Martin Scorsese sorgt sich um die Zukunft des Kinofilms.

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Von einer "schrecklichen Traurigkeit" sei er erfüllt, während er diese Worte niederschreibe. Martin Scorseses abschließende Worte seines am 4. November publizierten New-York-Times-Artikels widmen sich den "brutalen und unwirtlichen" Bedingungen, mit denen sich angehende Filmschaffende konfrontiert sehen. Die Schuld weist er der Produktionsmaschinerie großer Filmstudios wie Disney zu, jenem Filmriesen, dem u. a. die Studios von Pixar, Marvel und 20th Century Fox angehören.

Zuvor hagelte es von Marvel-Film-Mitwirkenden wie etwa Samuel L. Jackson oder James Gunn Kritik an seinen Statements, denen zufolge jene Filme "kein Kino" seien, sondern vielmehr "Freizeitpark"-Charakter hätten. Scorseses Filmkollege und Freund, Der-Pate-Regisseur Francis Ford Coppola, ließ sich wiederum dazu hinreißen, Marvel-Filme als "abscheulich" zu bezeichnen.

"Marty" gegen Goliath

Wäre Scorsese ein Vertreter der Frankfurter Schule, wäre das Wort "Kulturindustrie" schon längst gefallen. Immerhin spricht der Silence-Regisseur von gegenwärtigen Filmen als "perfekt für den unmittelbaren Konsum hergestellten Produkten".

Scorsese versteht es, den katholischen Glauben mit seiner Liebe zum Kino zu verweben und damit seinen Filmen eine persönliche Note einzuschreiben. Wie ein wilder Stier, Taxi Driver oder Goodfellas sind nur einige der Titel, mit denen er das Publikum in verschiedene Ecken menschlicher Höhen und Abgründe entführt.

Für den Film The Irishman dreht Martin Scorsese zum ersten Mal mit der Schauspiellegende Al Pacino (li.). Für Robert de Niro (re.) und Scorsese stellt das bereits die neunte Zusammenarbeit dar.
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Der Italoamerikaner ist kein alter, weißer Mann, der den "guten alten Zeiten" hinterherweint. Vielmehr spricht aus ihm die Sorge, dass der Film als Kunstform an Wert verliert und vor den Marktmechanismen kapitulieren muss. Er selbst sah sich gerade erst dazu gezwungen, mit Netflix zu kooperieren, da kein anderes Studio seinen Film The Irishman produzieren wollte. In Claire Denis, Ari Aster, Spike Lee oder Kathryn Bigelow erkennt Scorsese kontemporäre Vertreterinnen und Vertreter jenes Kinoverständnisses, mit dem er selbst aufgewachsen ist. Im NYT-Artikel stellt er die Arbeiten dieser Regiegrößen neben Filmlegenden wie Ingmar Bergman, Jean-Luc Godard und Alfred Hitchcock. Scorsese zeigt hier nicht bloß seine Namedropping-Skills auf. Er drückt mit diesen die Hoffnung aus, dass kleinere, risikoaffinere Filme ihre Aufmerksamkeit gegenüber den großen Auf-Nummer-sicher-Filmen nicht komplett einbüßen müssen.

CGI für die Massen

Schaut man sich die erfolgreichsten Filme der letzten zehn Jahre an, ist Scorseses Sorge durchaus zu teilen. Es sind nicht nur die Marvel-Filme (wohlgemerkt: 23!), sondern auch Filmreihen wie etwa die Autofetisch-Blockbuster The Fast and the Furious oder Horror-Franchises wie das The Conjuring-Universum, die mit ihren CGI-Spektakeln die Massen in die Kinos bewegen und sich fortwährend reproduzieren. Trotz einzelner, selbstkritischer Lichtblicke.

Technische Innovationen sind "Marty" aber auch kein Fremdwort. So verjüngte er in The Irishman dank CGI seine Hauptdarsteller um mehrere Jahre. Außerdem produzierte er den erfolgreichen Comicfilm Joker mit. Scorseses Worte sind letztlich als Appell zu verstehen, trotz der finanziellen Übermacht der Filmkonglomerate, nicht die kleinen Geschichten zu vergessen, in denen die Emotionalität und Magie des Kinos bewahrt werden. (Huy Van Jonny Diep, 7.11.2019)