Die Biene als Symbol für das Artensterben: In Deutschland wurde zwischen 2008 und 2017 ein Rückgang von fast zwei Dritteln bei Insektenarten des Grünlands registriert.
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Der Anfang Dezember 2019 veröffentlichte Bericht "Zustand der Umwelt" der Europäischen Umweltagentur bietet wenig Anlass zum Frohsinn: Der größte Teil der 2011 in der EU-Biodiversitätsstrategie beschlossenen Ziele, die bis heuer erreicht werden sollten, liegt noch in weiter Ferne.

Österreich bildet da keine Ausnahme: Fast jede dritte heimische Pflanzen- und Tierart ist in ihrem Bestand bedroht, der Großteil der Lebensräume ist in einem unzureichenden oder gar schlechten Zustand – mit Tendenz zur weiteren Verschlechterung. Es gibt jedoch auch eine gute Nachricht: Wenn wir uns ordentlich ins Zeug legen, können wir diese Entwicklung aufhalten.

Vielfältige Landschaften

Österreich ist eines der artenreichsten Länder Mitteleuropas. Knapp 3000 Pflanzenarten und fast 54.000 Tierarten (davon circa 40.000 Insekten) leben hier. Das liegt einerseits daran, dass wir so unterschiedliche Lebensräume wie die Alpen und den Neusiedler See mit der dazu gehörigen Artenausstattung haben, und andererseits am Klima, das im Norden gemäßigt mitteleuropäisch ausfällt, in Ostösterreich aber kontinental und im Süden submediterran geprägt ist, was vielen wärmeliebenden Arten das Leben bei uns ermöglicht.

Aber: 33 Prozent der Pflanzen, 27 Prozent der Säugetiere und Vögel sowie 60 Prozent der Amphibien und Reptilien stehen auf der Roten Liste, sind also gefährdet. Das heißt, jede dritte Art sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Rote Listen gibt es auch für Lebensräume, und auch bei denen sieht es einigermaßen traurig aus: Mehr als die Hälfte der verschiedenen Waldbiotoptypen werden als gefährdet eingestuft; bei den Grünlandbiotoptypen sind es sogar 90 Prozent.

Damit sind wir kein Einzelfall: EU-weit sind mehr als die Hälfte aller Süßwasserfische bedroht, 45 Prozent der Schmetterlinge, über 40 Prozent der Säugetiere, 30 Prozent der Amphibien und ein Viertel der Vogelarten. Eine deutsche Studie ergab einen Rückgang von fast zwei Dritteln bei Insektenarten des Grünlands zwischen 2008 und 2017. In Österreich dürfte die Lage ähnlich sein.

Über die Hälfte aller bei uns heimischen Fische stehen auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Dazu zählt auch die kleinste der fünf Störarten, der Sterlet (Acipenser ruthenus).
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Systemzusammenbruch

Ein solches Ausmaß an Biodiversitätsverlust gefährdet tatsächlich das Grundgeflecht des Lebens auf der Erde. Vor allem in artenreichen Habitaten kann das Wegfallen einzelner Bestandteile gewöhnlich durch andere Arten gepuffert werden, die dieselbe oder eine ähnliche ökologische Rolle spielen. Je mehr Teile eines Ökosystems jedoch ausfallen, desto größer wird die Gefahr, dass das System als Ganzes zusammenbricht oder zumindest deutlich schlechter funktioniert.

Das wiederum hat auch auf uns Menschen massive Auswirkungen, denn intakte Landschaften bieten nicht nur schöne und erholsame Wandermöglichkeiten – sie erbringen auch sogenannte Ökosystemleistungen: Man denke etwa an die natürliche Trinkwasseraufbereitung durch die Filterung von Niederschlag durch den Boden oder die Schutzwirkung von Gebirgswäldern hinsichtlich Lawinen und Muren. Von der Bereitstellung von Boden für die Lebensmittelproduktion und der Bestäubung von Nutzpflanzen durch Insekten ganz zu schweigen. Beginnt sich das komplexe Flechtwerk der Ökosysteme aufzudröseln, sind sie auf Dauer nicht mehr imstande, diese als selbstverständlich empfundenen Leistungen zu erbringen.

Wissenschafter fordern rasches Handeln

Noch ist es glücklicherweise nicht so weit, aber: "Wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir – beziehungsweise unsere Kinder – in 50 bis 70 Jahren die Folgen zu tragen haben", ist Biodiversitätsforscher Franz Essl von der Universität Wien überzeugt. "Dann wird es zu einer deutlichen Verschlechterung der Lebensumstände kommen, wie etwa zu einem Mangel an sauberem Wasser – mit den entsprechenden gesellschaftlichen Verwerfungen."

Es gibt jedoch machbare, wenn auch ehrgeizige Gegenentwürfe: "Wir müssen unsere ganze Gesellschaft ökologisieren", verlangt Essl, der auch der Leitungsgruppe des 2019 gegründeten Österreichischen Biodiversitätsrats angehört, der kürzlich für die Ausrufung eines "Biodiversitätsnotstands" plädierte hat und fünf Kernforderungen an Politik und Gesellschaft präsentiert hat, mit denen der Artenschwund bis 2030 aufzuhalten wäre. Unter anderem müssten dafür Förderungen und Abgaben ökologisch gestaltet werden. "Einerseits werden die Ökosystemleistungen als kostenlos dargestellt, andererseits werden Umweltschäden der Allgemeinheit angelastet", führt Essl aus. "Stattdessen sollten wir umweltschädigendes Verhalten mit Bußgeldern belegen, die wir dann in die Erhaltung intakter Ökosysteme investieren können."

Video: Biodiversitätsforscher Franz Essl fordert ein Umdenken in Umweltfragen.
Universität Wien

Verbaute Böden

Umweltschädigend ist in vielen Fällen auch die Art, wie wir den Boden nutzen: Täglich werden in Österreich knapp zwölf Hektar Land verbaut – für eine nachhaltige Entwicklung sollten es nicht mehr als maximal 2,5, im besten Fall nur ein Hektar sein. Gleichzeitig wird die Landwirtschaft immer noch intensiviert, unter anderem im Grünland: Früher extensiv bewirtschaftete Wiesen werden heute bis zu fünfmal pro Jahr gemäht und entsprechend gedüngt.

Pflanzen haben da kaum eine Chance, zur Blüte zu kommen, und die von ihnen abhängigen Insekten und Vögel gehen damit auch zurück. Dazu kommen der Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger auf allen landwirtschaftlichen Flächen sowie die Ausräumung von Strukturen wie Hecken oder Einzelbäumen. All diese Maßnahmen reduzieren das Nahrungs-, Versteck- und Nistplatzangebot für zahlreiche Arten.

Zu billige Lebensmittel

Eine Außernutzungstellung oder nur extensive Nutzung von zehn Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Österreich würde einen entscheidenden Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt leisten, sind sich Biodiversitätsforscher einig. "Das wäre auch wirtschaftlich vernünftig", sagt Essl, "weil stabile Ökosysteme auch widerstandsfähiger gegen Schädlinge und extreme Wetterereignisse wie etwa Dürren sind."

Im Übrigen müsste man die Förderungssysteme so gestalten, dass sie Probleme bei der Umstellung auf eine umweltfreundlichere Landwirtschaft abfangen. Hier ist auch der einzelne Konsument gefordert, indem er umweltschädigende Produkte meidet und nachhaltig produzierte Lebensmittel kauft, auch wenn sie teurer sind. Essl dazu: "Billig zu produzieren ist nicht nachhaltig."

Letztendlich liegt die Verantwortung für die großen Weichenstellungen für eine artenreiche und damit stabile Zukunft aber bei der Politik und damit auch bei der neuen Regierung. Die Entscheidung sollte laut Essl einfach sein: "Es geht darum, ob wir wollen, dass unsere Kinder eine lebenswerte Zukunft haben." (Susanne Strnadl, 10.1.2020)