihr kreativer Zugang, das mit Daten nachzuweisen.

Sie haben mit ihren frühen Arbeiten Anfang der 2000er riesige Diskussionen ausgelöst. Nicht alle teilen ihre Auffassung, aber die meisten stimmen heute zu, dass Institutionen eine wichtige Rolle spielen. Spätestens mit ihrem Buch Why Nations Fail haben sie das in den Köpfen vieler festgesetzt. In ihrem neuen Buch, The Narrow Corridor, legen sie das nun wohl auch deshalb zur Seite und suchen Antworten auf neue Fragen.

Gerade geht es im britischen Parlament drunter und drüber: Historisch ist ein Abgeordnetenhaus aber eine prägende Institution starker Gesellschaften, in dem nicht nur eine kleine Elite etwas zu sagen hat.
Foto: APA/AFP/UK PARLIAMENT/JESSICA TA

Der Titel des Buchs ist ihre zentrale Theorie. Es gibt einen ganz schmalen Korridor für Gesellschaften, schreiben sie, in dem die Menschen frei sind und in Wohlstand leben können. Um dort hineinzukommen, braucht es eine Balance zwischen Gesellschaft und Staat. Je stärker das eine, desto stärker muss das andere sein. Im Idealfall, und der findet sich etwa in Teilen Europas, ist das ein demokratischer Staat mit starker Zivilgesellschaft, Vereinen, Gewerkschaften.

Warum klappt das in West- und Nordeuropa? Eine Aneinanderreihung von Umständen: Die Region hat die staatlichen Strukturen des Römischen Reichs und die Hierarchie der Kirche geerbt, die eine starke Seite. Die andere: die schon vor tausend Jahren partizipative Regierungsform germanischer Stämme wie der Franken. Das eine hat mit der Zeit das andere mitgezogen, Schritt für Schritt seien so Demokratien entstanden, die der Masse Wohlstand bieten konnten.

Potenziell ein Problem für die Theorie der beiden: China. Im Bild: Schanghai.
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In China ist seit jeher nur der Staat stark, die Gesellschaft schwach. Darum ist es nicht im Korridor und wird, ihrer Theorie zufolge, nicht an den Wohlstand des Westens anschließen. Denn wie in der Sowjetunion kann ein Land wirtschaftlich aufholen, indem es bestehende Technologien übernimmt. Um auf den Standard des Westens zu kommen, sind aber Innovation und Experimentierfreude gefragt. Davon gibt es laut den beiden in einer autokratischen Gesellschaft, in der mit Angst und Schrecken regiert wird, aber zu wenig.

Das ist ein Teil ihrer Theorie, der schon lange für Kritik sorgt. Ob eine Gesellschaft wirklich demokratisch organisiert sein muss, damit ein Land wohlhabend wird, ist umstritten. Wo ihr neues Buch weitergeht als das vorherige: Demokratie allein ist zu wenig. Veranschaulicht wird das etwa am Beispiel Indiens, das der vorigen Theorie Probleme bereitete. Es ist die größte Demokratie der Welt und trotzdem arm. Der Staat funktioniert aber nicht gut – und das Kastensystem verhindert, dass sich die Gesellschaft mobilisiert und ihn nach und nach stärker macht, wie etwa in Europa. Sind Staat und Gesellschaft schwach, bleibt das Land arm.

Die größte Demokratie der Welt ist relativ arm: Indien.
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Es gibt aber nicht nur demokratische oder schwache Staaten, sondern auch Regionen, wo es lange gar keine gab: In Afrika führen sie das Beispiel der Tiv in Nigeria an, eine Ethnie, die nie staatliche Strukturen entwickelte. Sie haben zwar Sprache, Kultur und Territorium, die Gesellschaft ist aber so gegliedert, dass es keine politische Hierarchie gibt und so keine staatlichen Strukturen entstanden sind. Ohne die sind der Entwicklung starke Grenzen gesetzt. Die Tiv sind nicht im Korridor, und darum gibt es weder Freiheit noch Wohlstand.

In einer Studie haben sie Afrika früher schon einmal näher durchleuchtet. Die Kombination aus dem Problem der Tiv – einem schwachen oder nicht vorhandenen Staat – und den Nachwirkungen des Kolonialismus ist für sie der Hauptgrund dafür, warum der Großteil Afrikas arm ist. Wie in Südamerika haben die Europäer Staaten erschaffen, die dazu da waren, die Menschen auszubeuten. So etwas ändert sich nicht von heute auf morgen. Dass meist viele verschiedene Ethnien in ohnehin schwachen Staaten leben, macht es der Gesellschaft schwer, sich zu mobilisieren und den Staat mit der Zeit besser zu machen.

Wenn der Staat nicht funktioniert, liegt auch die Wirtschaft darnieder: Demokratische Republik Kongo.
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Was man tun kann, um in den Korridor zu kommen, behandeln sie im Buch kaum. Was bleibt, ist ein Rahmen, mit dem sich die Welt deuten lässt. Die Geschichte vieler Gesellschaften über hunderte Jahre in ein einziges Modell zu pressen ist gewagt, aber mit ein Grund dafür, warum die beiden derart erfolgreich sind. Sie sind Meister der Erzählung und füttern ihre große Theorie mit vielen kleinen Anekdoten an. Damit ist das Buch nicht nur ein wichtiger Schritt für die Forschung – sondern auch für den interessierten Leser geeignet.

Das Buch erscheint unter dem Titel "Gleichgewicht der Macht. Der ewige Kampf zwischen Staat und Gesellschaft" am 27.11. bei Fischer auf Deutsch.

Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, melden Sie sich für den Newsletter an. Ich schreibe Ihnen, wenn im Rahmen der Serie ein neuer Beitrag erscheint. (Andreas Sator, 10.11.2019)

Korrektur, 11.11.: In einer ersten Version des Artikels wurden die Tiv fälschlicherweise als Tsiv bezeichnet. Danke an User "Symlink" für den Hinweis.