Mary Cain packt aus.

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Alberto Salazar hat ein System geschaffen.

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"Ich war das schnellste Mädchen der USA, bis ich zu Nike kam" – Die US-Amerikanerin Mary Cain blickt zurück. Auf ihren Werdegang als Läuferin, auf ein System, das sie und andere angehende Spitzenläuferinnen in einen körperlichen Zwang stellte. Dünn war das Ziel, noch dünner die Maxime. Nun klagt die 23-Jährige in einem Bericht der "New York Times" an. Im Fokus steht Alberto Salazar, Cheftrainer des "Oregon Projekts" und Sportartikelhersteller Nike, der als Hauptsponsor der umstrittenen Eliten-Lauftrainingsgruppe auftrat. "Ich wurde von einem System emotional und körperlich missbraucht, das Alberto entworfen und Nike unterstützt hat", sagt Cain, die 2013 Jugend-Weltmeisterin über 3000 Meter wurde.

Dünner, dünner und noch dünner

Cains Erzählungen sind bedrückend: Ohne Begleitung durch Ernährungsberater oder psychologische Unterstützung musste sie immer weiter abnehmen: "Das gesamte Team bestand aus Männern, aus Freunden von Alberto. Sie waren davon überzeugt, dass ich nur besser werden konnte, wenn ich dünner werden würde. Und dünner und dünner." Salazar stand über allen, er war der Chef, das Mastermind des Programms. Seine magische Zahl war 114 Pfund (51,7 Kilogramm) Körpergewicht. Cain berichtet, dass Salazar sie vor den anderen Teammitgliedern abwog und an den Pranger stellte, sollte sie nicht seinem Gewichtsideal entsprechen. Beim Abnehmen halfen auch Diuretika und Antibabypillen, ein klarer Verstoß gegen die Dopingbestimmungen.

The New York Times

"Es wäre naiv zu glauben, dass Körpergewicht kein wichtiger Faktor im Sport sei. Beim Boxen zum Beispiel. Im Laufsport kommt immer wieder die Gleichung, dass je dünner man ist, desto schneller kann man laufen, weil man weniger Gewicht tragen muss", sagt Cain. Die Unterernährung hatte Konsequenzen: "Wenn junge Frauen dazu gezwungen werden, ihren Körper überzubelasten, hat das Auswirkungen." In der Sportmedizin spricht man vom "Relativen Energiemangel im Sport" der eine eingeschränkte Energieverfügbarkeit, menstruelle Dysfunktion und abfallende Knochengesundheit zur Folge hat. Cain erinnert sich: "Plötzlich merkt man, dass die Periode ausbleibt. Aus ein paar Monaten werden dann Jahre, bei mir waren es insgesamt drei." Die Unterernährung hat unter anderem Östrogenmangel und Osteoporose (Knochenschwund) zur Folge. Cain habe fünf Knochenbrüche erlitten. Die physische und psychische Belastung ließ sie über Suizid nachdenken.

Prestige und das Ende

Das Oregon Projekt war für Nike Prestige. Trotz Kritik und Dopingvorwürfen stand man zu Salazar und seinen Methoden. Der 61-jährige US-Amerikaner soll im engen Kontakt zu Nike-Vorstandschef Mark Parker gestanden haben. Während der Leichtathletik-WM in Doha wurde Salazar von der US-amerikanischen Anti-Doping-Agentur (USADA) wegen "Organisation von und Anstiftung zu verbotenem Doping-Verhalten" für vier Jahre gesperrt. "Bei ihrer Arbeit für das Nike Oregon Project haben Herr Salazar und Dr. Brown demonstriert, dass Gewinnen wichtiger war als die Gesundheit und das Wohlergehen der Athleten, denen sie ihren Schutz versprochen hatten", sagte USADA-Chef Travis Tygart in einer Mitteilung. Zehn Tage nach Salazars Sperre verkündete Palmer das Ende des Oregon Projekts, er selbst trat später als Nike-Chef zurück.

Nach dem Artikel der "New York Times" meldeten sich auch andere Athleten und Trainer zu Wort. Shalane Flanagan, ehemalige Spitzenläuferin und Bronze-Gewinnerin bei den Olympischen Spielen von Peking 2008: "Ich hatte keine Ahnung, dass es so schlimm war. Mary, es tut mir leid, dass ich weggeschaut habe und dir nicht geholfen habe, als ich sah, dass du Probleme hast. Ich habe für mich selbst Ausreden gesucht. Wir haben dich im Stich gelassen," schrieb die 38-Jährige auf Twitter.

Amy Begley, Teilnehmerin der Spiele 2008, erinnert sich an ihren Abschied aus dem Projekt: "Ich wurde 2011 bei den Staatsmeisterschaften Sechste, da wurde ich aus dem Projekt geschmissen. Sie sagten mir ich sei zu fett und hätte den größten Hintern an der Startlinie. Das bringt schmerzhafte Erinnerungen zurück."

Steve Magness war Trainer bei Nike und schildert auf Twitter seine Erfahrungen im Projekt: "Salazar war besessen vom Faktor Körpergewicht. Er machte "Witze" über Fettabsaugung und dass man den Blinddarm entfernen könnte, um Gewicht zu verlieren."

Nike will untersuchen

Nach den Vorwürfen von Cain reagierte Nike. Man "nehme die Anschuldigen ernst und werde Untersuchungen starten. Mary wollte noch im April zum Projekt zurückkehren und weder sie, noch ihre Eltern haben zuvor Kritik an Alberto und seinem Team geäußert."

Cains Antwort: "Für viele Jahre wollte ich nur die Bestätigung von Alberto Salazar, er war wie ein Vater für mich, fast schon ein Gott. Vergangenen Frühling wollte ich wieder mit ihm arbeiten, nur ihm, denn wenn uns Menschen emotional brechen, suchen wir noch mehr um Bestätigung von ihnen." Sie war "Opfer eines Missbrauchssystems, Opfer eines Täters und ständig im moralischen Dilemma zwischen Lossagung von ihm und dem Gedanken daran, dass es wieder so sein soll, wie früher, als ich seine Lieblingsathletin war. Nach seiner Sperre fühlte ich eine Erleichterung, ich verstand dass das System nicht okay ist und ich entschloss mich an die Öffentlichkeit zu gehen." (Andreas Hagenauer, 9.11.2019)