Beim neuen Chef der Bank of England ist die wiedergewählte Regierung auf Nummer sicher gegangen. Andrew Bailey gilt als solide.

Foto: REUTERS

Ob er Taube oder Falke ist, weiß man – noch – nicht. Sicher ist: Bailey tritt in große Fußstapfen.

Foto: Reuters / Clodagh Kilcoyne

Nach dem weltgewandten Rockstar der Zentralbanker ein solides Eigengewächs – so lässt sich die Reaktion der Londoner City auf die Berufung von Andrew Bailey als neuen Gouverneur der Bank of England beschreiben. Der 60-jährige Nachfolger des glamourösen Kanadiers Mark Carney steuert von März an die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt für acht Jahre durch die mutmaßlich turbulenten Zeiten, die nach dem EU-Austritt und dem Ablauf der Übergangsfrist Ende 2020 bevorstehen.

Herausragender Kandidat

In einem hochklassigen Feld sei Bailey der herausragende Kandidat gewesen, begründete Finanzminister Sajid Javid die Personalie. Noch vor wenigen Wochen galt die Kandidatur des bisherigen Chefs der Finanzaufsichtsbehörde FCA nach Versäumnissen bei der Kontrolle des weltweit wichtigsten internationalen Finanzplatzes als beschädigt. Offenbar konnte der promovierte Historiker bei der Findungskommission Boden gutmachen gegenüber seinen wichtigsten Konkurrenten, den bisherigen Vizegouverneuren Benjamin Broadbent und Jonathan Cunliffe, sowie den hochgehandelten Kandidatinnen. Der gelernten Investmentbankerin Shriti Vadera, derzeit Chairman von Santander UK, dürfte ihre Vergangenheit als Labour-Staatssekretärin geschadet haben; der Direktorin der London School of Economics (LSE), Minouche Shafik, sollen Brexit-kritische Bemerkungen zum Verhängnis geworden sein.

Taube oder Falke?

Offiziell wird vom Finanzministerium betont, die Haltung zur wichtigsten Umwälzung seit Ende des Zweiten Weltkriegs habe im Berufungsverfahren keine Rolle gespielt. Geschadet haben dürfte es Bailey jedenfalls nicht, dass es von ihm wenig dezidierte Äußerungen zum EU-Austritt gibt; auch lässt er sich schwer als Taube oder Falke einstufen, weil er bisher dem Monetärausschuss nicht angehört, der die Leitzinsen festlegt. Bei der jüngsten Sitzung vergangenen Donnerstag stimmte das Gremium mehrheitlich dafür, den Stand von 0,75 Prozent beizubehalten; zwei Abweichler votierten angesichts der jüngsten Konjunktureintrübung für eine Senkung.

Mag Bailey auch kein studierter Nationalökonom sein – seine gesamte Karriere galt dem Wohlergehen der britischen Wirtschaft, zuletzt gut drei Jahre bei der FCA, zuvor mehr als 30 Jahre bei der 325 Jahre alten "Dame von der Threadneedle Street", wie der eher undamenhafte Koloss im Herzen der City genannt wird. Unter seinem Vorvorgänger Mervyn King, dem Gouverneur Nummer 119 in der langen Geschichte der Zentralbank, amtierte er als Chefkassierer, seine Unterschrift prangte auf allen Geldscheinen.

Bewährt in schwierigen Zeiten

Unter anderem fiel die Liquidität der Märkte in seine Zuständigkeit, was in den Tagen des globalen Crashs 2008 zu haarigen Situationen führte. Eines Tages stand John Cummins, der Finanzdirektor der damals zweitgrößten Bank der Welt RBS, in Baileys Zimmer. Seine Firma brauche noch am selben Tag 25 Milliarden Pfund zusätzlicher Liquidität, berichtete der Banker. Baileys Antwort: "Das kann ich machen."

Aus dieser Zeit wird Bailey wissen, dass ein Zentralbanker außer Gelassenheit und englischem Understatement auch ein gutes Gespür für die Märkte braucht. Sein Chef King, zuvor Professor an der LSE, galt als einer der herausragenden Volkswirte seiner Generation. Weil er aber – wie die meisten Kapitäne der Weltwirtschaft – den Eisberg des globalen Crashs 2007/08 nicht nur viel zu spät erkannte, sondern zunächst auch die Dimension der Krise nicht wahrhaben wollte, bleibt Kings Reputation beschädigt.

Mark Carney hingegen verlässt die Insel mit glänzendem Ruf. Der gelernte Goldman-Sachs-Banker lag seit seinem Amtsantritt 2013 mit seinen ökonomischen Prognosen keineswegs immer richtig; so fielen die vorhergesagten Schocks nach der Brexit-Entscheidung im Juni 2016 deutlich milder aus, waren am Arbeitsmarkt sogar kaum spürbar. Doch gab der Kanadier der fragilen Volkswirtschaft Stabilität durch massive Käufe von Staatsanleihen im Wert von 515 Milliarden Euro. Bailey tritt in große Fußstapfen. (Sebastian Borger aus London, 23.12.2019)