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Sofern es im britischen Politikwirrwarr so etwas wie eine sichere Bank gibt, im Londoner Wahlkreis Islington North findet man sie. Wer von den knapp 70.000 Einwohner des Stadtteils jünger ist als 36, kennt als Abgeordneten nur jenen Mann, der seit 2015 auch landesweit bekannt ist: Jeremy Corbyn.

Jeremy Corbyn muss sich in seinem Wahlkreis keine großen Sorgen machen.
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Seit 1983 vertritt der Altlinke das Nordlondoner Viertel im Unterhaus, zuletzt gaben ihm 60,5 Prozent ihre Stimme. Zwischen Arsenal-Stadion und Finsbury Park wohnt er in einem schmucklosen Reihenhaus, dessen Fassade von unzähligen Fototerminen in den vergangenen Jahren landesweite Bekanntheit erlangt hat. Auch Tony Blair, Vorgänger Corbyns als Labour-Chef, und Boris Johnson höchstselbst residierten einst in der heute beinahe vollends gentrifizierten Gegend.

Während sich einerseits City-Banker und anderes zahlungskräftiges Klientel schicke Townhouses in der Gegend zulegen und Medienhäuser wie der "Guardian" und Google im Borough ansiedeln, zeitigt Islington, vor allem der Norden, auch noch ein anderes Gesicht. 42 Prozent wohnen in Sozialbauten, die Kinderarmut gehört zu den höchsten in ganz England, die Suizidrate ebenso. 6,7 Prozent der Nord-Islingtoner sind arbeitlos, auch diese Zahl gehört zu den höchsten der ansonsten vielerorten so boomenden Hauptstadt.

Konflikt um Schule

Dass der Oppositionschef im Unterhaus seine Gegend kennt wie seine Westentasche, belegt der offiziell bekanntgegebene Grund für die Scheidung von seiner zweiten Ehefrau: als das Paar 1999 eine Schule für Söhnchen Benjamin suchte, bestand Jeremy Corbyn auf jene ums Eck, Claudia Bracchita jedoch schwebte eine weit elitärere Adresse vor. Zwar eilte der Schule im Viertel kein allzu guter Ruf voraus, für Corbyn aber kein Grund, seinen Grundsätzen untreu zu werden.

Das Wohnhaus des Oppositionschefs.
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Der Mann, der Corbyn allem Lokalkolorit zum Trotz seinen Sitz in Islington North abspenstig machen möchte, ist kein Konservativer, sondern ein Kandidat der Brexit-Partei von Nigel Farage. Und eigentlich stammt Yosef David, ein orthodoxer Jude, auch gar nicht aus der Gegend, sondern aus dem Vorort Hendon. Weil Farage aber den konservativen Kandidaten keine Konkurrenz machen möchte, versetzte er David – das liberale britische Wahlrecht macht es möglich – kurzerhand in die Labour-Hochburg.

Auch wenn Islington North mit seinen knapp 75 Prozent "Remain"-Stimmen nicht gerade ein einfacher Boden für seine Partei ist, hofft David auf die Stimmen jener, die sich mit den antisemitischen Zwischentönen in der Labour-Partei nicht abfinden möchten. Allzu viel Hoffnung dürfte er sich jedoch nicht machen. (Florian Niederndorfer aus London, 12.12.2019)