Im Gastkommentar antwortet der österreichische Autor Leopold Federmair den Handke-Kritikern. Lesen Sie dazu auch Debattenbeiträge von Wolfgang Müller-Funk, Vahidin Preljević, Barbi Marković und Marko Dinić.

Es ist nun eine kleine Weile her, dass ein deutscher Schriftsteller die Verleihung eines Preises an ihn dazu benützte, über seine Schilddrüsenentzündung und Zahnpastatube zu parlieren und hernach über einen anderen Schriftsteller herzuziehen, der einen anderen Preis – "eine kleine Spur wichtiger", wie sich dieser Preisträger ausdrückte (Youtube-Video) – zugesprochen bekommen hatte. Das fand ich schlimm genug, aber am meisten Eindruck hinterlassen hat bei mir das wohlfeile Grinsen des applaudierenden, aus den Honoratioren des Literaturbetriebs zusammengesetzten Publikums, als der Name des Gottseibeiuns fiel.

Notwendiger Trotz: Der Nobelpreisträger Peter Handke in seinem Garten in Chaville.
Foto: REUTERS/Christian Hartmann

Was uns die Causa Handke nach dieser kleinen Weile voll der Empörung (siehe u. a. "Ein Verteidigungskrieg gegen die moderne Welt") und arm an Besinnung lehren könnte, ist dies:

· Dass gewisse Autoren und sogenannte "Literaturwissenschafter" gern im ideologischen Mainstream baden und sich beeilen, zum Außenseiter auf Distanz zu gehen: Sie gliedern sich locker ins mediengesteuerte Establishment ein, das für kleine Aufreger wie den auf der Frankfurter Buchmesse dankbar ist.

· Dass nicht nur die Legionen von Usern, Postern und Twitterern, sondern auch manche Kulturjournalisten und sogar freie Autoren sich um literarische Belange wenig scheren – obwohl von einem Literaturpreis und nichts anderem die Rede ist.

· Dass in einer Gesellschaft, die sich im Alltag um Moral wenig schert, die Moral über das Ästhetische gesiegt hat.

· Dass im angeblich so freien, grenzenlosen Internet immer wieder in dieselbe Kerbe geschlagen wird und sich Anwürfe, Verleumdungen, Fehlinformationen mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten, und nicht nur ausbreiten, sondern sich überbieten, sodass ihnen nichts mehr entgegenzusetzen ist.

· Dass aus vagen Empörungen über Dinge, von denen die Empörten wenig oder gar nichts wissen, leicht eine Vernichtungslust werden kann.

· Dass manche von denen, die von den Jugoslawienkriegen betroffen waren (was im Prinzip für jeden Europäer gilt, wir waren und sind alle betroffen), die Ereignisse nicht aufarbeiten wollen, sondern mit verbalen Mitteln den Krieg weiterführen.

· Dass generell die Kriegsbereitschaft zugenommen hat, was den Besonneneren Anlass zur Sorge um die Zukunft gibt.

· Dass immer noch und immer wieder nach Sündenböcken gesucht wird und viele – nicht nur der ungebildete Mob – sich auf ihn stürzen, sobald man einen gefunden zu haben glaubt.

· Dass der Umschwung vom positiven Nationalismus ("Wir sind Nobelpreis") zur Schlachtung des Sündenbocks, sprich: des schwarzen Peters, sehr rasch vonstattengehen kann.

· Dass für die kleine Minderheit der Leser, der Liebhaber des geschriebenen Worts (und der Künste im Allgemeinen) Handke auch insofern Vorbild sein kann, als er sich, ein gebranntes Kind, vom Netz und den täglichen Aufgeilungen der Massen- und sogenannten sozialen Medien fernhält, so gut es geht, und in dieser Entfernung sich der anderen, immer wieder anderen, anders als anderen Welt zuwendet, die den Googlern und Klickern längst abhandengekommen ist, die aber immer noch, immer wieder existiert.

· Dass die Literatur romantisch ist und dass sie als solche das Establishment, auch das literarische, den sogenannten Literaturbetrieb, stört und verstört, bis das Grinsen einfriert (verkäufliche und unverkäufliche Literatur: geschenkt).

· Dass es ein Leben vor und eines nach der Digitalisierung gibt.

· Dass Menschlichkeit und Vermenschlichung, auch und immer noch "Humanismus" genannt, in Wahrheit bei weitem nicht so beliebt sind, wie allenthalben getan wird: Menschlichkeit ja, aber nur für mich und mein Lager.

· Dass das Wort von Rosa Luxemburg, "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden", immer noch gilt und mehr denn je als Leitschnur dienen kann, dienen sollte.

· Dass wir zurückkehren sollten zum Buch, zum greifbaren und begreifbaren; zum Lesen in Stille und Einsamkeit, jenseits vom Getöse.

· Dass wir immer noch, immer wieder, zuerst einmal die Augen öffnen und den Standpunkt wechseln sollten, versuchsweise und mit der Möglichkeit, zurückzukehren.

· Dass Schriftsteller, auch "bedeutende", mit Wasser kochen und dass es darauf ankommt, ob sie das gut machen oder nicht.

· Dass jeder, auch der preisgekrönte Autor, das Recht hat, Fehler zu begehen.

· Und dass es manchmal notwendig sein kann, sich trotzig zu zeigen: damit das Establishment, von dem ich hier rede, die ohnehin schon flache Landschaft nicht gänzlich einebnet. (Leopold Federmair, 29.11.2019)