Eine Scientology-Kirche in Los Angeles.

Foto: AP / Vogel

Wien – Manch aufmerksamer Besucher, der in den letzten Tagen auf der Buch Wien flanierte, staunte an einer Ecke bei genauerem Hinsehen nicht schlecht: Angeboten wurden beim Stand des New-Era-Verlags Bücher von L. Ron Hubbard, der seines Zeichens nicht nur Autor, sondern auch Gründer von Scientology war.

Bei der Seriosität einer Messe wie der Buch Wien mag die Präsenz der Gemeinschaft verwundern. Doch das ist eine bewusste Strategie, sagen Experten: "Sie versuchen sich in Systeme zu begeben, wo sie unauffällig und dadurch harmlos wirken", sagt Psychologe Martin Felinger, der sich auch bei der Gesellschaft gegen Sekten- und Kultgefahren engagiert. Sie würden dann vom hochangesehenen Ruf ebenjenes Umfelds profitieren, und das sei "natürlich gefährlich".

Grenze Strafrecht

Man müsse sich die Frage stellen, ob man solchen Gruppen die Türen öffnen sollte, so Felinger – besonders bei Veranstaltungen, die öffentlich subventioniert werden. "Uns ist die Situation bewusst", sagt Gustav Soucek, Geschäftsführer der Buch Wien. Man habe aber aktuell keine Möglichkeit, anders zu agieren. Laut Informationen ihres Anwalts sei der Buch Wien aufgrund der Einmaligkeit und Größe als führender Buchmesse Österreichs ein Kontrahierungszwang auferlegt – es gebe also keine Möglichkeit, Aussteller vor die Tür zu setzen. Die Grenze werde somit dort gesetzt, wo das Strafrecht beginnt, sagt Soucek.

Denn auch wenn Scientology in Österreich nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt ist, ist es auch nicht verboten. Ob der Verfassungsschutz hierzulande die Bewegung noch immer beobachtet, darüber halten sich die Behörden bedeckt. 2012 hieß es vom Wiener Landesamt für Verfassungsschutz gegenüber der "Presse", dass man sehr wohl ein Auge auf die Bewegung habe. Ein führender Verfassungsschützer attestierte den Lehren Hubbards "verfassungsgefährdende Aspekte" und berichtete von Bedrohungen gegenüber Aussteigern. "In sogenannten Auditings müssen Mitglieder alle ihre Geheimnisse mitteilen. So haben sie dann ziemlich viel gegen einen in der Hand", sagt Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen.

Scientology selbst beschreibt seine Ziele so: "Eine Zivilisation ohne Wahnsinn, ohne Verbrecher und ohne Krieg, in welcher der Fähige erfolgreich sein kann und ehrliche Wesen Rechte haben können und in welcher der Mensch die Freiheit hat, zu größeren Höhen aufzusteigen." Im deutschen Verfassungsschutzbericht von 2018 – die Bewegung wird dort schon lange beobachtet – ist hingegen Folgendes zu lesen: Wahre Demokratie sei laut Gründer Hubbard nur in einer Nation von "Clears", also mittels scientologischer Techniken geformter Menschen, möglich. Alle anderen Personen würden nicht als gleichwertig betrachtet, die Existenz des Einzelnen hänge vom willkürlichen Ermessen der Scientology-Organisation ab. Der Charakter der Organisation wird als totalitär beschrieben.

Drogen und Psychiatrie

Gefährlich kann es derzeit wohl aber weniger für die Gesellschaft als für Einzelpersonen werden, die sich anwerben ließen. Experten schätzen die Anzahl der Mitglieder in Österreich auf ein paar hundert, Tendenz rückgängig. Scientology selbst gibt gegenüber dem STANDARD an, hierzulande über 6.000 Mitglieder zu verfügen. Als besonders problematisch gelten die hohen Kosten, die mit den Besuchen der Kurse verbunden sind. "Manche Menschen verschulden sich dadurch", sagt Schiesser.

Einen Fokus setzt Scientology auch auf den Kampf gegen Drogen und auf Antipsychiatrie. "Professionelle Hilfe im Sinne von state of the art wird aber nicht angeboten, eher wird die Psychiatrie diskreditiert, und Menschen, die eine medizinische Behandlung benötigen, können dadurch wirklich zu Schaden kommen", sagt Schiesser.

Heftige Kritik gibt es auch immer wieder am Verein Narconon, der nach dem Vorbild von Hubbard fragwürdige Entzugstherapien anbietet und in dessen Einrichtungen in den USA schon Todesfälle bekannt wurden. Scientology selbst behauptet, dass nur zwei von zehn Behandelten rückfällig werden.

Ein Hilferuf pro Woche

Auf Veranstaltungen wie einer Messe könne man leicht mit Menschen ins Gespräch kommen, sagt Psychologe Felinger, dort könne durchaus Rekrutierung passieren: "Man redet vielleicht über Probleme, bleibt in Kontakt." Scientology selbst zufolge hat man vor Ort in Wien keine Mitglieder angeworben.

Trotz der vermutlich stagnierenden oder rückläufigen Mitgliederzahlen ist die Organisation noch nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwunden: Mindestens einmal die Woche erhalte er einen Hilferuf von jemandem, der reingerutscht sei, sagt Wilfried Handl zum STANDARD. Handl verbrachte selbst 28 Jahre im Scientology-Universum, war sogar Österreich-Chef und damit Täter und Opfer zugleich. Seit vielen Jahren bekämpft der Aussteiger die Organisation von außen. Er bestätigt, dass auch in Österreich der scientologische Geheimdienst existiere – Scientology selbst bestreitet, dass es einen solchen gibt.

"Natürlich" bestehe nach wie vor die Gefahr, dass sich bei einer Veranstaltung jemand von Scientology "beschwatzen lässt", sagt er. Die größere Gefahr sieht er aber online, wo vor allem junge Leute erreicht werden können. (Vanessa Gaigg, 11.11.2019)