Der Schein trügt; Edward Norton beim Versuch, als Filmdetektiv auf dem morastigen Grund von New York den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren.

Warner Bros. Pictures via AP / Glen Wilson

Lionel Essrog ist ein Mann mit mehreren Namen. "Freakshow" nennen ihn die, die ihn wegen seines Tourettesyndroms für eine lächerliche Figur halten. Lionel kommen immer wieder sinnlose Silben aus. Er klingt dann wie ein Freak. Manchmal heißt er aber auch einfach "Brooklyn", wegen seiner Herkunft und weil er keine anderen Eltern hat als das große Borough in New York. Lionel arbeitet für den Detektiv Frank Minna, der ihn einst als Waisenjungen unter seine Fittiche genommen hat. Ein fotografisches Gedächtnis ist zum Beispiel eines der Talente, das Lionel für die Tätigkeit eines Detektivs bestens befähigt. Mit dem Mord an Frank Minna beginnt der Film Motherless Brooklyn von Edward Norton. Mit diesem Verbrechen nimmt ein Kriminalfall allmählich Konturen an, der tief in den korrupten Strukturen von New York verwurzelt zu sein scheint.

Und Lionel macht sich tapsig daran, den vielen Fäden nachzugehen, auf die er aufmerksam wird. Er ist alles andere als einer dieser hart gesottenen Typen, wie sie Humphrey Bogart damals häufig spielte. Lionel ist eher ein Romantiker, der dann aber an der Aufgabe wächst. Er tut so, als wäre er Journalist, und er deckt auch tatsächlich eine Menge auf.

Ein Herzensprojekt

Der Stadtentwickler Moses Randolph (Alec Baldwin in einer prächtigen Schurkenrolle) geht mit seinen gigantomanischen Plänen gelegentlich auch über Leichen, vor allem aber vernichtet er die Wohnungen vieler einfacher Menschen, darunter sehr viele schwarze New Yorker. Lionel trifft auf Individuen, die Widerstand leisten oder verkörpern: eine resolute Bürgerrechtlerin (Gugu Mbatha-Raw), ein Jazzmusiker (Michael K. Williams, bekannt als Omar aus der Serie The Wire), und dann auch noch Paul, der rechtschaffene Bruder von Moses Randolph (wieder einmal eine große, kleine Rolle für Willem Dafoe).

Für den Schauspieler Edward Norton war Motherless Brooklyn ein Herzensprojekt. Er ging dabei von dem gleichnamigen Roman von Jonathan Lethem aus, einem Autor, der immer zugleich Stadthistoriker und Kulturmythologe ist. Schon 1999 sicherte Norton sich die Rechte, er war damals einer der aufstrebenden jungen Stars in Hollywood, er spielte neben Brad Pitt in Fight Club, und er führte bei der Komödie Keeping the Faith auch schon einmal Regie. In den zwanzig Jahren, die seither vergangen sind, lief dann aber nicht immer alles rund für Norton, er hat inzwischen in der Branche eher das Image eines Schwierigen.

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Für seine Adaption hat er – neben vielen im Detail – eine entscheidende Veränderung gegenüber der Vorlage vorgenommen: Er lässt die Geschichte in den späten 1950er-Jahren spielen, während Lethem sie in seiner Erzählergegenwart, also vierzig Jahren später, situiert hatte. Damit bekommen die Schichtungen der kulturellen Überlieferung zusätzliches Gewicht. Der Roman lässt sich ohne weiteres als Pastiche lesen, ein weißer Nerd spielt noch einmal mit den Formeln des Hardboiled-Genres und verleiht ihm mit einem Beiseite-Sprecher einen untypischen, gebrochenen Helden. Norton hingegen kehrt gleichsam an den Ursprung zurück, weiß aber natürlich, dass das nicht so einfach geht.

Auf fremdem Terrain

So wird vor allem der Jazz der Schlüssel zu allen anderen Aspekten dieser Geschichte: Der "Trumpet Man" spielt die Nummer, zu der Lionel schließlich einen vorsichtigen Tanz wagen muss, ein Mann auf fremdem Terrain, ein ewig Einsamer, der plötzlich von einer schönen Afroamerikanerin zu sicheren Schritten geführt wird. Lionel, der "Mutterlose", verbindet in diesem Moment die Gegenkultur von Harlem mit der anderen Gegenkultur des historischen Brooklyn. Norton schlägt allerdings eine musikalische Brücke in die Gegenwart. Er hat Daniel Pemberton für einen elegischen Soundtrack verpflichtet, und Thom Yorke von Radiohead steuert einen Song bei.

Heute ist Brooklyn das größte Hipsterviertel von New York. Und die Vereinigten Staaten haben einen Präsidenten, der als Immobilienentwickler begann, sodass man bei der Figur von Moses Randolph unweigerlich auch an Donald Trump denken mag – oder eher noch an dessen Vater Fred C. Trump.

Vor diesem Hintergrund erweist sich das, was man auch für Nortons Nostalgie halten könnte, als eine Idee von Gegenwartskritik: Er kreuzt eine Zeit, in der ein Mann mit einer Macke noch bis zu einem Paten in die Sauna vordringen konnte, um mit ihm einen philosophierenden Dialog zu führen, mit einer Zeit, in der die Hybris der Macht in Amerika moralisch wie intellektuell leer ist. Sie ist nicht einmal jenseits von Gut und Böse, sondern zeigt sich in ihrer atomisierten Rationalität als eine Entstellung der Eigenschaft, die Lionel "mutterlos" macht: Sein Tourettesyndrom, mit dem er scheinbar alles zerfallen lässt, macht ihn zu dem Mann, der alles zusammenführt. (Bert Rebhandl, 13.12.2019)