Der Nanotyrannus war wohl doch nur eine verlockende Vorstellung.
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Im ewigen paläontologischen Match zwischen den "Lumpern" und den "Splittern" haben Erstere nun wieder einen Punkt gemacht: Ein bei seiner Entdeckung aufsehenerregendes Dinosaurierfossil, das die Bezeichnung Nanotyrannus erhalten hatte, dürfte den Status einer eigenen Spezies verlieren. Es schien sich um einen zwergenhaften Verwandten von Tyrannosaurus rex zu handeln. Laut einer aktuellen Studie von US-Forschern war Nanotyrannus in Wirklichkeit aber nur ein junger T. rex. Die Skepsis, die den "Zwerg" von Anfang an begleitet hat, wurde damit bestätigt.

Zur Erklärung: Lumper und Splitter stehen für zwei entgegengesetzte Philosophien in der Paläontologie. Splitter neigen dazu, ähnliche, aber voneinander im Detail abweichende Fossilien verschiedenen Spezies zuzuschreiben. Lumper hingegen tendieren zum Zusammenfassen. Individuelle Faktoren – darunter auch das Alter – führen ihrer Ansicht nach zu einer nicht zu unterschätzenden Bandbreite innerhalb derselben Art, was Größe und Form betrifft. Aus den beiden Sichtweisen ergeben sich natürlich beträchtlich voneinander abweichende Schätzungen, wie hoch die Artenvielfalt in früheren Zeitaltern war.

Das Fossil eines Nanotyrannus ... beziehungsweise eines jungen Tyrannosaurus rex.
Foto: AP Photo/Bonhams

Das Fossil, das zu einem jahrzehntelangen Streit unter Paläontologen führen sollte, wurde in den 1940er Jahren im US-Bundesstaat Montana gefunden. Fürs erste wurde es der Gattung Albertosaurus, einem nahen Verwandten von T. rex, zugeschrieben. 1988 trat jedoch ein Team um den US-Paläontologen Robert Bakker auf den Plan, untersuchte das Fossil neu und kam zum Schluss, dass es sich um eine eigene Spezies handeln müsse.

Damit war Nanotyrannus geboren. Die Bezeichnung war möglicherweise etwas knallig gewählt – mit fünf Meter Länge vom Kopf bis zur Schwanzspitze war das Tier nicht gerade ein Hutzelzwerg. Allerdings war es auch weit von den 13 Metern Länge eines ausgewachsenen Tyrannosaurus rex entfernt. 2001 wurde ein weiteres und noch vollständigeres Fossil gefunden, das dem ersten ähnelte und den Status als eigene Spezies zu bestätigen schien.

Skepsis durch neue Studie bestätigt

Bakkers These blieb in der Fachwelt aber stets umstritten. Eine Mehrheit unter den Paläontologen ging in den vergangenen drei Jahrzehnten davon aus, dass die Knochenreste lediglich von noch nicht ausgewachsenen Tieren stammen. Nicht nur die körperliche Ähnlichkeit sprach dafür, auch der Umstand, dass der Nanotyrannus zur selben Zeit – der späten Kreide vor etwa 68 Millionen Jahren – und in derselben Region lebte wie T. rex.

Die Theorie vom Jungtier konnte nun durch ein Team um Holly Woodward von der Oklahoma State University bestätigt werden. Wie die Forscher im Fachjournal "Science Advances" berichten, durchleuchteten sie extrem dünne Knochenstücke mit sehr leistungsstarken Mikroskopen. Dabei stellten sie fest, dass die Blutgefäße noch Eigenschaften der Wachstumsphase aufwiesen. Bei ausgewachsenen Tieren wären die Spuren des Prozesses zur Neubildung von Blutgefäßen weniger ausgeprägt gewesen.

Es kann nur einen geben: T. rex!
Foto: AP Photo/Elaine Thompson

Die Analyse ermöglichte laut Woodward auch Rückschlüsse auf das Alter und den Wachstumsgrad der Tiere. Anhand der Wachstumsringe in den Knochen – vergleichbar in etwa mit Baumringen – kamen sie zum Ergebnis, dass das 2001 entdeckte Exemplar namens "Jane" erst 13 Jahre alt war. Das ältere Exemplar, "Petey", sei mit 15 gestorben.

Auch ohne vorzeitigen Tod hätten die beiden vermutlich aber kein allzu langes Leben mehr vor sich gehabt. Aus den bisherigen T.-rex-Funden schließen Forscher, dass die Raubsaurier nach einem enormen Wachstumsschub am Ende der Pubertät und dem Erreichen der Geschlechtsreife nur noch ein paar Jahre weiterlebten. Zumindest hat man bislang keine Methusalems gefunden.

Die Frage, wie es mit einem der populärsten Dinosaurier aussieht, ist noch nicht restlos geklärt.
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Mit Woodwards Erkenntnissen dürfte dieser Fall zu den Akten gelegt werden – das Match zwischen Lumpern und Splittern aber wird weitergehen. Ein anderes heiß umkämpftes Thema ist beispielsweise die Frage, ob es den berühmten Triceratops tatsächlich gegeben hat oder ob er nur eine jugendliche Variante von Torosaurus war. Seit Jahren wechseln einander die Studien ab, die jeweils das Gegenteil zu belegen scheinen, noch ist die Sache nicht geklärt. (Zur Beruhigung für Dino-Fans der alten Schule sei aber gesagt: Sollte sich am Ende herausstellen, dass es sich doch nur um eine einzige Spezies handelt, dann wird sie Triceratops heißen, weil in der Paläontologie stets der älteren Bezeichnung der Vorzug gegeben wird.)

Vor einem Monat veröffentlichten Forscher der University of Alberta allerdings eine Studie, die noch ein gutes Stück über Triceratops und Torosaurus hinausgeht. Sie untersuchten das Fossil eines Verwandten der beiden, eines Styracosaurus, und stellten fest, dass dessen mit Hörnern versehener Nackenschild nicht spiegelbildlich symmetrisch aussah.

Diese Nackenschilde werden aber gerne als arttypische Unterscheidungsmerkmale zwischen verschiedenen Spezies von Ceratopsiden ("Hornschädeldinosauriern") herangezogen. Und oft findet man keinen ganzen, sondern nur ein Fragment. Bisher ist man in solchen Fällen stillschweigend davon ausgegangen, dass die andere Seite genauso aussah wie die vorliegende. Wenn man sich darauf aber nicht verlassen kann, ist die Rate an erfundenen Spezies womöglich noch höher als gedacht. (jdo, 2. 1. 2020)