Dieses Jungtier hat noch einiges an Wachstum vor sich: Ausgewachsen werden Aye-Ayes etwa 40 Zentimeter lang, dazu kommt ein halber Meter Schwanz.
Foto: AP Photo/ Barry Batchelor

Den Titel des außergewöhnlichsten Primaten von allen wird dem Menschen wohl niemand absprechen können – aber das Aye-Aye oder Fingertier (Daubentonia madagascariensis) belegt einen souveränen zweiten Platz. Es gehört zu den nur auf Madagaskar beheimateten Lemuren, doch selbst in dieser etwas speziellen Primatengruppe nimmt es noch eine Sonderstellung ein.

Blickt man dem großohrigen Tier ins Gesicht, könnte man den Eindruck gewinnen, in seinem Stammbaum hätte sich irgendwann eine Fledermaus eingeschlichen. Der bei Primaten einzigartige Umstand, dass seine Schneidezähne zeitlebens weiterwachsen, hat zudem dazu geführt, dass das Aye-Aye nach seiner Entdeckung zunächst für ein Nagetier gehalten wurde. Molekulargenetische Untersuchungen haben aber eindeutig gezeigt, dass es von denselben Ur-Lemuren abstammt, die Madagaskar einst vom afrikanischen Festland aus besiedelt haben. Es hat sich nur in eine etwas andere Richtung entwickelt als der Rest der Verwandtschaft.

Das Fell der ausgewachsenen Tiere ist dunkelbraun bis schwarz.
Foto: David Haring/Duke Lemur Center

Mit Fledermäusen teilt es allerdings zwei weitere Merkmale: nämlich Nachtaktivität und extreme Fingerverlängerung. Bei den Fledermäusen sind alle Finger außer dem Daumen stark verlängert, um die Flughaut aufzuspannen. Beim Aye-Aye hingegen ragen aus den ohnehin schon überlangen Fingern Nummer 3 und 4 noch einmal ein Stück heraus, um ihre jeweilige Funktion auszuüben.

Den dritten Finger, der auch noch auffallend dünn ist, benutzt es, um damit Baumrinde abzuklopfen. Mit dem vierten, dem allerlängsten, angelt es sich dann die Insekten aus den Höhlen, die es mit seinem Geklopfe aufgespürt hat. Ökologisch betrachtet nimmt es damit die Rolle ein, die in den meisten Waldregionen der Welt Spechte innehaben – ein Beispiel dafür, wie die Evolution beim selben Anforderungsprofil zu ganz unterschiedlichen Lösungsmöglichkeiten kommen kann.

Und als wäre das alles nicht schon ungewöhnlich genug, haben Forscher der North Carolina State University nun im "American Journal of Physical Anthropology" eine weitere Besonderheit des Aye-Ayes vorgestellt: Es wird seinem deutschen Namen offenbar nicht nur mit fünf, sondern mit sechs Fingern gerecht. Die Hände der Aye-Ayes verfügen über einen zusätzlichen "Pseudo-Daumen".

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Diese überraschende Entdeckung hat das Team um Adam Hartstone-Rose und Edwin Dickinson gemacht, als es die Aye-Aye-Anatomie genauer unter die Lupe nahm. Die Forscher untersuchten die Sehnen an den Vordergliedmaßen eines Tiers, als sie feststellten, dass eine der Sehnen zu einer zuvor übersehenen Struktur am Handgelenk abzweigte. Die erwies sich dann bei näherer Betrachtung als funktionaler als gedacht: "Der Pseudodaumen ist definitiv mehr als nur ein Knubbel", sagt Hartstone-Rose.

Dieser Pseudodaumen enthält sowohl Knochen- als auch Knorpelgewebe sowie drei verschiedene Muskeln, die ihm einen gewissen Bewegungsspielraum verleihen. Weitere Analysen ergaben, dass er eine Kraft ausüben kann, die immerhin dem halben Körpergewicht eines Aye-Ayes entspricht (das im Schnitt etwa zweieinhalb Kilogramm auf die Waage bringt). Weitere fünf Exemplare – Männchen wie Weibchen, Junge wie Alte – wurden untersucht, und alle wiesen dieselbe Struktur auf.

Aye-Ayes kommen zwar des öfteren auf den Boden herunter, für ihre Lebensweise sind Bäume aber unabdingbar. Rodungen haben die Spezies daher in Gefahr gebracht.
Foto: Foto: David Haring/Duke Lemur Center

Die Forscher nehmen an, dass die Pseudodaumen die Mittelfinger kompensieren, die durch ihre Überspezialisierung beim Klettern keine Hilfe mehr sind. Die in drei Richtungen beweglichen Pseudodaumen haben einen ähnlichen Spielraum wie unsere Daumen und würden dem Tier damit einen festeren Griff verleihen.

Es ist dies keine einzigartige Entwicklung im Reich der Säugetiere: Große Pandas können ihre Nahrung, Bambus, nur dank einem sehr ähnlichen zusätzlichen "Daumen" in den Tatzen halten, und Maulwürfe vergrößern durch einen Extradaumen an jeder Vorderpfote deren Schaufelfläche beim Graben. Das Aye-Aye jedoch ist der einzige Primat, bei dem man so etwas je gesehen hat.

Apropos "gesehen": Erstbeschrieben wurde das Aye-Aye bereits 1788 – und doch ist der Pseudodaumen erst jetzt identifiziert worden. Hartstone-Rose: "Es ist verblüffend, dass er die ganze Zeit dagewesen ist, aber ihn bis jetzt niemand bemerkt hat." (jdo, 6. 11. 2019)

Wäre ewig schade, wenn ein solcher Anblick aus der Welt verschwände: Damit das Aye-Aye nicht ausstirbt, gibt es in einer Reihe von Zoos und Instituten – allen voran dem Duke Lemur Center in North Carolina – Zuchtprogramme.
Foto: AP Photo/Bristol Zoo Gardens