Ironie – oder einfach deppert? Yung Hurn stellt für das Cover von "Y" ein altes Werbesujet der Modemarke Gucci von 2003 nach.

Foto: Live From Earth

In der Popmusik geht es um das Singen, Tanzen und Springen. Es geht um die Befreiung von Zwängen, allerdings ohne dabei das Shopping auf dem freien Markt außer Acht zu lassen. Es geht um Liebe und Sex, ohne dass dabei immer beides vonnöten wäre. Auch Drogen spielen eine wichtige Rolle, um das Bewusstsein oder so zu erweitern. Und es geht natürlich um Provokation.

Zu den schönsten Momenten einer selten gelungenen Jugend zählen jene, wenn der, die, das Alte ins Zimmer stürmt, weil er, sie, es will, dass man sofort "diesen Scheiß" leiser macht, der sich da gerade als Musik ausgibt. Gewonnen, gewonnen, gewonnen! Mit diesem Geschäftsmodell sind über die Jahrzehnte schon viele Musiker reich geworden. Allerdings verhält es sich beim Thema Provokation so wie mit den Drogen. Man muss mit fortwährender Gewöhnung die Dosis erhöhen.

YUNG HURN OFFICIAL

Der als Yung Hurn bekannte supererfolgreiche Wiener Cloud-Rapper Julian Sellmeister hat für sein neues Album Y die Dosis entschieden hochgefahren. Bezüglich der Texte ist er sozusagen von einem Naserl auf drei umgestiegen. Seine alten Spezialthemen Sex und Drogen, Drogen ohne Sex – aber bitte niemals Sex ohne Drogen! – haben sich krass verschärft.

Früher in der Popgeschichte musste in den von der Weltjugend gern gehörten Liedern noch manch blumige Metapher für das Liebemachen herhalten. Zitronen wurden da ausgedrückt, Raketen starteten, ein Zug fuhr in den Tunnel, Glocken wurden geläutet, jemand klopfte an die Hintertür oder auf den Busch. Heutzutage herrscht längst eine gewisse sprachliche Nüchternheit vor.

Bemitleidenswert lustig

Speziell auch im auf dem heutigen Popmarkt vorherrschenden Rap-Genre – und hier speziell im Deutsch-Rap – hat sich eine schmucklose Prosa an der Grenze zur Rechtschreibnote Fünf breitgemacht, mit der man sehr junge Leute kolossal begeistern kann.

Yung Hurn nuschelt mit verstopfter Nase auf Ponny: "Kleine Bitch ist mein Ponny, sie macht Sport, ja, sie hat gute Kondi, kleine Bitch reitet so wie ein Ponny." Und: "Sie hat Wichse auf ihr'm G'sicht, sie braucht Zewa. Wisch weg, weil da klebt was."

Live From Earth

In anderen Stücken geht es um "Pussy so wie ein Springbrunnen", "Ich fick dich die ganze Nacht", "Sie fickt gut auch". Dazu gesellt sich die Einnahme von tüchtig Koks, Speed und/oder (oder auch: und/und) Xanax. Es wird aber auch Koks oder Koks geschnupft. Kombiniert wird dieses villa-kunterbunte pharmazeutische Treiben mit nächtlichen Autofahrten zum Parkplatz Kahlenberg und Stottergesang auf Panzerschokolade: "Ich sag', weil ... ich sag' weil ... weil du geil bist, nehm' ich dich heim. Wir ficken, wenn wir high sind, ficken bis wir schrei'n, gib das Glitzergrün in die Papers, Baby, es ist Zeit ..."

Die Beats dazu klatschen etwas schlaff und handwarm. Das konnte der Meister mit dem chemischen Silberblick auf alten Tracks wie Ok Cool schon besser. Zum Ärgern des Haushalts aus dem Kinderzimmer heraus ist Y von Yung Hurn aber richtig gutes Zeug. Übrigens finden auch junge Frauen den Mann aus diesen Gründen gut. Als Gegenreaktion zur Political Correctness war das alles sowieso erwartbar. Und vielleicht wird sich das im Alter auch einmal auswachsen. Mit Verlaub: Deppert und pubertär, aber irgendwie bemitleidenswert lustig auf halbmast klingt das allemal. (Christian Schachinger, 13.11.2019)