Blake Ross war eines der Masterminds hinter der Entwicklung von Firefox 1.0.

Foto: David Adame / AP

Dem raschen Aufstieg des Webs folgte die komplette Stagnation: Aus dem Schlagabtausch, den sich Netscape und Microsoft in der zweiten Hälfte der Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts lieferten ging ein klarerer Gewinner hervor: Der Internet Explorer. Bis zum Jahr 2003 schaffte er es auf einen Marktanteil von weltweit mehr als 95 Prozent. So mancher Experte sah die Browserkriege damit endgültig beendet, Webseitenentwickler kümmerten sich in Folge nur mehr wenig um offene Standards, maßgeblich war nur mehr, was Microsoft machte – und das waren oft nicht mit anderen Herstellern abgesprochene eigene Wege.

Diese Entwicklung hatte aber noch einen anderen Effekt: Microsoft verlor nämlich zunehmend das Interesse am Web: Die Entwicklung des Internet Explorers wurde heruntergefahren, man war davon überzeugt, dass der damals aktuelle Internet Explorer 6 (IE6) gut genug für die Zukunft war – all das wohl nicht zuletzt mit dem Hintergedanken, dass man eigentlich lieber hätte, dass die Nutzer Windows-Anwendungen verwenden als ihre Zeit im Web zu verbringen. Immerhin galt es ja den "Lock In" auf die eigene Plattform zu sichern, da waren offen Standards nur lästig, die die "Gefahr" bergen, dass sie auch von anderen Systemen genutzt werden können. Wäre Microsoft mit dieser Strategie durchgekommen, sähe das Internet heutzutage wohl komplett anders aus.

Firefox ändert alles

Glücklicherweise kam es aber anders: Vor 15 Jahren, exakt am 9. November 2004, betrat nämlich ein neuer Herausforderer die Bühne, und dieser sorgte schnell für Furore: Firefox war nicht nur flotter als der IE6, er konnte auch mit anderen Vorteilen aufwarten: Neben der schlanken Oberfläche wusste vor allem das "Tabbed Browsing" zu begeistern, also die Möglichkeit mehrere Webseiten parallel in einem Fenster offen zu haben. Was heutzutage selbstverständlich erscheint, war eine Entwicklung, der sich Microsoft erst Jahre später anschließen sollte.

Auch das Logo von Firefox hat über die Jahre einige Änderungen durchgemacht.
Grafik: Mozilla

Ganz neu war der Firefox genaugenommen übrigens nicht. Nutzte er doch die Basis von Mozilla – ein Open-Source-Projekt, das wiederum aus Netscape hervorgegangen war. Einige Entwickler bei Mozilla waren es denn auch, die der Meinung waren, dass es eine schlankere Alternativ brauchte. Sie warfen kurzerhand Mail-Client und anderen Ballast ab, nutzten die – auch heute noch zum Einsatz kommende – Rendering Engine Gecko und veröffentlichten im September 2002 zunächst eine noch recht rohe Version eines Browsers, damals symbolträchtig "Phoenix" genannt. Aufgrund eines Markenstreits musste dieser später in "Firebird" umbenannt werden, bevor es dann unter dem Namen Firefox die erste stabile Version gab.

Der Browser war dabei nicht nur Open Source, die Community spielte auch in seiner Bewerbung eine große Rolle. So wurde etwa zum Marktstart des Browser eine zweiseitige Werbung in der New York Times veröffentlicht, die durch Spenden von tausenden Nutzern finanziert wurde.

Die Aufstiegsphase

In den Jahren darauf folgte ein kontinuierlicher Aufstieg: Firefox konnte Microsoft immer mehr Marktanteile abknabbern, und brachte so nicht zuletzt auch den Windows-Hersteller dazu, die Browserentwicklung wieder aufzunehmen. Firefox war also auf dem besten Weg, Microsoft die Browser-Krone abzunehmen, doch dann betrat im September 2008 ein neuer Herausforderer die Bühne: Chrome. Der Google-Browser war noch schlanker, noch flotter und ebenfalls Open Source. Und nicht zuletzt hatte er eben die Marketing-Macht eines der größten Unternehmen der Welt hinter sich.

Aktuelle Realität

Das Ergebnis dürfte bekannt sein: Chrome ist mittlerweile weltweit der klar dominierende Browser, während Firefox in den vergangenen Jahren kontinuierlich Marktanteile abgeben musste. Aktuelle Statistiken liefern dabei ein für Mozilla wenig erfreuliches Bild: NetApplications führt den Firefox derzeit bei 8,62 Prozent, zum Vergleich: Im November 2018 waren es noch 9,64 Prozent, der Trend zeigt also nach unten. Bei Statscounter liegt der aktuelle Marktanteil des Mozilla-Browsers mit 9,25 Prozent kaum besser. Vor allem aber handelt es sich dabei um Zahlen für die Nutzung am Desktop. Fasst man hingegen alle Geräteklassen zusammen, sieht es für Firefox noch deutlich schlechter aus. Hier kommt er bei Statscounter dann nur mehr auf 4,33 Prozent. Der Grund dafür ist leicht erklärt: Im mobilen Bereich spielt der Browser derzeit praktisch keine Rolle.

Da ist es für Mozilla wohl nur ein schwacher Trost, dass man in einzelnen Ländern deutlich besser positioniert ist – und Österreich ist so eines. Statscounter weist dem Firefox hierzulande immerhin 20,88 Prozent Marktanteil am Desktop aus. In den Statistiken von derStandard.at zeigt sich dieser Effekt sogar noch wesentlich stärker: Unsere Leserinnen und Leser verwenden nämlich zu mehr als 40 Prozent den Mozilla-Browser – womit er hier auch seit Jahren die klare Nummer 1 ist.

Privacy-Fokus

All das ändert aber natürlich wenig daran, dass international die Situation für Mozilla in den vergangenen Jahren deutlich schwerer geworden ist. Also versucht man es derzeit mit einem neuen Fokus: Vor allem über das Thema Privatsphäre will man sich von Google abzuheben. An sich eine strategisch durchaus schlaue Wahl, immerhin ist der Konkurrent aufgrund seiner massiven Datensammlungen in den vergangenen Jahren immer stärker in die Kritik gekommen. Gleichzeitig muss aber auch betont werden, dass sich dieser neue Fokus bisher nicht positiv in den Marktanteilen von Firefox bemerkbar macht. Gleichzeitig ist dies natürlich auch eine schwierige Situation für Mozilla. Finanziert sich der Softwareentwickler doch vor allem über Suchmaschinen-Deals mit anderen Unternehmen – der allergrößte Teil der Einnahmen kommt also von Google – und somit indirekt von dessen Werbegeschäft.

Ausblick

Bei einem sind sich aber praktisch alle Marktbeobachter einig: Es wäre äußerst schlecht für das Web, wenn Firefox als Konkurrent für Chrome verloren gehen würde. Schon jetzt hat der Google-Browser eine Marktmacht erreicht, die negative Effekte auf das Web zeigt – etwa dass sich Webseitenentwickler vermehrt nur mehr für die Unterstützung von Chrome interessieren. Durch den Umstieg von Microsofts Edge auf die Open-Source-Basis von Chrome – Chromium – wird sich dieser Effekt wohl sogar noch verstärken. Und auch wenn Google gerne betont, dass man die Weiterentwicklung des Webs weiter gemeinsam mit anderen Unternehmen in offiziellen Standardisierungsgremien vorantreiben will, so ist doch schwer übersehbar, dass hier sehr viel Macht in einer Hand zusammenläuft. Bleibt also sowohl für Firefox als auch das Web nur zu hoffen, dass der Mozilla-Browser wieder frische Fahrt aufnehmen kann, damit auch das nächste große Jubiläum noch begangen werden kann. (Andreas Proschofsky, 10.11.2019)