Nach Flashmobs in diversen italienischen Städten haben die Sardinen auch in Rom ihre Feuertaufe bestanden

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Es war eine friedliche, vergnügte Demonstration: Statt der sonst üblichen Parteifahnen dominierten in Rom am Samstag Kartonschilder mit selbstgemalten Sardinen und mehr oder weniger kreativen Slogans, die sich hauptsächlich gegen Italiens ehemaligen Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini richteten. "Sardinen gegen Faschismus und Intoleranz" oder "Lieber in Öl eingelegt als hereingelegt" war auf den Plakaten etwa zu lesen. Es gab kaum Sprechchöre, dafür wurden die italienische Hymne und vor allem das Partisanenlied Bella Ciao gesungen. Alles wirkte improvisiert, die Rednerbühne war zu klein, die Lautsprecher waren zu schwach, um richtig zu verstehen, was gesagt wurde.

Die Kundgebung der Sardinen fand auf der Piazza San Giovanni vor der Lateranbasilika in der italienischen Hauptstadt statt. Den riesigen "Platz der Plätze" zu füllen ist für jeden Veranstalter und für jede Partei eine Herausforderung. Die Sardinen haben diese Feuertaufe bestanden: Zu der Kundgebung der noch jungen Bewegung vom Samstag sind schätzungsweise 100.000 Menschen gekommen. Unter den Teilnehmern befanden sich vorwiegend Linkswähler, die sich von ihren untereinander zerstrittenen Parteien abgewendet haben. Aber auch enttäuschte Anhänger der regierenden Fünf-Sterne-Bewegung sowie Nichtwähler, Jungsozialisten und Alt-68er strömten in Massen auf die Piazza.

Plötzlicher Widerstand

Mit der Bewegung der Sardinen sieht sich Lega-Chef Salvini in seinem Dauerwahlkampf wie aus dem Nichts mit Widerstand konfrontiert. Die erste Kundgebung hatte erst vor einem Monat in Bologna stattgefunden – und auf Anhieb 15.000 Menschen mobilisiert. Organisiert wurde die erste Demonstration vom 32-jährige Ökonomen und Sportlehrer Mattia Santori und drei Freunden, und zwar als Flashmob, also als spontaner Menschenauflauf, zu dem über Facebook und andere soziale Medien aufgerufen worden war. Seither haben in ganz Italien in über hundert weiteren Städten solche Flashmobs der Sardinen stattgefunden – jeweils mit tausenden oder auch zehntausenden Teilnehmern. Viele Auslandsitaliener versammelten sich am Samstag in zahlreichen europäischen Hauptstädten, darunter auch in Wien.

"Wir wollen eine Botschaft verbreiten: Wir sind zusammengepfercht wie Sardinen, weil wir so viele sind", betonte der lockenköpfige Santori in Rom. Die Bewegung wolle Salvini demonstrieren, dass seine Hetzkampagne gegen Migranten und private Retter nicht von allen unterstützt werde. Bei der Sardine, so Santori, handle es sich um ein schweigsames, um ein stummes Wesen – im Gegensatz zu den populistischen Politikern. Am Vortag des Römer Flashmobs hatte Santori vor der Auslandspresse erklärt, dass sich in Italien nun "soziale und politische Antikörper" gebildet hätten, während es lange Zeit danach ausgesehen habe, dass der Durchmarsch des Rechtspopulisten Salvini nicht aufzuhalten sei. Es habe sich "eine neue Dynamik" gebildet.

Gegen verbale Gewalt

Angesichts des spektakulären Erfolgs konnten die Versuche linker Parteien und Gruppen, die Sardinen zu vereinnahmen, nicht ausbleiben. Die Bewegung mache "gute Vorschläge, die wir mit aller Kraft umsetzen wollen", sagte etwa Nicola Zingaretti, der Vorsitzende der sozialdemokratischen Regierungspartei PD. Der Politikchef der Fünf-Sterne-Bewegung, Außenminister Luigi Di Maio, erklärte wiederum, dass er sich gut vorstellen könne, mit den Sardinen zusammenarbeiten. Di Maio weiß ganz genau, wie gefährlich die neue, unverbrauchte Protestbewegung seiner durch Inkompetenz und zahllose gebrochene Wahlversprechen diskreditierten Fünf-Sterne-Bewegung werden kann.

Bisher haben sich die Sardinen gegenüber den Sirenengesängen der Parteien als taub erwiesen. Vorerst ist laut Santori auch nicht geplant, die Sardinen in eine politische Partei zu verwandeln. In Rom hat er aber einige politische Vorschläge verkündet. So forderte er mit Blick auf Ex-Innenminister Salvini, dass sich regierende Politiker ihrem Amt zu widmen hätten, statt Dauerwahlkampf zu betreiben. Verbale Gewalt müsse aus der politischen Kommunikation verbannt werden. Außerdem verlangte Santori die Abschaffung des Sicherheitsdekrets: Dieses kriminalisiert die privaten Seenotretter und ist nach wie vor in Kraft. (Dominik Straub aus Rom, 16.12.2019)