"Was wollen Sie? Ein nachhaltiges Sparbuch?" Ratlosigkeit ist der Beraterin in einer Wiener Filiale einer heimischen Großbank geradezu ins Gesicht geschrieben. "Das höre ich zum ersten Mal. Da bin ich überfragt." Ja, ein nachhaltiges Sparbuch soll es sein – also eines, bei dem die Kundeneinlagen auch als nachhaltige Kredite vergeben werden. Am besten für Projekte im Bereich Umwelt- oder Klimaschutz – oder zumindest nicht für welche, die nachhaltigen Kriterien widersprechen wie Glücksspiel oder Waffenerzeugung.

Fast jedes Kreditinstitut bietet nachhaltige Fonds oder Wertpapiere an – aber nicht das Liebkind der Österreicher in Sachen Veranlagung: das Sparbuch.
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In den Filialen anderer großer Geldhäuser schaut es hierzulande kaum besser aus, wie spontane Anfragen an einigen Wiener Standorten ergeben haben. Meist erntet man Unverständnis – schließlich interessieren sich die meisten Kunden sonst nur für die Höhe der Zinsen und nicht dafür, was mit ihren Einlagen passiert.

"Wird in Zukunft kommen"

Erst im dritten Anlauf ein Lichtblick. Ein vom Kundenservice einer Bankfiliale herbeigerufener Berater versteht auf Anhieb, worum es geht. Er beschäftige sich selbst viel mit dem Thema Nachhaltigkeit, sagt er. Allein ein entsprechendes Sparprodukt kann er auch nicht anbieten, noch nicht. "Das wird sicher in Zukunft kommen", ist er sicher. Vielleicht schon nächstes Jahr, wenn sein Haus neue Produkte einführt. Ein nachhaltiges Sparbuch wird allerdings nicht darunter sein, wie eine Nachfrage bei der Pressestelle der Bank ergibt.

Diese Stichproben zeigen, dass Nachhaltigkeit in alltäglichen Bankprodukten noch nicht angekommen ist. Gerade im Fall von Sparbüchern ist dies insofern bedauerlich, da die Haushalte laut Oesterreichischer Nationalbank mehr als 145 Milliarden Euro in Sparbücher gesteckt haben. Diese stattliche Summe könnte man bei der Kreditvergabe stärker in Richtung Umwelt, Klima oder auch Soziales lenken – und dadurch entsprechende Effekte erzielen.

"Die Produktgruppen Konten und Sparen sind bezüglich Nachhaltigkeit unterentwickelt", bescheinigt der Finanzexperte und Partner Armin Schmitt der Beratungsgesellschaft EY den Banken Nachholbedarf. Thematische Konten und Sparprodukte, etwa im Bereich Umwelt, sind ihm zufolge Mangelware. Ein Versäumnis, denn: Rund drei Viertel der Bevölkerung geben laut EY-Daten an, dass für sie Nachhaltigkeit wichtig sei. Etwa jeder Zweite interessiere sich auch für derartige Finanzprodukte. Erworben hat bisher allerdings nur jeder zehnte Befragte eines.

Nur zwölf grüne Produkte

Laut EY bieten heimische Banken im Durchschnitt zwölf nachhaltige Produkte an. Zumeist handelt es sich dabei um Fonds, Anleihen oder andere Wertpapiere. Allerdings schrecken viele der eher sicherheitsbedürftigen Österreicher davor zurück, sich an den Finanzmarkt zu wagen. Warum wird dann das Sparbuch, trotz Zinsflaute noch immer Nummer eins der Anlageprodukte, so stiefmütterlich behandelt?

Die Zinspolitik der EZB heizt den Wettbewerb der Banken um Kundeneinlagen nicht gerade an.
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Dabei spielen auch die Negativzinsen der Europäischen Zentralbank in Höhe von minus 0,5 Prozent eine Rolle, welche Banken für Einlagen bei der Notenbank berappen müssen. Überschüssige Liquidität wird zu einem Kostenfaktor. Es besteht daher wenig Antrieb, nachhaltige Sparprodukte einzuführen und zu vermarkten.

"Überschaubares Nischendasein"

Für den EY-Experten Schmitt sind aber auch andere Gründe dafür verantwortlich, dass grüne Sparprodukte "nur ein sehr überschaubares Nischendasein" fristen. Die Einlagen müssten zweckgebunden eingesetzt werden, was die Komplexität des Bankgeschäfts erhöhe. Denn: "Wer grünes Kapital zur Bank gibt, erwartet auch eine grüne Verwendung."

Dennoch, auf längere Sicht wird die Entwicklung kaum zu bremsen sein. Einerseits ist die Bevölkerung für das Thema wesentlich sensibler geworden. Auf der anderen Seite ist auch die EU-Kommission dahinter, das Finanzwesen nachhaltiger zu gestalten. Ihr Ziel lautet: einen rechtlichen Rahmen zu schaffen, der Umwelt und Soziales in den Mittelpunkt des Finanzsystems rückt, um den Übergang zu einer umweltfreundlicheren Kreislaufwirtschaft zu fördern.

Nachhaltiges nicht aktiv angeboten

"Banken sollten weniger über Energieeffizienz ihrer Gebäude oder die Reduktion des Schadstoffausstoßes von Dienstfahrzeugen nachdenken", rät Schmitt. Stattdessen sollten die richtigen Fragen gestellt werden: Wie gut und nachhaltig sind die Produkte? Oder wie aktiv bieten Mitarbeiter nachhaltige Finanzprodukte an? In diesem Punkt sieht Schmitt viel Potenzial: Denn trotz des zunehmend digitalen Lebensstils würden Internet oder elektronisches Banking kaum genutzt, um grüne Produkte anzubieten.

Mobiles Banking wird derzeit noch kaum genutzt, um Kunden nachhaltige Bankprodukte anzubieten.
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Zurück zum nachhaltigen Sparbuch. Wer lange sucht, der kann es auch finden. Etwa beim Bankhaus Schelhammer & Schattera, das seit 2012 ein "Ethik-Sparbuch" im Programm hat – als einer der Ersten, wie Georg Lemmerer, Nachhaltigkeitsexperte des Hauses, betont. Dabei wird der Deckungsstock der Einlagen nur in Länder und Unternehmen investiert, die ethisch-nachhaltigen Kriterien entsprechen. "Von Kundenseite sehen wir erhöhte Nachfrage", sagt Lemmerer. Immer öfter werde nachgefragt, was mit ihrem Geld passiert und wie es veranlagt wird. Sein Fazit: "In die Sache kommt Schwung hinein." (aha, 22.12.2019)