Wem neue Zeitmesser zu teuer sind, der weicht auf solche aus zweiter Hand aus und wird im Internet fündig: "Certified pre- owned" lautet das neue Zauberwort.

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In den Schubladen der Uhrensammler schlummern weltweit Schätze im Wert von hunderten Milliarden Euro. Dabei handelt es sich nicht nur um spezielle Modelle.

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Die Sache ist jetzt riesig. So riesig, dass man sie nicht mehr ignorieren kann: Auf rund 17 Milliarden US-Dollar (15 Mrd. Euro) schätzt die Beratungsfirma Bain & Company den Markt für gebrauchte Uhren allein für das Jahr 2018.

Überschlagsrechnungen gehen beim globalen Bestand an Secondhand-Zeitmessern sogar von einem Wert im dreistelligen Milliardenbereich aus. In den Tresoren von Uhrenbesitzern sollen weltweit tickende Preziosen im Wert von etwa 500 Milliarden US-Dollar (rund 450 Mrd. Euro) liegen.

Auch wenn Letzteres übertrieben scheint, sind sich Analysten und Experten einig, dass dieser "Sekundärmarkt" im Uhrengeschäft ein Vielfaches des "Primärmarkts", also des Handels mit neuen Uhren, ausmacht.

Elektrisierende Zahlen

Und: Er ist dabei, diesen abzuhängen – dank unglaublicher Wachstumsraten. 30 Prozent sind es in den letzten Jahren gewesen, analysiert man beim Finanzdienstleister Vontobel. Dabei sei das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht. Im Vergleich dazu wuchs der Handel mit neuen Uhren in letzter Zeit im mittleren einstelligen Bereich.

Kein Wunder also, dass der etablierte Uhrenhandel und so mancher Hersteller von diesen Zahlen elektrisiert sind. Vergangenes Jahr prophezeite François-Henry Bennahmias alten Uhren eine große Zukunft.

Der Chef der Luxusuhrenschmiede Audemars Piguet sagte im Gespräch mit dem Standard: "Wir nehmen uns hier die Autoindustrie zum Vorbild und wollen ein entsprechendes Angebot für gebrauchte Modelle auf den Weg bringen."

"Certified pre-owned"

Erste Tests habe das Unternehmen bereits in seiner Genfer Boutique durchgeführt, ein flächendeckendes Angebot solle bald folgen. Breitling-Boss Georges Kern stößt ins selbe Horn: "Warum sollte die Uhrenindustrie die einzige sein, die keine Secondhandprodukte anbietet? Jedes Luxusauto gibt es gebraucht direkt von der jeweiligen Marke zu kaufen."

"Certified pre-owned", kurz CPO, lautet das Zauberwort: Die Uhrenmarken nehmen ihre eigenen Produkte zurück und verkaufen sie nach einer Revision mit voller Garantie weiter. Kleinere Hersteller wie H. Moser & Cie oder MB&F bieten solche Modelle bereits auf ihren Websites an.

Wasser abgegraben

Haben wir es hier also mit Visionären zu tun? Nein. Tatsächlich sehen Hersteller wie Fachhandel ihre Felle davonschwimmen. Sie fühlen sich von Onlineplattformen gefährdet, die rund um den Erdball entstanden sind und die sich voll auf das Thema draufhauen. Diese heißen Chrono24, Watchfinder, Chronext, Bob's Watches oder Watchbox und machen eigenen Angaben zufolge bereits Millionen Umsätze mit "pre-owned" Uhren.

So graben sie fallweise selbst den etablierten Auktionshäusern das Wasser ab, da sie es als seriöse Anbieter mit Transparenz und Garantieversprechen geschafft haben, den Secondhandmarkt aus der Schmuddelecke zu holen. Ebay zum Beispiel ist gerade im Begriff, einen eigenen Authentifikationsservice für Luxusuhren aufzubauen.

Ein Großteil beschäftigt zertifizierte Uhrmacher und Experten, die die Zeitmesser revidieren und begutachten sowie Logistik und Wiederverkauf übernehmen. So konnten die Portale die (berechtigte) Sorge bezüglich Betrug und Fälschungen beim Onlinehandel mit teuren mechanischen Zeitmessern aus der Welt schaffen.

Preiswerte Alternativen

Manche bringen nur Verkäufer und Käufer zusammen, manche sind gar schon mit eigenen, edel ausgestatteten Boutiquen etwa in London vertreten.

Die Plattformen haben nicht zuletzt die Zeichen der Zeit erkannt. Denn die Zahl der Fans mechanischer Uhren wächst. Einige wollen ein bisschen Abwechslung in ihre Sammlung bringen oder sind auf der Jagd nach speziellen Modellen. Viele Luxusuhren, speziell aus limitierten Editionen, existieren praktisch nur noch im Sekundärmarkt. Die üblichen Verdächtigen kommen von Rolex und Patek Philippe.

Das Gros der Uhreninteressierten allerdings kann mit dem immer höheren Preisniveau neuer Zeitmesser schlicht nicht mehr mithalten und schaut sich nach preiswerten Alternativen um. Sie finden diese auf dem Gebraucht- und Vintageuhrenmarkt.

Das Internet hat diese Suche immens erleichtert. Heute kann eine Uhr von Millionen Interessenten zugleich gesehen werden. Das hat die "Spielregeln" des Handels grundlegend verändert. Hinzu kommt, dass das Thema einem nachhaltigen Zeitgeist entgegenkommt, eine Uhr ist ja per se kein Wegwerfprodukt und lebt, pflegliche Behandlung vorausgesetzt, beinahe "ewig".

Turbolader

Lange Zeit hat die nicht umsonst als konservativ verschriene Uhrenbranche nur passiv zugesehen, wie Dritte den großen Reibach machen. Aber spätestens seit das Geschäft nicht mehr so hervorragend läuft, scheint sich der Wind zu drehen.

Seit Richemont, der zweitgrößte Luxuskonzern der Welt mit Uhrenmarken wie Jaeger-LeCoultre, IWC oder Panerai, die einschlägige, höchst profitable britische Uhrenplattform Watchfinder gekauft hat, scheint Bewegung in die Sache zu kommen.

Dann der Knalleffekt, der in der Uhrenwelt gar als "Zeitenwende" oder "Turbolader" tituliert wird: Bucherer, immerhin der weltgrößte Uhren- und Schmuckeinzelhändler der Welt, steigt in das Geschäft mit CPO-Uhren ein. Erster Schritt war 2018 die Übernahme des größten Uhrenhändlers der USA, Tourneau.

"Das wird groß"

Was das Unternehmen für die Schweizer zudem attraktiv macht – es ist in einem US-Marktsegment etabliert, in dem Bucherer bislang nicht tätig war: certified pre-owned. So gilt der US-Händler als größter Käufer von Secondhanduhren in den USA. Bringt also das nötige Know-how auf diesem Gebiet ein.

"Das wird groß, sehr groß", lässt sich Patron Jörg Bucherer, Eigentümer und Verwaltungsratspräsident von Bucherer, in der Handelszeitung zitieren und sagt, mit Anspielung auf die diversen genannten Plattformen: "Nicht Franzli oder Peterli stellt ja das Zertifikat für die gebrauchten Uhren aus, sondern Bucherer."

Tatsächlich stehen die Chancen gut, dass sich mit dem tadellosen Ruf seines Unternehmens auch auf diesem Marktsegment ordentlich Umsatz machen lässt. Online kann man bei Bucherer bereits CPO-Zeitmesser kaufen, stationär auch in der Genfer Boutique, wo ein eigenes Geschoß dafür reserviert ist.

Kannibalisierung

Diese Entwicklungen hat man auch in Wien mitbekommen. Bei Juwelier Wagner zum Beispiel sieht man das Thema so: "Wir waren bisher nicht in dem Geschäftsmodell 'Certified pre-owned'-Uhren tätig", sagt Hermann Gmeiner-Wagner und hält fest: "Wir arbeiten auch nicht an konkreten Erweiterungsplänen in dem Umfeld." Man werde sich wie bisher auf den Verkauf neuer Uhren und Juwelen konzentrieren.

Tatsächlich werden bereits Bedenken geäußert, dass sich der Uhrenhandel damit selbst kannibalisieren könnte. Dem gegenüber steht ein starkes Argument: Man kann mit diesem Geschäftsmodell die heiß umworbene Gruppe der Millennials ansprechen.

Denn die ist sowohl dem Thema Nachhaltigkeit als auch Onlineshopping gegenüber positiv eingestellt. Und was besonders wichtig ist: Millennials haben keinerlei Berührungsängste mit Luxuswaren aus zweiter Hand. (Markus Böhm, RONDO exklusiv, 5.1.2020)

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