Ich war schon immer, seit ich global denken kann, von zwei Nationen fasziniert, von Finnland und von Japan, besuchte und bereiste die Länder natürlich häufiger, beide Länder drückten offenbar einen bestimmten Knopf in mir, ohne dass ich wüsste, was genau es ist, ihre Mentalität, ihr Design, ihre Farben, ihr Pragmatismus, sind sie denn überhaupt pragmatisch, kann man nationale Mentalitäten denn so einfach pauschalisieren? Und das, ohne dass sie jetzt einen inneren Finnen oder Japaner in mir angesprochen hätten, so vermessen bin ich gar nicht, man kann vielleicht Finnisch und Japanisch lernen, aber zur Seele wird man nie vordringen können, sich die Mentalität nie zu eigen machen.

Japanisches Tänzerpaar beim Tango.
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Finnisch ist auch eine relativ leicht zu lernende Sprache, es klingt, als ob Kinder mit dem Mund voller Brei ein Gedicht von Kurt Schwitters aufsagen: Kana, Kala, Kesä, Kuha, Kukka, Kakku, Liha, Lohi, Loma, Lava, Maa, Kuu, Puu, Jää, Sää, Huhu (Huhn, Fisch, Sommer, Zander, Blume, Kuchen, Fleisch, Lachs, Urlaub, Bühne, Land, Mond, Baum, Eis, Wetter, Gerücht), alles wird so ausgesprochen, wie es dasteht, zudem gibt es nur 20 reguläre Gebrauchsbuchstaben. B, C, D, F, Q, W, X haben sie abgeschafft, wie unnötigen Stuck, das P und das T werden sowohl weich als auch hart ausgesprochen.

Und mit dem Ungarischen hat das Finnische gar nichts zu tun, wie etymologisch Halbbewanderte nicht müde werden zu behaupten (es gibt gerade mal drei gemeinsame Wörter, allesamt Flüssigkeiten: Veri, Vesi, Mesi = Blut, Wasser, Honig). Ähnlich ist es mit dem Japanischen, einfache Wörter: Haru, Natsu, Aki, Fuyu, Haha, Kami, Neko, Ari, Bagu, Inu (Frühling, Sommer, Herbst, Winter, Mutter, Gott, Katze, Ameise, Nerven, Hund).

Im Grunde bin ich ja Chinese

Aber das kann nicht sein, dass diese einfachen, in meinen Ohren archaisch klingenden Worte eine Sehnsucht nach etwas auslösen, das ich nicht mal definieren kann. Will ich ein Finne sein? Nein. Will ich ein Japaner sein? Nein. Allein schon deshalb, weil ich es nicht kann, bei aller Unzuverlässigkeit nicht mal vorzugeben in der Lage bin, im Gegensatz zu Franz Kafka, der im Mai 1916 Felice Bauer aus Marienbad, wo er wegen eines Nervenleides kurte, schrieb: "Im Grunde bin ich ja Chinese."

Müsste man dann nicht mal eine Schnittmenge erstellen, um wenigstens ein bisschen Klarheit zu schaffen, warum ich offenbar vor etwas stehe, das ich nicht sehe, und wohin mich das bringen und was ich damit anfangen könnte? Formt eine Sprache, die sich ähnelt, eine ähnliche Mentalität, ein paralleles Bewusstsein?

Eine Antwort existiert nicht, eine Erklärung hatte ich nicht, weil noch nicht mal die Frage formuliert war, wo hätte ich auch ansetzen sollen? Ein Freund von mir, ein achtzigjähriger Finne, der bekannte Soziologe, Musiker, Autor und Banjo spielende Hase im finnischen Kinderfernsehen Mauri Antero Numminen erklärte mir einmal: "Finnen und Japaner verstehen einander, auch wenn sie kein Wort der jeweils anderen Sprache beherrschen." Aber warum das so ist, lächelte er weg.

Aber das war schonmal ein erster guter Ansatz. Vielleicht eine spezielle Form des finnischen Humors? Den die Japaner auch haben? Sind das metaphysische Schwingungen zwischen beiden Nationen in geopolitisch ähnlicher Lage, die wir einfach nicht begreifen können? Finnland liegt am Rande Europas, Japan am Rande Asiens, aber die Färöer sind auch eine europäische Randnation, wie es beispielsweise Bhutan für Asien ist. Sollte ich mich nicht, um mich abzulenken, mal mit diesen beiden Nationen beschäftigen und eine Schnittmenge herstellen?

Ich war in beiden Ländern, auf den Färöern beim Fußballspiel gegen Österreich, das für Österreich so traumatisch ausging, und in Bhutan, weil das das einzige Land der Erde ist, dessen Hauptstadt Thimphu keine Ampel besitzt, die habe ich dort hingebracht, Erkenntnisse über meine eigentliche Obsession, die Verbindung von Finnland mit Japan, hat mir das aber nicht gebracht.

Ein bisschen Basiswissen habe ich natürlich, auch wenn es unzulässig mit Klischees spielt. Finnen sind verschlossen, gehen nicht direkt auf einen zu, sie schweigen lieber, als Smalltalk zu führen, wenn Finnen nicht Tango tanzen würden, wären sie längst ausgestorben, Frauen und Männer würden sich auf einem anderen Weg nie näher gekommen sein.

Sumimasen (Entschuldigung)

In Japan ist das wichtigste Wort Sumimasen (Entschuldigung). In Japan entschuldigt man sich ununterbrochen, im Japanischen gibt es drei verschiedene Höflichkeitssprachen. Mit der ersten erhöht man sein Gegenüber. Mit der zweiten macht man sich selber kleiner. Die dritte hat höfliche Formen, Ausdrücke oder Satzendungen. Man kombiniert, je nach Beziehung, Atmosphären, Mitmenschen oder Gefühlen, diese Sprachen. Man weiß aber nie, was die richtigste Kombination ist. Man versucht einfach nur, immer zu spüren (auf Japanisch sagt man "Luft lesen") und eine richtige Kombination zu finden.

Tango tanzen, um nicht auszusterben, und Luft lesen, um zu kommunizieren, jetzt kommen wir der Sache schon etwas näher.

Ich war mal beruflich in Afrika, in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, ich saß abends in einer Bar, der Zilli Bar, ich trank meinen Zibib, einen trüben Anisschnaps, als ich am Fenster jemanden vorbeigehen sah, und ich wusste augenblicklich, das ist ein Japaner, erst in Afrika fiel mir auf, wie Japaner gehen, das ist wohl die am Anfang genannte Kontextverschiebung, dass man erst in der Fremde klarsieht. Das Fremde wird erst in der Fremde einem nahe und vertraut.

Und augenblicklich wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich sprang auf und rannte raus, sagte ein gepflegtes "Sumimasen" und bat ihn zu mir in die Bar, sein Name war Yuta, etwa halb so alt wie ich, also doppelt leidensfähig, ich lud ihn auf einen Zibib ein, er wusste nicht, was das ist, aber ich sagte ihm, er soll mir vertrauen, ich sei Finne, heiße Juha, also fast wie er, und dieses Getränk, das kennen wir in Finnland auch, wir nennen das "Ketju rasvaa" (Kettenfett), Salmiakbonbons in Wodka aufgelöst, eine ölig-schwarze Brühe, in Finnland sei das schwarz, was hier weiß ist, er trank, und es schien ihm zu bekommen, und ich wusste: JETZT war es passiert, der Zug fuhr, ich kam der Erkenntnis näher und näher, nach der ich noch nicht mal gesucht hatte, weil ich ja nicht wusste, was ich denn suche.

Bis zehn zählen

Nach einem zweiten Zibib bat ich ihn, auf Finnisch bis zehn zu zählen, er übertrug das auf einem Zettel rasch ins Katakana, sozusagen das japanische Steno, einmal probte er es, ich korrigierte ihn, und dann saß es schon, dann ging das schon, ohne hinzusehen, ich winkte Signore Tefzaghi, den Besitzer der Zilli Bar an unseren Tisch, sich zu mir zu setzen, und bat Yuta auf einem Bein stehend in der Mitte des Lokals das eben Gelernte laut aufzusagen: yksi, kaksi, kolme, neljä, viisi, es saßen lauter alte Männer in der Bar, alle hatten erloschene Augen, trübe wie der Zibib, starrten in die großen Aschenbecher vor ihnen, sie hoben schwach ihre Köpfe und sahen und hörten dem Kamikazejapaner dabei zu, wie er sein Werk vollbrachte: kuusi, seitsemän, kahdeksan, yhdeksän, kymmenen.

Tefzaghi und ich applaudierten, der Wirt fragte, was das eben gewesen sei, ich sagte voller stolz: Das sei Finnisch, meine Heimatsprache, und der junge Mann sei ein Japaner, und wir hätten soeben und hier, in der Zilli Bar, den Beweis erbracht, dass Finnen und Japaner verwandt sind, weil wir einander verstünden, ohne uns verstehen zu müssen, weil wir eben so gleich seien, wir könnten sogar Luft lesen, ich hielt Tefzaghi einen atemlosen Vortrag, auch als Yuta bereits wieder an unseren Tisch zurückgekehrt war, ich hörte nicht auf, ich sprach von Marimekko und von den Mumins, bei deren Nennung Yuta laut lachte und in Zustimmung mit seinem Köpfchen nickte, nirgendwo auf der Welt ist man so begeistert vom Marimekko-Design und den nilpferdartigen Trollwesen.

Tefzaghi füllte die Zibib-Gläser nach, ich redete von Alvaar Alto, von Tadao Ando, von Kazuyo Sejima und SANAA und Tom of Finland, von Eliel und Eero Saarinen, Ville Valo und Lordi, Pachinkohallen und Bingohallen, von Milch zum Mittagessen und kaltem Fisch zum Frühstück, von Onigiri und Reissumies, die Entsprechungen der Wurstsemmeln in Japan und Finnland, und durch das Reden, eher den Bewusstseinsstrom, der aus mir floss, hier in Ostafrika, wurde alles so klar, Japan und Finnland, das sind die okkulten Verwandten, die noch nicht mal wissen, dass sie verwandt sind, das wird jetzt hier in der Zilli Bar bestimmt, bewiesen durch Yutas Zählperformance und besiegelt durch den Zibib.

Meine Erkenntnis

Es war kalt geworden in der Nacht, ich schlief schlecht, weil Asmara auf 2000 Meter Höhe liegt, ich bekam kaum Luft, ich fror wie ein Schneider, als ich am nächsten Morgen unter der dünnen Polyesterdecke erwachte, eine gewaltige Erkältung schien sich gerade in mir breitzumachen, ich wusste nicht mehr viel vom vorigen Abend, von meiner Erkenntnis, aber es hatte etwas mit Japan und Finnland zu tun, meine Nase war blockiert, ich hustete und schaute nach, was Schnupfen und Husten eigentlich auf Japanisch und Finnisch heißt, und da war wieder alles vom vorigen Abend, klar und deutlich stand es vor mir, die zwei Worte (verbunden durch das "und"), die so unähnlich und dann doch so ähnlich sind:

Nioi to Seki

Nuuska ja Yskä

Und dieser Vergleich ist nicht unzuverlässig, er trifft onomatopoetisch genau das, was beide Worte in beiden Sprachen beschreiben, die verstopfte Nase (Nioi und Nuuska) und das ausgehustete Seki und Yskä. Japaner und Finnen denken einfach onomatopoetisch, das ist die Klammer und Schnittmenge, so einfach ist das. (Tex Rubinowitz, ALBUM, 4.1.2020)