Gewisse Fragen stellt man sich erst, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Zum Beispiel: Wie gelange ich in diesen Metrowagen, der schon voller ist als eine Sardinenbüchse? Sicher ist nur: Um 18.45 Uhr beginnt im Elysée-Palast die Pressekonferenz zum Ukraine-Gipfel; und Wladimir Putin, Angela Merkel oder Emmanuel Macron warten nicht gerne auf Journalisten.

Metrofahren in Paris bietet ein Gefühl wie eine Sardinenbüchse, nur ohne Öl.
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Also: Luft holen und rein ins Getümmel. Am besten mit dem Rücken zuerst. Sanft drücken und sich dabei wortreich entschuldigen. Das öffnet einen kleinen Spalt, in den man sich seitlich zwängen kann. Noch mal ein "excusez-moi", ein "merci" – und endlich ist man im Wagen. Der fährt allerdings nicht gleich ab – denn nun versucht ein weiterer Passagier einzusteigen.

Da geht noch was.
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Glückliche Sardinen

Das Schwierigste während der Fahrt ist nicht das Eingeklemmtsein, sondern die Erkenntnis, dass man noch zu den Glücklichen zählt. Auf der vollautomatisierten Linie 1 kommt man immerhin noch vorwärts. Fast alle anderen der 16 Metrolinien sind geschlossen, da die Zugführer streiken. Hart streiken, und das seit einer Woche. Als direkte Folge bilden sich morgens und abends über 400 Kilometer Stau um Paris. Viele Pendler tun sich über Mitfahrdienste wie Blablacar zusammen. In den Kolonnen bleibt aber auch ihr Wagen stecken.

Eine Alternative wäre das Fahrrad – wenn es sich nicht schon Sohnemann für den Schulweg geschnappt hätte. Bleibt Schusters Rappen. Lehrerin Levasseur hat die Strecke zwischen der Station Port-Royal und dem Vorort Cachan zu Fuß absolviert. Knappe zehn Kilometer. Abends noch mal.

Campieren am Arbeitsplatz

Vor dem Schuleingang diskutieren Mütter über das Leben in den Zeiten des Streiks. Da die Gattin derzeit an ihrem Arbeitsplatz in der Banlieue (14 Kilometer entfernt) im Schlafsack übernachtet, lernt man als Vater Eltern kennen, mit denen man nie ein Wort gewechselt hatte oder hätte. Ja, die Lehrerin sei da, vernimmt man; aber nein, die Schulkantine bleibe geschlossen, sagt Séverine. Die Mutter von Appoline schlägt vor, die Kinder abwechselnd zur Schule zu bringen und zu verköstigen. Sie sieht abgespannt aus. Schlafmangel? Ihr Mann steht jeden Morgen um fünf Uhr auf und kommt abends erst gegen 22 Uhr nach Hause – dank des Verkehrschaos.

Valérie ist dagegen in Form. Die energische Maman hatte sich schon im Herbst einen elektrischen Tretroller gekauft und fährt damit ihre Tochter zur Schule, als wäre sie Ben Hur im Circus Maximus. Die anderen schauen neidisch zu – sie wollten diese Woche auch ein E-Trottinett kaufen, trafen aber streikbedingt nur noch leere Regale an.

Heimarbeit

Auch Narguesse ist guter Dinge, als sie ihren Sprössling vorbeibringt. Sie macht derzeit "télétravail", das heißt, sie arbeitet am Computer im Homeoffice. Das gehe aber auch nicht ewig, bedauert die Angestellte einer Pariser PR-Agentur. Morgen hat sie einen wichtigen Termin am Arbeitsplatz. Wie sie ihn einhalten wird, weiß sie selber noch nicht. "La débrouille", seufzt sie. Ein sehr verbreitetes, sehr französisches Wort für Improvisationskunst. In Frankreich nimmt man die Dinge, wie sie kommen.

Am Donnerstag sind die Kinder schon am Morgen aus der Schule zurückgekehrt. Madame Levasseur streikt nun doch auch. Dafür ist das Fahrrad frei. Die Fahrt zum Presseevent ist kontrastreich: Einzelne Seitenstraßen sind völlig leer – aber nur, weil der Boulevard völlig blockiert ist. Nach einer Stunde auf dem Velo spürt man in den Beinen, wie gewaltig der Großraum Paris mit seinen zehn Millionen Einwohnern ist – und dass sich die Sehenswürdigkeiten der Lichterstadt auf einen kleinen Teil konzentrieren.

Darüber spricht man nicht

Pause beim Glasbläser: Im Café Le Verre Siffleur in der Rue Alésia stehen Passanten – einer mit einem Skateboard zwischen die Beine geklemmt – am runden Tresen und tauschen Geschichten aus. Jeder hat eine. Etwa von einer Notfall-Krankenschwester, die von ihrer Direktion im Hotel neben dem Spital einquartiert worden ist. Oder von Alain, einem 55-jährigen Gebäudereiniger, der 30 Kilometer außerhalb von Paris wohnt und täglich fünf Stunden zu Fuß in die Arbeit geht.

In der Rue Alésia ist wenig los.
Foto: Standard/Brändle

Und was halten die Bistrogäste vom Streik? Pardon, darüber spricht man nicht. Vielleicht, weil das Thema zu explosiv ist, zu stark polarisiert. Im allgemeinen Streik- und Nervenstress könnte das schnell zu Streit führen; und beim Glasbläser wollen alle nur eines: den Frieden. Eine kleine Auszeit. Croissant tunken und Wärme tanken, bis es zurückgeht auf die Galeere. Richtig, "la galère": So sagt man in Frankreich für Plagerei, Chaos, Elend. Und eben für das Leben in Zeiten des Streiks. (Stefan Brändle aus Paris, 13.12.2019)

Beschauliche Weihnachtsstimmung im Bahnhof Montparnasse.
Foto: Standard/Brändle
Ein Kino in der Rue Alésia spielt den Film "Les Misérables", auch die Leuchtanzeige ist ein einziges Elend.
Foto: Standard/Brändle