Die Börsenparty läuft. Derzeit sieht es nicht danach aus, dass die Feierlaune bald zu Ende geht. Die lockere Geldpolitik trägt dazu bei, dass die Rezessionsgefahren weiter nach hinten geschoben werden. Der Ball, ob es gelingt, eine weiche Landung der Wirtschaft zu erreichen, liegt im Feld der Politik, teilt Tilmann Galler, globaler Kapitalmarktstratege bei JPMorgan, mit.

Eine Einigung im US-Handelsstreit mit Chin, eine Brexit-Lösung und eine Entspannung der Lage in Hongkong, Chile und dem Mittleren Osten könnten 2020 dazu beitragen, dass sich die Stimmung in den Unternehmen aufhellt und die Aktivität wieder anzieht.

2019 geht zu Ende. An den Börsen war es ein gutes Jahr. Auch das kommende wird laut Experten gut laufen – mit altbekannten Themen.
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Die Experten von JPMorgan glauben allerdings eher daran, dass die geopolitischen Risiken vorerst bestehen bleiben. Eine vollständige Beilegung der Handelskonflikte sei nicht in Sicht. Umfragen zufolge ist die US-Wählerschaft der Meinung, dass der Präsident zu Recht unfaire Handelspraktiken anprangert, während es in bestimmten Bereichen der Auseinandersetzung – etwa Chinas Subventionen für seinen Technologiesektor – offenbar keinen gemeinsamen Nenner gibt. China glaubt an Industriepolitik, die USA dagegen nicht.

Mittelfristig werden die USA die Unsicherheit am Markt dominieren. Die Handelspolitik und der Ausgang der US-Wahlen werden auch im kommenden Jahr die Märkte prägen, sagt David Page, Senior Economist bei AXA Investment Managers. Er prognostiziert daher eine Verlangsamung des US-Wachstums auf 1,6 Prozent im Jahr 2020 und eine weitere Verlangsamung auf 0,8 Prozent im Jahr 2021.

Keine Rezessionsgefahr

Auch der Chefökonom von Invesco, John Greenwood, ist zuversichtlich, dass die schwelenden geopolitischen Krisen und sonstigen globalen Störfaktoren die Wirtschaft 2020 nicht in die Rezession stürzen werden. In seinem Wirtschaftsausblick prognostiziert Greenwood für die meisten Industrieländer ein weiteres Jahr moderater Wachstums- und Inflationsraten. Damit würde sich die bereits historische Expansionsphase der US-Wirtschaft um ein elftes – bzw. im Juli 2020 zwölftes – Jahr verlängern. Stärkeren Gegenwind erwartet der Wirtschaftsexperte in China und Indien. Dank ihrer deutlich höheren realen Potenzialwachstumsraten rechnet Greenwood aber auch in diesen beiden Volkswirtschaften nicht mit einem absoluten Wachstumsrückgang.

"Eine milde Erholung der Weltwirtschaft 2020 ist wahrscheinlicher geworden", sagt Gerold Permoser, Anlagechef der Erste Asset Management. Der private Konsum und die niedrige Arbeitslosigkeit stützten die Weltwirtschaft.

Hohe Dividenden

In Summe sind das für die Börsen positive Nachrichten. Die Experten von Spängler Iqam Invest sehen für das kommende Jahr auch weiterhin hohe Dividendenrenditen bei Aktien. "Der robuste Dienstleistungssektor stabilisiert die Gesamtnachfrage in den USA und der Eurozone", prognostiziert Thomas Steinberger, Chief Investment Officer und Geschäftsführer von Spängler Iqam Invest. "Anzeichen für eine Entspannung im Handelskrieg und starke Unternehmensergebnisse könnten auch zu neuen Höchstständen an den Börsen führen", sagt Steinberger.

Der Vermögensverwalter Blackrock erwartet für 2020 ein anziehendes Wirtschaftswachstum und abnehmende Rezessionsrisiken. "Dies schafft ein günstiges Umfeld für risikoreichere Anlageklassen", schreibt das Blackrock Investment Institute unter Leitung von Philipp Hildebrand und Jean Boivin in seinem Jahresausblick.

Sorgenkind Inflation

Auf der anderen Seite gehen die Experten davon aus, dass der Markt das Inflationsrisiko unterschätzt. Die Inflation wird im kommenden Jahr den Notenbanken wohl weiterhin Sorgen bereiten. Die Institute befürchten, dass die Teuerungsraten auch künftig zu niedrig bleiben. Anstatt die Expansion der Geldpolitik einzudämmen, geht es den Zentralbanken in erster Linie darum, der Wirtschaft neue Impulse zu verleihen.

Grund für eine allzu große Euphorie sehen die Experten von Jupiter Asset Management in Summe daher nicht. Wir bewegen uns in einem wachstumsschwachen Umfeld, in dem ein starker Konsum und eine expansive Geldpolitik den Aufschwung weitertragen können. Das Trendwachstum ist schwach, die Inflation gering, die demografische Entwicklung in fast allen größeren Volkswirtschaften problematisch und die in der letzten Krise angehäuften Schuldenberge noch nicht annähernd abgetragen. (bpf, 21.12.2019)