Jann Jenatsch, stellvertretender Geschäftsführer der Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

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Die Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA, an der die österreichische APA maßgeblich beteiligt ist, hat Schwierigkeiten. Der kleine Schweizer Markt und die Sparmaßnahmen der Medienhäuser machen ihr zu schaffen. Und nach nur zehn Monaten stieg der Newsroom-Chef Marcus Hebein schon wieder aus.

Seit 2018 ist die österreichische Nachrichtenagentur APA mit 30 Prozent der größte Aktionär der Keystone-SDA. Damals fusionierte die altehrwürdige Schweizerische Depeschenagentur mit der Fotoagentur Keystone. Ein Viertel der journalistischen Stellen bei der SDA wurden gestrichen, das Angebot zusammengekürzt, die Organisation redimensioniert. Ein viertägiger Streik der SDA-Redaktion war die Folge; Zeitungen und Rundfunk mussten sich selbst behelfen, um die Nachrichten-Grundversorgung sicherzustellen.

"Einen anderen Ausweg gab es nicht: Weder die SDA noch Keystone allein hätten auf dem kleinen Schweizer Markt die Entwicklung neuer Multimedia- und Digital-Angebote stemmen können", sagt Jann Jenatsch, der stellvertretende Geschäftsführer von Keystone-SDA, im Gespräch mit dem STANDARD. Jenatsch kam von Keystone, der Schweizer Fotoagentur, an der die APA mehrheitlich beteiligt war.

Fördergelder

"Die APA war für uns insbesondere als Technologiepartner wichtig. Sie verfügte über moderne Newsroom-Management-Systeme, die wir mittlerweile auch bei der SDA implementiert haben." Genau dafür habe man den APA-Vizechefredakteur Hebein in die Schweiz geholt. Nun sei diese Arbeit getan, sagt Jenatsch; Hebein verließ das Unternehmen, die Stelle werde nicht wiederbesetzt.

Branchengerüchte, wonach Hebein und Jenatsch im Clinch gelegen seien, will Jenatsch nicht bestätigen. Dass die Keystone-SDA aber in einer schwierigen Lage steckt, beschönigt er nicht. "Wir können gerade noch die Grundversorgung leisten, aber wir müssen uns nach der Decke strecken", sagt Jenatsch.

Eine eigene Auslands- und Wirtschaftsberichterstattung hat Keystone-SDA nicht mehr, sie konzentriert sich aufs Inland. "Immerhin erhalten wir jetzt vom Bund jährlich zwei Millionen Franken für den Basisdienst, also für die Berichterstattung aus den Regionen und über die Sprachgrenzen hinweg. Doch auf Dauer reicht dies nicht." Zwei Millionen Franken sind rund 1,84 Millionen Euro. Die Diskussion um mehr Fördergelder für die SDA ist auf Bundes- und Kantonsebene angelaufen.

Denn die ordentlichen Einnahmen der SDA dürften weiter sinken. Ende 2019 wurde bekannt, dass einer der wichtigsten Kunden, CH-Media, selbst eine kleine Konkurrenzredaktion aufbauen und weniger Material von der SDA beziehen will.

Defizitärer Sprachaustausch

CH-Media ist ein Joint Venture der NZZ-Mediengruppe und des AZ-Medienhauses und hält rund ein Dutzend Regionalzeitungen in der ganzen Deutschschweiz; in der Romandie und im Tessin ist CH-Media aber nicht vertreten. Nun gehörte es aber zum bisher unantastbaren Selbstverständnis der SDA, dass sie aus dem ganzen Land und allen Sprachregionen berichtet; doch CH-Media verabschiedet sich nun aus diesem Konsens und will den defizitären Sprachaustausch nicht mehr mitfinanzieren. Dazu passt, dass sich der Digital-Chef von Keystone-SDA, Stefan Trachsel, ausgerechnet zu CH-Media verabschiedete. Trachsel hatte den SDA-eigenen Textroboter Lena mitentwickelt.

Das Beispiel zeige, dass die Anforderungen an eine Agentur weiter steigen würden, betont Jenatsch im Gespräch mit dem STANDARD. "Real-Time-Berichterstattung, Videos, Infografiken oder auch Textroboter, die selbstständig Sportresultate und Abstimmungsergebnisse schreiben – da verändert sich gerade vieles, und wir müssen Schritt halten. Wir sind dabei; doch das kostet."

Die APA ist eine Genossenschaft des ORF und der österreichischen Tageszeitungen außer Krone und Heute, darunter auch DER STANDARD. (Klaus Bonanomi aus Bern, 8.1.2020)