Josef Christian Aigner war Professor für Psychosoziale Arbeit und Psychoanalytische Pädagogik an der Universität Innsbruck. Im Gastkommentar äußert er sich zur Aufregung um den Verein Original Play – und zu deren ungeahnten Folgen.

In den letzten Wochen kochte so manches Gemüt wegen der sich mit Kindern balgenden Erwachsenen, die sich als Original-Play-Spielpädagogen verstehen, über. Bildungsministerin Iris Rauskala sah sich genötigt, den Bundesschulen ein Engagement von Vertretern dieses Vereins zu untersagen (siehe "Kaum Therapieplätze für pädophile Männer").

Nun will ich eine Methode oder Gruppe, bei der es in Deutschland einzelne Klagen wegen Übergriffen gegeben hat, selbstredend nicht verteidigen – aber mir erscheinen auch die schwerwiegenden Vorverurteilungen dieses Vereins überzogen. Fakt ist nämlich auch, dass es bei hunderten Einsätzen der Gruppe zumindest in Österreich keine Beschwerde wegen übergriffiger Erwachsener gab. Was mir aber vor allem bedenklich, ja "übergriffig" erscheint, ist das, was hier pauschal mitverdächtigt und vorverurteilt wird: nämlich Männer in pädagogischen Berufen mit Kindern einerseits und pädagogisch beabsichtigter Körperkontakt andererseits. Beides wäre aber pädagogisch dringend vonnöten.

Männliche Mitarbeiter im Kindergarten sind selten, oft gelten für sie spezielle, hinterfragenswerte Hausordnungen.
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Körperfeindliche Kultur

Wie sehr hier mittels "Generalverdachts" – wie das im elementarpädagogischen Bereich heißt – männliche Pädagogen einer üblen Schlagseite verdächtigt werden, lässt sich daran ermessen, dass wohl kaum jemand aufgeschrien hätte, wenn nur Frauen mit den Kindern herumbalgen. Aus unseren Studien über Kindergartenpädagogen wissen wir aber, dass es in ganz Europa kaum Übergriffe männlicher Mitarbeiter im Kindergarten gibt, dass aber die wenigen, die sich für diesen Beruf gewinnen lassen, sehr unter dem Verdächtigungsklima leiden: So sollen sie nicht mit den Kids aufs Klo gehen, sollen sie nicht zum Trost auf den Schoß nehmen oder Kleinstkinder nicht wickeln. Manche dieser in Hausordnungen festgeschriebenen Regeln werden als Schutz für die männlichen Mitarbeiter ausgelegt, damit niemand auf die Idee käme, auch nur das Geringste zu befürchten.

Welch ein zutiefst menschlicher Akt? Dem Kind wird signalisiert: Mann = gefährlich, also Vorsicht! Zutiefst menschlich auch, Kinder zum Trost oder zur Beruhigung nicht auf den Schoß nehmen zu dürfen? Da sträuben sich mir die Nackenhaare! Dabei animieren laut unseren Ergebnissen besonders männliche Pädagogen Vorschulkinder zu körperbetonterer Spielweise – die dann zurückgewiesen werden muss? So leben wir in einer (verlogenen) körperfeindlichen (und dennoch kommerziell übersexualisierten) Kultur, die sich (bis in die Psychotherapie hinein) mitmenschlicher Berührungen enthält, ja Körperlichkeit teils panisch meidet. Ich möchte nicht wissen, ob bei "körperlosen" Methoden über die Fantasietätigkeit nicht mehr an sexualisierter Energie frei wird als bei professioneller Körperorientierung.

Entwertender Diskurs

Dabei bedarf es – allein schon wegen des Fachkräftemangels – dringend auch männlicher pädagogischer Fachkräfte. Im Kindergarten "grundeln" diese in Österreich bei etwa 1,5 Prozent herum, in der Volksschule bei acht Prozent. Kinder "lernen" hier kollektiv, dass Männer nicht für sie zuständig oder an ihnen interessiert sind. Na bravo! Dabei ist der Männermangel nicht nur – wie simplifizierend behauptet wird – in der schlechten Bezahlung begründet (die, nebenbei bemerkt, bei allen pädagogischen Berufen ein gesellschaftlicher Skandal ist, sind doch in Sonntagsreden Kinder "unser wichtigstes Gut"). Schließlich wählen Männer auch andere, schlechter bezahlte Berufe. Nein: Das Entscheidende ist das schlechte Image des Berufs für Männer, und man kann sich vorstellen, wie dieses Image durch Haltungen und Kampagnen wie diese noch einmal entwertet und problematisiert wird.

Wenn die Öffentlichkeit oder wenigstens die pädagogische Fachwelt besser über Pädophilie aufgeklärt wäre, wäre schon etwas erreicht: Dann wüsste man, dass Pädophile selbst selten zu Tätern werden, dass fast immer ein Machtaspekt, Angst vor einem realen Sexualpartner auf Augenhöhe usw. beteiligt sind, dass also nicht hinter jeder Ecke ein missbrauchender Mann lauert. Formuliert man es mal anders, als das Geschlechterverhältnis bei Tätern und Täterinnen (90 Prozent Männer) es nahelegt, dann missbrauchen und/oder schlagen die allermeisten Männer (weit über 90 Prozent) Kinder und Frauen nicht!

Männerdämonisierende Schlagseite

Die männerdämonisierende Schlagseite dieses und ähnlicher Diskurse muss überwunden werden, wenn wir vermehrt Männer in diese Berufe bekommen wollen. Für die Körperbetontheit in Kindergärten und Schulen aber wünsche ich mir, dass dies – nebst gendersensiblen Aspekten – ein selbstverständlicher Ausbildungsbestandteil unserer Fachkräfte wird. Dann bräuchten wir auch keine "fremden" Player – weder Männer noch Frauen. (Josef Christian Aigner, 12.11.2019)