US-Außenminister Mike Pompeo gilt als treibende Kraft hinter der Tötung des iranischen Generals Soleimani.

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Mike Pompeo lässt sich in diesen Tagen auffallend oft in Fernsehstudios zuschalten. Er ist das mediale Aushängeschild des Kabinetts. Er soll erklären, warum die Gefahr für amerikanische Soldaten in Nahost und der Golfregion so akut war, dass der iranische General Ghassem Soleimani ausgeschaltet werden musste. "Eine Attacke stand unmittelbar bevor, und Soleimani war ihr Einfädler", hatte er den Drohnenangriff am Bagdader Flughafen anfangs begründet. Seitdem verlangt eine skeptische Opposition Aufklärung darüber, was an unmittelbar bevorstehenden Attacken drohte, was die eigenen Geheimdienste wussten und warum die Kommandoaktion keinen Aufschub duldete. Doch Pompeo erklärt nichts. Er redet, ohne Antworten zu geben.

Wann man mit Anschlägen der Iraner beziehungsweise ihrer Hilfstruppen rechnete, wollte etwa Chuck Todd, der prominenteste Nachrichtenmoderator des Senders NBC, von ihm wissen. In Tagen? In Wochen? Bitte etwas genauer! "Wenn Sie ein Amerikaner in dieser Region sind", erwiderte Pompeo, "sind Tage und Wochen nicht relevant."

"Wir haben einen bösartigen Akteur vom Schlachtfeld entfernt, wir haben richtig entschieden", wiegelte er ab, als ihm bei CNN die gleiche Frage noch einmal gestellt wurde. Der Öffentlichkeit mit Allgemeinplätzen zu kommen, das sei zu wenig, kritisierte daraufhin Chris Van Hollen, ein demokratischer Parlamentsveteran. Ein solches Spiel mit der Wahrheit habe das Land in den Strudel des Irakkriegs gezogen. "Die Regierung steht in der Pflicht. Sie muss Beweise liefern."

Regierungsinterne Debatte

Jedenfalls ist der Außenminister, mehr noch als der Präsident, in den Vereinigten Staaten das Gesicht der Irankrise. Omnipräsent in den Medien, überaus selbstsicher, überaus dünn, was die Faktensubstanz angeht. Zudem kann er sich als vorläufiger Sieger einer regierungsinternen Debatte fühlen, die er vor gut einem halben Jahr noch verloren hatte.

Bereits im Juni, nach dem Abschuss einer amerikanischen Drohne durch iranisches Militär, hatte Pompeo bewaffneter Vergeltung das Wort geredet. Neben John Bolton, dem mittlerweile geschassten Sicherheitsberater, gehörte er zu den eifrigsten Fürsprechern einer möglichst harten Reaktion. Zunächst folgte Trump den Falken, bevor er den geplanten Raketenschlag in letzter Minute abblies. Diesmal setzte sich Pompeo mit seinem Rat durch, offenbar begünstigt durch Fernsehbilder.

In seinem Strandclub Mar-a-Lago, wo er die Weihnachtsferien verbrachte, schaute Trump ausgiebig fern. Er sah, wie Anhänger einer schiitischen, von Iran gelenkten Miliz das Gebäude der amerikanischen Botschaft in Bagdad zu stürmen versuchten. Was da über den Bildschirm flimmerte, berichten Anwesende, habe ihn in Rage versetzt. In dieser Lage, schreibt die "Washington Post" in einer akribischen Rekonstruktion der Ereignisse, soll Pompeo mehrmals am Tag mit ihm gesprochen haben. Maßgeblich unter seinem Einfluss habe sich Trump für eine Handlungsoption entschieden, die ihm das Militär zwar vorgeschlagen hatte, aber nur als die extremste neben anderen, eher theoretisch denn ernst gemeint. Als der Präsident grünes Licht für die Tötung Soleimanis gab, habe er seine Generäle überrascht – und Pompeo triumphieren lassen.

Bagdad als Trumps Benghazi

Angriffe auf Auslandsvertretungen, muss man hinzufügen, treffen bei dem 56-Jährigen sofort einen Nerv. Nachdem Islamisten 2012 das US-Konsulat im libyschen Bengasi überfallen und vier Amerikaner, darunter den Botschafter, getötet hatten, nahm er das Kapitel zum Anlass, Hillary Clinton schwerstes Versagen vorzuwerfen. Die Außenministerin, polterte er im Parlament, habe bewusst verschleiert, dass Terroristen am Werk waren. Dass Bagdad zu Trumps Bengasi werden könnte – ein Albtraum für ihn.

Was man heute kaum noch glauben mag: Pompeo war einmal ein Never-Trumper, einer jener konservativen Politiker, die den Siegeszug des Immobilienmoguls beim Wettlauf der Kandidaten fürs Weiße Haus noch auf der Zielgeraden stoppen wollten. Mit dem Ansatz Trumps, fürchtete der damalige Kongressabgeordnete, verband sich der Rückzug in die Isolation.

Pompeo, ein Absolvent der Militärakademie West Point, in den Achtzigern als Panzerkommandeur in der Nähe der innerdeutschen Grenze stationiert, sah in den USA dagegen noch immer die Garantin globaler Stabilität. Zwischen ihm und Trump schienen Welten zu liegen. Umso überraschender kam, dass der Wahlsieger den früheren Tea-Party-Rebellen zum Direktor der CIA machte, bevor er ihn im April 2018 an der Spitze des State Department berief. Als Chef der Auslandsspionage hatte Pompeo den Präsidenten täglich über die Weltlage zu unterrichten – was er nutzte, um dessen Nähe zu suchen.

Das Thema Iran hat ihn schon damals zentral beschäftigt. Wie der "New Yorker" in einem aufwendig recherchierten Porträt schreibt, stellte er sich schon bald gegen die Iran-Analysten seines eigenen Dienstes. Dass sie Teheran bescheinigten, sich an die Bestimmungen des Atomabkommens zu halten, habe ihm nicht gefallen. Die Iraner, glaubte er, würden den Rest der Welt einfach täuschen. (Frank Herrmann aus Washington, 15.1.2020)

CNN