Der türkische Präsident Tayipp Erdoğan in einem Interview am Sonntagabend im TV-Sender CNN-Türk.

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Istanbul – Die Türkei hat am Wochenende begonnen, eigene Truppen nach Libyen zu schicken. In einem Interview am Sonntagabend im TV-Sender CNN-Türk, sagte der türkische Präsident Tayipp Erdoğan auf die Frage, wann denn nun Truppen nach Libyen geschickt werden sollen: "Sie sind im Moment schon am Weg. Wir bauen in Tripolis eine Operationszentrale auf, in der auch hochrangige Offiziere, darunter ein General, vor Ort sein werden". Am Montag ergänzte Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu während einer Pressekonferenz noch, man sei im Moment dabei, militärtechnisches Gerät nach Libyen zu schaffen.

Das türkische Parlament hatte am letzten Donnerstag die Entsendung von Soldaten nach Libyen gebilligt. Die Situation für die libysche Regierung des Ministerpräsidenten Fajis al Sarradsch ist prekär. Die Stadt wird bereits von dem aufständischen General Chalifa Haftar belagert. Erst am Wochenende waren bei einem Luftangriff auf eine Militärakademie in Tripolis bis zu 30 Rekruten getötet worden.

Kein offener Schlagaustausch mit Russland

Die Türkei ist ja schon seit mindestens zwei Wochen dabei, Militärausrüstung nach Tripolis zu schaffen. Als Umschlagplatz dient dabei auch der Flughafen der algerischen Hauptstadt Algier. Ein Zielort für türkisches Gerät ist auch der Hafen der Stadt Misrata, die Sarradsch unterstützt und zu deren Milizen die Türkei seit dem Krieg gegen Gadaffi gute Kontakte hat.

Bislang kämpfen in Libyen für die Türkei vor allem in Syrien angeworbene Islamisten, die jetzt durch türkische Offiziere koordiniert werden sollen. Wieweit die Türkei mit ihrem militärischen Engagement in Libyen gehen wird, hängt auch vom russischen Präsidenten Wladimir Putin ab. Putin stützt bislang den aufständischen General Haftar und Erdoğan kann und will sich keinen offenen Schlagabtausch mit Russland leisten. Türkische Militärexperten gehen davon aus, dass rund 2000 türkische Elitesoldaten ausreichen würden, um Tripolis vor Haftars Truppen zu sichern. Die wird Erdoğan aber wohl nur mit stillschweigender Zustimmung von Putin schicken.

Putin am Mittwoch in Ankara

Putin wird am Mittwoch in Ankara erwartet, offiziell um eine neue Gaspipeline durch das Schwarze Meer einzuweihen, aber auch, um mit Erdoğan über Libyen und Syrien zu reden. Türkische Experten hoffen, dass sich Erdoğan mit Putin wie schon in Syrien auf einen Kompromiss einigen kann, der den beiderseitigen Interessen dient.

Erdoğan will Fajis al Sarradsch aus mehreren Gründen unbedingt an der Macht halten. Der Ministerpräsident und seine Unterstützer stehen der Muslimbruderschaft nahe, die auch Erdoğan unterstützt. Bleibt Sarradsch an der Macht, könnte die Türkei einen großen Einfluss in Libyen bekommen. Aktuell geht es aber vor allem um eine Verbesserung der türkischen Position im Streit mit Griechenland, Israel, Zypern und Ägypten um die Förderung von Gas im östlichen Mittelmeer. Erdoğan hat mit Sarradsch Ende November ein Abkommen über eine gemeinsame Exklusive Wirtschaftszone im Mittelmeer abgeschlossen, die einmal quer über das Meer gehen soll.

Diese Zone würde den Bau einer Gaspipeline, die Griechenland und Israel betreiben wollen und die von Zypern über Kreta bis zum griechischen Festland führen soll, unmöglich machen. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul, 6.1.2020)