Die tunesische "Star Wars"-Kulisse aus den 1990er-Jahren diente vor kurzem als Tanzboden für ein Festival der Elektronischen Musik.

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135 Journalisten und Influencer wurden eingeflogen, um über Les Dunes Electroniques zu berichten und damit ein modernes Bild über Tunesien in die Welt zu senden.

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Man träumt davon, dass der tunesische Tourismus ein bisschen wird wie jener in Marokko, individueller und lifestyliger.

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In der Wüste kann es richtig kalt werden: Offene Feuerstellen wärmen die Raver.

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30 Stunden DJ-Sounds nonstop, mitten in der Wüste.

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Die Wüste ist unberechenbar. Gegen Mittag verdunkelt sich der Himmel über Tozeur, dem tunesischen Tor zur Sahara, rund sieben Autostunden südlich der Hauptstadt Tunis. Ein scharfer Wind weht durch die Lehmziegelarchitektur der Medina, treibt den Sand durch die schmalen Gassen. Eine Hektik macht sich in dem ansonsten gemütlichen Städtchen breit. Um 17 Uhr soll die diesjährige Ausgabe des Musikfestivals Les Dunes Electroniques nach drei Jahren Pause erneut starten: 30 Stunden DJ-Sounds nonstop, mitten in der Wüste. Wird das Wetter halten?

Sci-Fi-Fans kennen das tunesische Dorf Ong Jemel unter dem Namen Mos Espa, dem Geburtsort des Jedi-Ritters Anakin Skywalker, der zur dunklen Seite der Macht wechselte und zu Darth Vader wurde. In den 1970er-Jahren machte sich der junge Regisseur George Lucas auf die Suche nach einem unwirtlichen Wüstenplaneten für seine "Star Wars"-Saga – und wurde in Tunesien fündig. "Damals gab es hier keine Straße, die verdanken wir den Dreharbeiten", erklärt unser Guide auf dem Weg zur ungewöhnlichen Rave-Kulisse, die wir pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen.

Konzentriert auf die Küste

Das verlassene Set ist magisch. Surreal ragen Antennen und archaisch anmutende Höhlenbehausungen aus dem Boden. Man fühlt sich, als würden die Jedi-Ritter gleich zurückkehren. Zwischenzeitlich wurde die Filmkulisse von einer riesigen Wanderdüne überwuchert, nach umfangreichen Freilegungsarbeiten ist sie seit ein paar Jahren wieder zu besichtigen. Sie soll Touristen weg von den Stränden, hin zu den Wüstenregionen des Landes locken. Tunesien ist aber auch abseits von "Star Wars" eine beliebte Kinolocation: "Der englische Patient" wurde hier gefilmt, Sylvester Stallone und Dolph Lundgren drehen gerade "The Expendables 4" in der Nähe von Tozeur.

Das krisengeschüttelte Land kann die Promotion gut gebrauchen. Die Arbeitslosigkeit ist im Landesinneren hoch, der tunesische Tourismus hat sich zu lange auf All-inclusive-Billigangebote an den Küsten konzentriert. Nach den Terroranschlägen von 2015, bei denen mehr als 60 Menschen getötet wurden, schreckten viele vor einem Urlaub in Tunesien zurück. Die Lage hat sich aber stabilisiert: Rund acht Millionen Touristen kamen im Vorjahr, das sind fast so viele wie vor Beginn des "Arabischen Frühlings", der im Dezember 2010 in Tunesien seinen Ursprung fand.

Star Wars-Kulisse

Nefta, ganz in der Nähe von Tozeur, wirbt mit dem Designhotel Dar Hi, das einen schönen Blick auf umliegende Palmenhaine ermöglicht und eine minimalistische Ästhetik bedient, die Hipster aus aller Welt ansprechen soll. 135 Journalisten und Influencer wurden eingeflogen, um über Les Dunes Electroniques zu berichten und damit ein modernes Bild Tunesiens in die Welt zu senden. Im schicken Dar Hi gibt es einen Begrüßungsdrink.

Vor der "Star Wars"-Kulisse wurde ein DJ-Pult aufgebaut, rund um das Festivalgelände ein Zaun gezogen. Die Sicherheitsvorkehrungen im Niemandsland sind streng. Yazan Rah, ein moderner Schamane aus Palästina, führt eine Meditation durch: "Werdet eins mit der Düne. Überlegt euch, was die nächsten Tage für euch bedeuten sollen." Die Gäste aus dem Ausland fotografieren emsig, auf die heimischen Kamele wirkt die Entspannungsübung schnell: Sie grunzen zufrieden und lassen ein paar Kotknötchen auf den Wüstenboden fallen.

Alltägliche Widersprüche

Der Sturm verzieht sich nach und nach, saukalt ist es trotzdem. Auf sieben Grad sinkt die Temperatur in der Nacht, in der Wüste ist das eisig, obwohl offene Feuer wärmen. Die Raver sehen in ihren tunesischen Umhängen wie Jedi-Ritter aus. Es war geplant, in Zelten zu übernachten, daran ist aber nicht zu denken. Ein Großteil der viel zu optimistisch gekleideten Influencer zieht sich bald ins VIP-Zelt zurück. Dort fragt sich keiner, wer sich einen Dreitagespass um 80 Euro in Tunesien überhaupt leisten kann, das Durchschnittseinkommen beträgt rund 300 Euro im Monat.

Mit dem Quereinsteiger Kaïs Saïed wurde jüngst ein Rechtsprofessor Präsident, der einen Kampf gegen Korruption und Eliten angekündigt hat. Dabei ist er ein Hardliner, der für die Todesstrafe und gegen Homosexualität auftritt. Den meisten gilt er trotzdem als Hoffnungsträger. Diese Widersprüche, die den Alltag in Tunesien prägen, sind auch auf dem Festival omnipräsent. Man predigt Umweltschutz, schenkt Bier aber in kleinen Metalldosen aus, die mühsam in Pfandbecher umgefüllt werden. Als um zwei Uhr früh der Alkohol ausgeht, sorgt das für Unmut unter den Tanzenden.

Fragile Lage

Réne Trabelsi, der tunesische Tourismusminister, gibt sich am nächsten Morgen zufrieden. In einer Pressekonferenz lobt er, dass alles so sicher über die Bühne gegangen ist, seine Heimat beschreibt er als weltoffen und tolerant. Es herrsche ein falsches Bild von Tunesien, das es zu berichtigen gelte. "Wir sind ein friedliches Volk, in dem Terrorismus keine Rolle spielt", betont er. "Ich bin Jude und habe die Chance bekommen, Minister zu werden."

Fragil bleibt die Lage trotzdem, im Juni 2019 wurden bei zwei Attentaten in Tunis mindestens zwei Menschen getötet und neun verletzt. Trabelsi, der kein Parteibuch besitzt, ist der einzige jüdische Minister in einem arabischen Land. Er träumt davon, dass der tunesische Tourismus ein bisschen wird wie jener in Marokko, individueller und lifestyliger. Er möchte junge, hippe Reisende ansprechen und ausländische Investoren ins Land holen.

Tunesien soll sich in den nächsten Jahren stark verändern, Tunis muss das gar nicht. Die Hauptstadt ist jetzt schon eine lässige Mischung aus französischem Flair und Orient. Ideal, um für ein paar Tage in das Land einzutauchen. Auch ohne Filmkulisse. Obwohl: Eine Bond-Verfolgungsjagd in der Medina kann man sich gut vorstellen. (Karin Cerny, 10.1.2020)