Antifeminismus will die Errungenschaften der (queer)feministischen Bewegungen zurückdrehen: durch Begriffsumdeutungen, durch Angriffe auf reproduktive Rechte, Ressourcen und Gleichstellungsmaßnahmen. Das gemeinsame Feindbild vereint Akteurinnen und Akteure unterschiedlicher politischer Spektren, von der extremen Rechten über Konservative bis hin zur vermeintlichen gesellschaftlichen Mitte. Sie treffen sich in einer Ideologie von Frauenhass, Homo-, Inter- und Transfeindlichkeit, dem Wunsch nach einer binären patriarchalen Geschlechterordnung und einer Männlichkeit, die gemeinhin als "toxisch" bezeichnet wird. Dieser Glaube an die männliche Vorherrschaft stellt die Grundlage für Beziehungsgewalt, sexualisierte Gewalt, Femizide und antifeministischen Terrorismus dar. Antifeminismus ist nicht nur gefährlich, sondern kann auch tödlich sein.

Am Wochenende wurde in Paris gegen Frauenmorde und Gewalt gegen Frauen protestiert.
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Männliche Vorherrschaft und Gewalt

Dem antifeministischen Weltbild ist die Legitimierung von Gewalt als individuelles und politisches Mittel inhärent. Nicht alle Antifeministinnen und Antifeministen werden Täterinnen und Täter dahingehend, dass sie selbst physische Übergriffe begehen. Aber Gewalt mit geschlechtsspezifischer Komponente ist die logische Folge der Abwertung von Frauen und LGBTIQ-Personen und der Delegitimierung von feministischen Kämpfen. Vergewaltigungsfantasien, beispielsweise in Form des Wunsches, die Frau solle als Strafe Vergewaltigung erleben, sind ebenso präsent wie die Androhung, sexualisierte Gewalt als Strafmaßnahme selbst vorzunehmen.

Die Überzeugung, dass "die Frau" quasi von Natur aus frigide sei, während der Mann kulturell oder gar zivilisatorisch bedingt es angestrengt lernen müsse, seine Triebe und seine "heiße Begierde" zu kontrollieren, hat sich bis heute gehalten. Die männlich konnotierte Vorstellung des zu überwältigenden weiblichen (und anderen) Körpers, der bei der Störung dieser "Ordnung" mit Tricks und notfalls mit Gewalt "genommen" werden darf, hat in der heutigen Zeit, in der Sex omnipräsent, doch reichlich kompliziert zu sein scheint, so abstoßende Phänomene wie die Pick-up-Artists hervorgebracht: Diese Männer erklären es zur "Kunst", weibliche Personen "abzuschleppen". Ein ganzer Geschäftszweig, der an die Genese von Selbsthilfegruppen zu teuren Selbstoptimierungsseminaren erinnert, hat sich entwickelt. Dort bringen Alpha-Männer anderen Männern, die sich beim "Flirten" erfolglos fühlen, ihre Techniken bei, um möglichst viele Frauen möglichst oft und vor allem zum gewünschten Zeitpunkt ins Bett zu kriegen.

Diese Techniken werden gerahmt mit Tipps, wie "Männlichkeit gestärkt" oder "gelebt" werden kann, wie einer ein "Herzenskrieger" werden kann, indem er sich von "emotionalen Manipulationen" durch die Partnerinnen befreit. Dass diese "Techniken" archaische Attribute wie Stärke, Überlegenheit und Triebgesteuertheit nicht nur reproduzieren, sondern verstärken und zum Erreichen von egoistischen und politischen Zielen eingesetzt werden, liegt in der Ausgestaltung des dichotomen Geschlechterbilds begründet.

Logischerweise ist "der Feminismus" innerhalb der Szene schnell als verbindendes Feindbild entdeckt worden, was der trostlosen Selbsthilfepraxis den notwendigen propagandistischen Überbau und den Endgegner lieferte.

Die logische und tatsächliche Konsequenz ist eine antifeministische Praxis, die nicht nur Gewalt gegen die vermeintlich unterlegene, zu kontrollierende individuelle Frau (oder den der zweigeschlechtlichen Norm nicht entsprechenden Mensch) in der zwischenmenschlichen Begegnung legitimiert, sondern auch jene Gewalt, die sich gegen Menschen als Repräsentantinnen und Repräsentanten des Feminismus (oder der "Homo-Lobby" usw.) richtet.

Ein Beispiel: Um die Jahreswende 2018/19 griff ein (weißer, österreichischer) Mann in Wien mindestens zwei Frauen mit einer Eisenstange oder einem Hammer an und verletzte sie lebensbedrohlich. Teile der Presse bezeichneten die Gewalttaten als "gescheiterten Flirtversuch" und erklärten, der geständige Mann habe seit rund einem Monat mehrere Frauen mit einem Fahrrad verfolgt und wollte sie laut Polizei ansprechen. Der Täter glaubte offensichtlich, über ihm fremde Frauen verfügen zu können, und diese Sichtweise wurde medial reproduziert, anstatt sie als gewalttätigen Angriff zu benennen.

Incels und antifeministischer Terrorismus

Die erste nicht nur frauenfeindliche, sondern explizit antifeministische terroristische Gewalttat der "westlichen" Gesellschaften, die uns bekannt ist, ist der sogenannte Amoklauf in Montreal (Kanada) 1989. Ein 25-jähriger Mann betrat dort die Polytechnische Hochschule, schickte aus einem Seminar die rund fünfzig anwesenden männlichen Studenten hinaus und erklärte den verbliebenen neun Frauen, bevor er auf sie schoss, dass er gegen den Feminismus kämpfe: "Ihr seid alle ein Haufen von Feministinnen. Ich hasse Feministinnen." Er verletzte sechs von ihnen tödlich und setzte sein Massaker im restlichen Gebäude fort. Insgesamt starben 14 Frauen, weitere zehn Frauen und vier Männer wurden verletzt, dann erschoss sich der Mörder nach 20 Minuten selbst.

Im Jahr 2014 setzte ein 22-jähriger Mann in Isla Vista bei Santa Barbara, Kalifornien, seinen Plan um, möglichst viele Frauen zu ermorden. Elliot Rodger gilt als der erste Mörder aus dem Umfeld der sogenannten Incels (Involuntary Celibates), unfreiwilligen Zölibatären, also jenen Männern, die ihr angenommenes naturgegebenes Recht auf Sex mit Frauen nicht geltend machen können.

Dafür geben sie allerdings nicht sich und ihrer wie auch immer gearteten "Unfähigkeit" die Schuld, sondern erst einmal der unwilligen Frau und dann dem Feminismus und der Gesellschaft. Sie haben den Kampf um Selbstoptimierung folglich bereits aufgegeben und verstehen sich nun als zu Unrecht gescheiterte Männer. Rodger hatte sich ausgiebig auf den Terrorakt vorbereitet und ein von extremen Gewaltfantasien durchzogenes Manifest verbreitet, das sein Motiv des Frauenhasses und Antifeminismus erläuterte: "Ich werde alle Frauen dafür bestrafen, dass sie mir Sex entzogen haben [...] Ich kann nicht jede einzelne Frau auf der Welt töten, aber ich kann einen verheerenden Schlag liefern, der sie alle in den Tiefen ihrer niederträchtigen Herzen erschüttern wird. Ich werde eben die Mädchen angreifen, die alles vertreten, was ich am weiblichen Geschlecht hasse: die heißeste Schwesternschaft [Studentinnenverbindung, d. A.] der UCSB [University of California, Santa Barbara]"

Diese Art von Gewalt erfüllt die Merkmale des Terrorismus

Er wisse nicht, warum "you girls" sich nicht zu ihm hingezogen fühlen, doch er werde sie dafür bestrafen. Man solle sehen, dass in Wirklichkeit er der Überlegene, der wahre Alpha-Mann sei. Rodger, der seit seiner Kindheit in psychiatrischer Behandlung gewesen war und sie mit 18 abbrach, hatte in den Jahren vor dem Massaker exzessiv antifeministische Propaganda konsumiert, durch die er sich vom zurückgewiesenen Jungen zu einem Terroristen einer Male-Supremacy-Ideologie wandelte. Sein Hass hinterließ sechs tote und 13 verletzte Menschen, bevor auch er sich selbst erschoss.

Diese Art von Gewalt, die sich gegen Frauen (oder Homosexuelle und Trans- oder Interpersonen oder marginalisierte feminisierte Männer als Kollaborateure der feministisch geprägten Geschlechterordnung) nur als Repräsentantinnen und Repräsentanten einer Gruppe richtet, erfüllt die Merkmale des Terrorismus: Sie ist willkürlich innerhalb der Feindbildgruppe und verbreitet damit Angst und Schrecken innerhalb derselben. Sie verschärft bestehende Spannungen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und transportiert durch ihre Tat die Ideologie.

Die Tatsache, dass die Ideologie des Antifeminismus und ebenso die der Incels sich in tödlichem Terrorismus ausdrücken kann, erreichte das öffentliche Bewusstsein spätestens im April 2018, als ein 25-jähriger Mann in Toronto bei einer Amokfahrt zehn Menschen tötete und 14 zum Teil schwer verletzte. Sein letzter Post im Internet lautete: "[...] Die Incel-Rebellion hat bereits begonnen! Wir werden alle Chads und Stacys besiegen! Heil dem obersten Gentleman Elliot Rodger!"

Chads und Stacys stehen metonymisch für alle verhassten Menschen: "Stacy" wird als die für einen selbst unerreichbare hyperfeminine, attraktive Frau (Typ Cheerleaderin) imaginiert, die nur Chads "haben" können. "Chads" sind attraktive und allseits beliebte Männer (Typ Footballspieler). Daneben gibt es "Beckys", die "gewöhnlichen" oder gar feministischen Frauen, die in den Incel-Communitys herabgewürdigt werden. Der dort geläufige Terminus "FHO" oder "Femoid" ("Female Humanoid Organism") verdeutlicht die völlige Entmenschlichung, die wiederum die Grundlage für die extremen Gewaltfantasien und gegebenenfalls das Ausleben dieser Fantasien ist.

Die ideologische Basis für die Zuspitzung des gewaltförmigen Antifeminismus legen maskulinistische, rechtsextreme Autoren, die gewaltförmige Beziehungen zum Idealzustand erklären. Der US-amerikanische Maskulinist Jack Donovan, Autor von Büchern wie "Der Weg der Männer" oder "Nur Barbaren können sich verteidigen", propagiert und idealisiert beispielsweise eine Männlichkeit, deren Kern die Bereitschaft und Fähigkeit zur Gewaltausübung ist. Die "Horde" oder Gang als Männergruppe kann in "Der Weg der Männer" als ein den Mythen der menschlichen Frühgeschichte entlehntes Gegenmodell zur heutigen globalisierten, modernen, individualisierten und, ja, feminisierten Welt, betrachtet werden.

In der extrem rechten Ideologie spitzen sich folglich die vergeschlechtlichten Gewaltlegitimierungen zu. Frauen-, Homo-, Inter- und Transfeindlichkeit sowie der Versuch, eine traditionelle Geschlechterordnung wiederherzustellen, durchziehen extrem rechte Gewalttaten gegen Individuen und dienen der Legitimierung von Terror gegen Gruppen und Repräsentantinnen und Repräsentanten. (Anna O. Berg, Judith Goetz, Eike Sanders, 25.11.2019)