Elon Musk hat wieder einmal einen Coup gelandet.

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Die deutschen Medien übertrafen sich vergangene Woche mit ihren Schlagzeilen, nachdem Tesla die Errichtung eines neuen Werks nahe Berlin angekündigt hatte. Von einer Kampfansage des E-Auto-Pioniers an die deutschen Hersteller war die Rede, Tesla-Gründer Elon Musk blase zum Angriff auf die Premiumkonstrukteure BMW, Mercedes und Audi. Klar ist: Die Kalifornier haben einen gewaltigen Vorsprung in der Elektromobilität, verkaufen mit Abstand die meisten E-Autos und sind auch ihr eigener Batterienlieferant.

Während Europa seit Jahren darüber diskutiert, wie man sich gegen die asiatische Dominanz bei Lithium-Batterien rüsten kann, will Musk gleich seine eigene Zellproduktion mit nach Europa bringen. In Brandenburg sollen der Sportgeländewagen Model Y und Batterien aus einem Guss entstehen. Tesla setzt die Autonation Deutschland nach dem Dieselskandal weiter unter Druck. Die Produzenten haben lange auf den Verbrennungsmotor gesetzt.

Butter vom Brot

Zwar werden jetzt hohe Milliardenbeträge in die E-Mobilität investiert, doch ob der Rückstand noch aufgeholt werden kann, steht in den Sternen. „Die deutschen Autobauer müssen sich jetzt sputen, weil ihnen jemand im Heimatland die Butter vom Brot zu nehmen droht“, sagt Innovationsexperte Dietmar Harhoff der Deutschen Presseagentur.

In Grünheide soll die neue Fabrik entstehen.
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Tesla ist mit Abstand der größte E-Auto-Hersteller, gefolgt von Chinesen. Bei den Verkäufen von Jänner bis September rangiert der erste Europäer, BMW, auf Rang fünf. Tesla brachte mehr als 25-mal so viele Autos an die Frau und den Mann. Das sollte zwar nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Amerikaner gemessen an den gesamten Stückzahlen ein Zwerg unter den Kfz-Herstellern sind, aber die Börsen setzen auf Musk.

Wenig Dynamik

Tesla ist an der Börse mehr wert als Daimler und BMW, obwohl beide Milliardengewinne schreiben, während Musk abgesehen von einzelnen Quartalen nur rote Zahlen zu bieten hatte. Investoren setzen eben auf die Zukunft, und die heißt Elektromotor. Mit dem Model 3 hat Tesla den Schritt in die Massenfertigung gewagt, außerhalb der USA wird neben Berlin auch in Schanghai ein Werk errichtet. In Deutschland investiert Tesla nach jüngsten Informationen vier Milliarden Euro, der Standort mit langfristig 8000 Mitarbeitern soll Ende 2021 in Betrieb gehen.

Ob Tesla Europas Autobauer in die Mangel nimmt, lässt sich derzeit nicht sagen. Doch Experten verweisen schon länger darauf, dass die EU in Schlüsseltechnologien ins Hintertreffen gerät. Der Kontinent sei von einer „enttäuschenden Innovationsdynamik“ geprägt, sagt Michael Peneder vom Wifo. Das hat viele Gründe. Bei den Forschungsausgaben gemessen an der Wirtschaftsleistung liegt Europa traditionell deutlich hinter den USA, 2013 wurde der Kontinent auch noch von China überholt. Ausschlaggebend dafür ist das geringe private F&E-Engagement in der Union.

Bei Forschung hinten

In dieses Bild passt eine Untersuchung der Beratungsgruppe McKinsey, wonach Europas Unternehmen nur für acht Prozent der Forschungsausgaben führender Technologiebetriebe verantwortlich zeichnen. Der Anteil der USA liegt bei 77 Prozent. Doch dramatischer sind die Trends: Die USA wachsen, China befindet sich auf der Überholspur, Europa fällt weiter zurück. An der Grundlagenforschung liegt das nicht, vielmehr hapert es bei der tatsächlichen Umsetzung.

Tesla ist auch in Europa auf dem Vormarsch.
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Andere Studien bestätigen die Schwäche. In die Zukunftstechnologie künstliche Intelligenz beispielsweise flossen in den USA von 2016 bis 2018 jährlich mehr Mittel als in der EU in der ganzen Periode. China fährt auch in diesem Bereich auf der Überholspur. Zudem fällt der alte Kontinent in der auf künstliche Intelligenz ausgerichteten Chipindustrie zurück, heißt es in einer Auswertung des Center for Data Innovation.

Kapital fehlt

Ein anderer Grund für die Innovationsschwäche ist das mangelnde Risikokapital in Europa. „Das ist ein Hemmschuh bei der Finanzierung junger innovativer Unternehmen mit großem Wachstumspotenzial“, erklärt Innovationsexperte Peneder. Österreich liegt hier weit abgeschlagen, wie der jüngste OECD-Bericht zeigt. Der Wifo-Forscher bringt Europas Problematik anhand von Tesla so auf den Punkt: „Es fehlt im Vergleich zu den USA sowohl an wagnisbereitem Kapital als auch an den spektakulären Erfolgsgeschichten, welche Investoren und andere Unternehmungen mitziehen würden.“ (Andreas Schnauder, Leopold Stefan, 17.11.2019)