Die Chance stehen gut, dass hypothetische Forscher einer fernen Zukunft Fossilien von Rindern finden werden.
Foto: AP Photo/Natacha Pisarenko

Die Erdgeschichte ist an Katastrophen festgemacht. Jedes Erdzeitalter wird von seinem Vorgänger und Nachfolger dadurch unterschieden, dass in ihm eine charakteristische Fauna und Flora existierte. Und diese Unterschiede gibt es deshalb, weil an der Grenze zwischen den Zeitaltern etwas geschehen ist, das einem wesentlichen Anteil der vorherigen Lebensformen den Garaus gemacht hat.

Im Rückblick sind diese Zeitalter relativ einfach einzuteilen, wenn man nur ausreichend Fossilien zur Verfügung hat. Aber wie soll man die Ära beurteilen, in der wir noch leben? Für die Gegenwart hat sich mittlerweile der Begriff Anthropozän durchgesetzt. Er beschreibt ein Zeitalter, in dem die menschlichen Einflüsse auf die planetare Ökosphäre und Geologie in Summe den natürlichen nahekommen oder sie sogar schon übertreffen.

Enger und weiter Fossilienbegriff

Geht man davon aus, dass dieses Zeitalter nicht bis zum Ende des Planeten selbst anhalten wird, stellt sich die Frage, welche Spuren von fiktiven Paläontologen einer fernen Zukunft als typisch für das Anthropozän eingestuft würden. Studien zum Thema befassten sich bisher zumeist mit Substanzen, die die Menschheit in "ihre" künftige geologische Schicht eingebracht hat: Beton, Plastik, radioaktive Partikel aus den Atomtests und viele andere sogenannte Technofossilien.

US-Forscher wählten nun aber einen engeren Fossilienbegriff, nämlich ganz klassisch die versteinerten Überreste von Tieren. Was wird da von unserer Ära übrigbleiben? In seiner im Fachjournal "Anthropocene" vorgestellten Studie kommt das Team um Roy Plotnick von der University of Illinois und Karen Koy von der Missouri Western State University zu einer ernüchternd klaren Prognose: Es werden fast ausschließlich die Knochen von Menschen und Haustieren sein. Von den Wildtieren unseres Zeitalters werden künftige Paläontologen vermutlich keine Ahnung haben.

Massenhaftes Auftreten einiger weniger Spezies

Einer der Gründe dafür ist das schiere Übermaß einiger weniger Spezies, inklusive unserer eigenen. Die aktuelle Zahl von Menschen beträgt laut Stiftung Weltbevölkerung rund 7,75 Milliarden. Rinder gibt es immer noch beachtliche 1,5 Milliarden, Schweine bleiben nur knapp unter der Milliardengrenze. Und alle werden vom Haushuhn überflügelt, geschätzte Kopfzahl: 21,4 Milliarden. Rechnet man die Schlachtungen mit ein, kommt man sogar auf eine Zahl von 60 Milliarden Hühnern pro Jahr, rechneten vor einem Jahr Forscher der Universität Leicester vor. Damit kann kein anderes Landwirbeltier mithalten.

Als Fallbeispiel für dieses spektakuläre Ungleichgewicht zog Plotnick den US-Bundesstaat Michigan heran, aus dem ein durchgängig guter fossiler Befund aus vergangenen Zeitaltern ebenso vorliegt wie umfassende Daten über das Heute. Und im "Mikrokosmos Michigan", der laut den Forschern durchaus verallgemeinerbar sei, entfallen satte 95 Prozent der Gesamtmasse aller Landwirbeltiere auf Menschen und ihre Haustiere. Als einzige wildlebende Spezies trete dort noch der Weißwedelhirsch in Massen auf. Immerhin werden pro Jahr etwa 366.000 Exemplare von Jägern erlegt (während weitere 50.000 fatal mit Autos kollidieren).

Hier zersetzt sich gerade ein Schweinekadaver. Ob daraus noch ein Fossil wird, bleibt offen.
Foto: Karen Koy, Missouri Western State University

Da nur ein verschwindend geringer Anteil aller verendeten Tiere als Fossil für die Ewigkeit versteinert, ist die Wahrscheinlichkeit entsprechend gering, dass es eines der seltenen Wildtiere trifft. "Stattdessen wird der zukünftige Säugetierbefund hauptsächlich aus Kühen, Schweinen, Schafen, Ziegen, Hunden, Katzen und den Menschen selbst bestehen", nimmt Plotnick die Forschungsergebnisse seiner fernen Nachfolger vorweg.

Von der Mülldeponie bis zum Reihengrab

Ein weiterer Aspekt neben den reinen Zahlenverhältnissen sind die Bedingungen, unter denen ein Kadaver zum Fossil werden kann. Und auch da hat der Mensch neue Verhältnisse geschaffen, so Plotnick: Aus früherer Zeit seien Fossilien gehäuft an Orten wie Höhlen oder ehemaligen See- und Flussbetten erhalten geblieben. Heute werden andere potenzielle Fundgruben geschaffen, die als einzigartiges Merkmal unseres Zeitalter unverkennbar wären.

Das sei etwa der Fall, wenn nach einer Massenschlachtung aufgrund einer Epidemie tausende vollständige Tierkörper im Boden vergraben werden. Andere – insbesondere abgenagte Hühnerskelette – landen via Hausmüll massenhaft auf Deponien. Die dortigen anaeroben Verhältnisse sorgen dafür, dass selbst notorisch zerfallsanfällige Vogelknochen gut erhalten bleiben. Massenablagerungen von Hühnerskeletten werden ein typisches Merkmal unserer Epoche sein, bilanzierte das Team der Uni Leicester im vergangenen Jahr.

Und eine Spezies konserviert sich sogar auf eine besonders sorgfältige Weise – nämlich in Form von Friedhöfen. "In ferner Zukunft wird der Fossilienbestand von heute eine riesige Zahl kompletter Hominidenskelette beinhalten, alle in Reihen angeordnet", sagt Plotnick.

Die kambrische Katzen-Explosion

Bleibt noch die Frage, wie treffsicher besagte Paläontologen der Zukunft ihre Entdeckungen interpretieren werden. Plotnick verweist auf die große Zahl morphologisch stark unterschiedlicher Hunde- und mittlerweile auch Katzenrassen dank menschlicher Zucht. Ohne Wissen um den Kontext könnte dies zur Annahme verleiten, dass hier ein natürlicher Fall von Radiation vorlag: einer hohen Zunahme der Artenvielfalt und der Anpassung an verschiedene ökologische Nischen binnen kurzer Zeit. Gewissermaßen also eine "kambrische Explosion" der Hunde und Katzen.

John Conway, C.M. Kosemen & Darren Naish: "All Yesterdays", 100 Seiten, lulu.com 2012
Foto: lulu.com

An dieser Stelle sei auf ein sehr vergnügliches Buch hingewiesen, das der britische Paläontologe Darren Naish 2012 zusammen mit zwei Illustratoren herausgab: Der Bildband "All Yesterdays" widmet sich dem Umstand, dass es in der Paläontologie eine gewisse Schlagseite in die Richtung gibt, Dinosaurier und Verwandte als überschlanke Sehnen- und Muskelbündel zu rekonstruieren.

Dabei zeigen heutige Spezies, dass das äußere Erscheinungsbild eines Tiers wesentlich von weichem respektive zerfallsanfälligem Gewebe geprägt wird: Höcker, Pelze, Fettwülste, Hautlappen und vieles mehr. Dass solches Gewebe in der Regel nicht erhalten geblieben ist, bedeutet noch nicht, dass die Tiere früherer Epochen es nicht hatten – und dementsprechend exotisch sehen Naishs Dino-Rekonstruktionen auch aus.

Wo die Weisen der Zukunft irren

Der eigentliche Clou an "All Yesterdays" ist aber, dass Naish abweichende Interpretationsmuster dann auch auf die Tiere unseres Zeitalters anwendet und fiktive Paläontologen der Zukunft einige fantastische Fehleinschätzungen treffen lässt: vom pelzigen Leguan über einen rüssellosen Elefanten bis zu einem albtraumhaften Storch, dessen Flügel als Instrumente zum Aufspießen von Beute gedeutet werden, ist da so einiges Sehenswerte dabei.

Und wenn schon die tatsächliche Silhouette eines Tiers ungewiss ist, so gilt dies für sein Verhalten und seine Lebensweise erst recht. Der vielleicht schönste Fall fehlinterpretierter Säugetierfauna im Buch betrifft zwei Arten von Fossilien, die in ferner Zukunft massenweise in den typischen "Betonhöhlen" des Anthropozäns gefunden werden: zum einen kleine Raubtiere mit spitzen Krallen und Zähnen, zum anderen offensichtlich völlig wehrlose Zweibeiner ohne hervorstechende Körpermerkmale. Der plausible Schluss: Die Menschen wurden in ihren Häusern von Katzen gefressen. (jdo, 7. 1. 2020)