Dadaab war vor wenigen Jahren noch das größte Flüchtlingslager der Welt.

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Anstrengungen, das Lager zu schließen, scheiterten bis jetzt.

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Eigentlich sollten die mehr als 215.000 Menschen gar nicht mehr in Dadaab leben. Die kenianische Regierung wollte das Flüchtlingslager im Osten des Landes mit Mitte des Jahres schließen. Wieder einmal. Denn bereits seit 2016 gibt es Bestrebungen aus Nairobi, wonach das Camp aufgelöst werden soll. 2017 blockierte der Oberste Gerichtshof die Schließung, weil dies gegen die internationalen Verpflichtungen des Landes verstoßen würde. Auch heuer wird es sich nicht mehr ausgehen, dass alle Flüchtlinge umgesiedelt werden, sagt Walpurga Englbrecht, stellvertretende Gesandte des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Kenia.

Außerdem dürfte man sich das Lager gar nicht als Lager vorstellen, es würde sich vielmehr um eine urbane Siedlung handeln, sagt Englbrecht: "Es hat auch keine Türen, die man einfach so zusperren könnte." Dadaab existiert seit den 1990er-Jahren und war für 90.000 Flüchtlinge konzipiert. Zwischenzeitlich lebten mehr als eine halbe Million Menschen auf dem Gelände – damals war es das weltweit größte Flüchtlingslager. Mittlerweile ist das Lager Kutupalong in Cox’s Bazar in Bangladesch das größte, dort leben mehr als 600.000 Menschen.

Kenianer im Lager

Unklar ist vor allem, was mit den verbleibenden Flüchtlingen in Dadaab passieren soll. Diesbezüglich befindet sich das UNHCR in direkten Verhandlungen mit der kenianischen Regierung. Eine Herausforderung sollen die Behörden aber noch heuer lösen können: jene der Kenianer im Lager. Jahrzehntelang beobachtete die kenianische Bevölkerung, wie die überwiegend somalischen Flüchtlinge in Dadaab kostenlose Unterstützung im Lager erhielten. Sie wanderten teilweise sogar aus dem Norden Kenias – wo Dürre und Hunger herrschten – ins Camp und ließen sich als somalische Flüchtlinge registrieren.

"Es gibt Kenianer, die seit mehr als 25 Jahren in der Flüchtlingsdatenbank aufscheinen", sagte Mohamed Dahiye, ein Parlamentarier, der für Dadaab zuständig ist, zu CNN. Insgesamt sollen 40.000 Kenianer in Dadaab leben. Mit der Schließung des Lagers sollen die Menschen unter anderem in ihre Ursprungsländer zurückgebracht werden, doch die Kenianer haben keine Dokumente mehr, die sie als Staatsbürger Kenias ausweisen. Und in Somalia waren die meisten noch nie. Deshalb prüfen die Behörden in Nairobi derzeit, wie den Betroffenen so schnell wie möglich geholfen werden kann.

Befragungen in Dadaab

Doch was passiert mit jenen Menschen, die tatsächlich aus Somalia, dem Südsudan, der Demokratischen Republik Kongo oder Äthiopien geflohen sind? Das UN-Flüchtlingshilfswerk versucht, so viele wie möglich bei einer freiwilligen Rückkehr zu begleiten. Seit 2014 hat das UNHCR bereits rund 80.000 Menschen dabei assistiert. Sie werden auf den Jobmarkt in ihrem Ursprungsland vorbereitet, erhalten Starthilfe und werden auch noch vor Ort in ihrer Heimat betreut.

Aber viele Flüchtlinge leben eben bereits seit Jahrzehnten in Kenia, sind mit Einheimischen verheiratet, haben Kinder. Für sie muss ebenfalls eine Lösung gefunden werden. Einige könnten in das zweitgrößte Lager Kakuma im Nordwesten Kenias gebracht werden, wo bereits rund 192.000 Menschen leben. Oder sie werden in Drittstaaten gebracht. Das Hilfswerk führt deshalb Befragungen in Dadaab durch, um einzelne Flüchtlingsgruppen auszumachen und mehr Zukunftskonzepte für sie auszuarbeiten.

Zwang zum Camp

Für André Atsu Agbogan, den Ostafrika-Leiter des Jesuit Refugee Service (JRS), kann es in Dadaab auf keinen Fall wie bisher weitergehen: "Das ist meine persönliche Meinung", fügt er hinzu. Die Situation der Flüchtlinge in dem Camp dauere schon zu lange an. In Kenia müssen sich alle Asylwerber und Flüchtlinge in Lagern aufhalten und haben keinen Zugang zum Arbeitsmarkt. Das JRS arbeitet in Dadaab und Kakuma, um den Menschen etwa dabei zu helfen, lokale Geschäfte innerhalb der Camps aufzubauen. Laut Agbogan braucht es auch den Austausch zwischen der lokalen Bevölkerung und den Geflohenen, um ihnen die Integration zu erleichtern. Gemeinsame Märkte oder ein gemeinsam genutztes Krankenhaus könnten dafür förderlich sein, sagt Agbogan.

So herausfordernd die Lage in Dadaab auch ist, könnte sich Europa von den afrikanischen Staaten doch etwas in Sachen Flüchtlingsbetreuung abschauen, findet Englbrecht. Denn trotz ihrer eigenen Probleme seien die Länder Afrikas offener, wenn es um die Aufnahme von Geflohenen gehe. Und das, obwohl sich um ein Vielfaches mehr Flüchtlinge in Afrika als in Europa befinden. "Künftig braucht es zudem mehr Geld für die Integration der Menschen als für das bürokratische Prozedere, um festzustellen, wer ein Flüchtling ist", sagt Englbrecht. (Bianca Blei aus Nairobi, 14.11.2019)