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STANDARD: Sie sind seit Anfang des Monats IAEA-Generaldirektor. Wie wird sich Ihre Amtsführung von der Ihres verstorbenen Vorgängers Yukiya Amano unterscheiden?

Grossi: Ich habe sicher meinen eigenen Weg zu tun, was getan werden muss, möchte mich aber nicht mit meinem Vorgänger vergleichen. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass eine internationale Organisation im 21. Jahrhundert sehr offen, modern und dynamisch geführt werden muss.

STANDARD: "Bestimmt, aber fair", so haben Sie Ihren Ansatz im Umgang mit dem Iran beschrieben. Was genau meinen Sie damit?

Grossi: Wenn ich sage, ich möchte fair sein, dann habe ich keinerlei politische Agenda oder Mission. Ich muss neutral und wertfrei sein. Ich kenne das Gewicht, das die Berichte eines IAEA-Generaldirektors haben und was sie auslösen. Die Agentur hat viele Facetten. Aber was den Bereich der Atominspektionen angeht, sind wir nur Prüfer. Wir haben die Pflicht, mit Sorgfalt das zu tun, was das jeweilige Mandat uns vorschreibt. Wir werden bei unseren Inspektionen jeden einzelnen Stein umdrehen.

STANDARD: Im Iran-Report vom 11. November berichtet die IAEA von einem Fund von "Partikeln von Natururan anthropogenen Ursprungs" in einer nicht deklarierten Anlage nahe Teheran. Warten Sie noch immer auf eine Erklärung aus Teheran?

Grossi: Wir sind mit Teheran im Gespräch. Ein Inspektionsprozess sollte bestenfalls immer ein Dialog sein. Wir haben bisher noch nicht alle Informationen erhalten, um die wir gebeten haben, aber die Kanäle sind, wie gesagt, offen.

STANDARD: Wie lange wollen Sie Teheran Zeit geben, um alle Informationen zur Verfügung zu stellen?

Grossi: Diese Dinge sind höchst technisch, und die Analyse braucht Zeit. Wir arbeiten mit Laboren zusammen, wir haben sogenannte Blindtests. Wir müssen garantieren, dass der Prozess komplett fair ist und uns keine Fehler passieren. Gleichzeitig glaube ich nicht daran, dass man ewig im Dialog bleiben muss. Unsere Fragen an Teheran sind konkret und verlangen konkrete Antworten. Die Beantwortung sollte jedenfalls nicht Monate dauern.

STANDARD: Die Europäer sind hin- und hergerissen zwischen dem Versuch, den Iran-Deal (Joint Comprehensive Plan of Action, JCPOA) zu retten, und der Reaktion auf die Verstöße des Iran gegen den Deal. Ist der Deal noch zu retten?

Grossi: Mein Job ist es weder, den JCPOA zu retten, noch ihn zu zerstören. Es wäre unangemessen und destruktiv, wenn ich mich in die politische Arena werfe. Was für mich relevant ist, ist nur das Mandat. Die IAEA darf keine Szenarien zeichnen. Ich mag eine Meinung oder eine Überzeugung haben, aber für mich als Generaldirektor ist nur relevant, welche Informationen ich habe. Wenn ich innerhalb dieses Rahmens ein Problem sehe, werde ich meine Stimme erheben. Ich bin nur der "nuclear watchdog". Alles andere ist Sache der betroffenen Staaten und Politiker.

STANDARD: Können Sie zumindest eine neue Dynamik zwischen den Parteien vermitteln?

Grossi: Alle Player müssen das Gefühl haben, dass die IAEA ein konstruktiver Partner ist. Das liegt aber auch im Auge des Betrachters.

STANDARD: Eine weitere wichtige Rolle spielen Sie auch in Nordkorea. Es ist zehn Jahre her, dass die Atominspektoren aus Nordkorea rausgeschmissen wurden. Wann werden sie zurückkehren, und was erwartet sie?

Grossi: Ich hoffe auf einen erfolgreichen bilateralen Prozess zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea. In dem Moment, in dem diese beiden ein Abkommen haben, sind wir wieder vor Ort, um zu verifizieren, dass das Abkommen eingehalten wird. Das wird eine Riesenherausforderung für uns, denn die Demokratische Volksrepublik Nordkorea ist nicht mehr die, die wir vor zehn Jahren verlassen haben. Nun ist Nordkorea ein Staat, der Atomwaffen besitzt – mit einem sehr umfangreichen Netzwerk von Anlagen. Das wird ein zentraler Test für die internationale Sicherheit insgesamt und natürlich für uns.

STANDARD: Sind die Inspektoren dem gewachsen und darauf vorbereitet?

Grossi: Die IAEA-Inspektoren bereiten sich auf diesen Moment vor, seitdem sie das Land verlassen mussten. Natürlich wurde die Informationskette unterbrochen. Aber wir haben Informationen, und Bewertungen sind so gut wie möglich vorbereitet.

STANDARD: Wird die IAEA noch 2020 zum Einsatz kommen?

Grossi: Ich hoffe und glaube, das wäre möglich.

STANDARD: Derzeit ist der Klimawandel in aller Munde. Ist Atomstrom in der Klimadebatte wirklich Teil der Lösung?

Grossi: Es ist eine wissenschaftliche Tatsache, dass bei der Stromerzeugung aus Kernenergie weniger Emissionen anfallen als bei manchen erneuerbaren Energien. In diesem Sinne hilft die Kernenergie bei der Reduktion von CO2. Ich bin mir natürlich dessen bewusst, welche Position mein Gastland Österreich hat, aber jeder Staat muss das für sich entscheiden. Die Atomenergie ist jedenfalls auf dem Vormarsch. In China, Indien, Russland, in Ägypten werden neue Atomkraftwerke gebaut. Umso zentraler ist es, dass die Atomenergiebehörde hier Standards vorgibt und diese kontrolliert. An den Sicherheitsstandards und -Leitlinien, die wir festlegen, arbeiten Experten aus aller Welt. (Manuela Honsig-Erlenburg, 21.12.2019)