Statistisch wächst nur jedes fünfte Kind bei einem alleinerziehenden Elternteil auf
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Manchmal ist es gut, Dinge gleich am Anfang aus dem Weg zu räumen. Und nachdem es vermutlich illegal ist, einen Text über Familie zu schreiben, ohne den Einstiegssatz von Tolstois Anna Karenina zu zitieren, sei das hiermit erledigt. "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich."

Glück und Unglück liegen in Familien manchmal nah beieinander, und doch ist die Familie weiterhin ein extrem wichtiger Wert, auch für junge Menschen. In der Wertestudie des Instituts für Jugendkulturforschung nannten heuer 76 Prozent der 16- bis 20-Jährigen Familie als wichtigen Wert. Das sind nicht nur mehr als in den höheren Alterskohorten, sondern der Wert ist sogar gewachsen. Im Jahr 1990 lag er bei 67 Prozent.

Die Küchenpsychologie bietet hier einfache Erklärungen an. In Zeiten von Brexit und befristeten Arbeitsverträgen – unsicheren Zeiten also – bietet Familie einen stabilen Wert. "Menschen suchen nach Halt. Und den finden sie immer weniger im Job oder in der Schule, weil es dort vor allem um Konkurrenz und Ausscheidungswettbewerb geht", sagte Bernhard Heinzlmaier, Leiter der Studie, bei ihrer Präsentation.

Die Familie, die im besten Fall Halt gibt, kann heute viele Formen annehmen. Von der traditionellen Mutter-Vater-Kind-Konstellation bis zu völlig neuen Formen. Familie kann vieles sein: Ort des Glücks und sicherer Rückzugsort; innerer Streitplatz und politische Kampfzone; Hort von Verbrechen und unbezahlter, hauptsächlich von Frauen geleisteter Arbeit. Sie kann der Ort sein, wo gesellschaftliche Rollen ausgehandelt werden und Absatzmarkt. Und oft ist sie auch vieles davon gleichzeitig.

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Familie ist ein beständiges soziales Netzwerk

Die Vorstellung, die klassische Familie würde an Bedeutung verlieren, hält sich hartnäckig. Das ist nicht völlig falsch, aber die Wahrheit ist, wie so oft, ein wenig komplizierter.

Tatsächlich nimmt die Lebensform "Paar mit Kindern" ab. Im Jahr 2000 waren noch 33 Prozent der österreichischen Haushalte Paare mit Kindern, heute nur mehr 27 Prozent. Es gibt mehr Singles, und mehr Paare bleiben kinderlos. Allerdings lebten 2018 immer noch knapp 55 Prozent der Österreicher in einem Haushalt mit drei oder mehr Personen. Statistisch wächst nur jedes fünfte Kind bei einem alleinerziehenden Elternteil auf, der Anteil der Alleinerzieher-Familien ist in den letzten 30 Jahren konstant geblieben.

Das heißt: Wenn ein Kind in Österreich geboren wird, wächst es statistisch mit einer hohen Wahrscheinlichkeit bei zwei Erwachsenen auf. Diese Erwachsenen können im Lauf des Lebens unterschiedliche Personen sein, die Rollen sind nicht mehr so starr wie früher. Circa acht Prozent aller Familien mit Kindern sind Patchworkfamilien. Die Familie ist alles andere als tot, sie ist nur vielfältiger geworden.

Familie ist im Wandel, immer schon

Vater, Mutter, leibliche Kinder. Das Ideal, Keimzelle der Gesellschaft, die seit Jahrtausenden die menschliche Existenz bestimmt. Das klingt nett, stimmt aber nur so halb. Wie vieles, was wir heute als selbstverständlich und gottgegeben empfinden, ist die bürgerliche Familie eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. In den späteren Phasen der Industrialisierung wurden weniger Arbeitskräfte benötigt, die Ernährung der Familie war zunehmend mit dem Gehalt des Mannes möglich. Kinder mussten nicht mehr in die Kohleminen kriechen. Das "klassische Modell" – männlicher Ernährer, weiblicher Kopf des Haushalts, Kinder – war geboren. In früheren Epochen bezog sich der Begriff Familie oft mehr auf einen Haushalt, bezog im unterschiedlichen Maße Hausangestellte oder unverheiratete Familienmitglieder mit ein und wurde mehr durch wirtschaftliche denn soziale Bande bestimmt. Kinder wurden im alten Rom, im mittelalterlichen Köln oder im modernen Wien auf ähnliche Weise gezeugt, unter dem Begriff hätte man aber etwas anderes verstanden. Das ist der Lauf der Dinge.

Familie ist Sehnsucht nach Beständigkeit

"Ich glaube, dass wir alle unsere Beziehungen zu schnell beenden", sagte eine Freundin zuletzt, während sie über einem Spritzer saß. Klingt klischeehaft und erfunden, ist aber wirklich passiert. Im Ausmaß, in dem das Leben schneller und die Beziehungen unverbindlicher werden, wächst paradoxerweise offenbar die Sehnsucht nach Dingen, die man eben nicht schnell nach links wischen kann.

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Familie bleibt. Man ist immer Bruder, Cousin oder Tochter, selbst wenn man diese Rolle nur mehr zu Weihnachten einnimmt. Sogar wenn man sich von seiner Familie lossagt. Und vielleicht ist es auch ein Missverständnis, dass Familien nur deshalb faszinierend sind, weil sie Glück versprechen. Vielleicht üben soziale Beziehungen, die man sich nicht aussucht, auch eine Faszination aus, weil man sie nicht rückgängig machen kann. Die Familie und die frühe Kindheit legen Schienen aus, auf denen wir uns unser gesamtes Leben lang bewegen. Die Schienen können angenehm oder schrecklich zu befahren sein. Man kann links und rechts von ihnen gehen, sich auch in einem anstrengenden Prozess entscheiden, diese zu verlassen – aber ein Leben, das nicht von diesen Schienen beeinflusst wird, ist denkunmöglich. (Jonas Vogt, 7.12.2019)