Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan bei der Einweihung der Türk-Stream.

Foto: AFP/Alexey Druzhinin

Mit einer pompösen Zeremonie in einem Istanbuler Kongresszentrum haben der russische Präsident Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan am Mittwochnachmittag die Inbetriebnahme von Türk-Stream, einer neuen großen Gaspipeline durch das Schwarze Meer, gefeiert. Mit dabei der bulgarische Ministerpräsident Bojko Borissow und der serbische Präsident Aleksandar Vučić, deren Länder ebenfalls an die Pipeline angeschlossen werden sollen.

Ein Spezialschiff der Schweizer Firma Allseas verlegte die Rohre.
Foto: AFP/YASIN AKGUL

Die Pipeline, die insgesamt pro Jahr 31,5 Milliarden Kubikmeter Gas transportieren soll – zum Vergleich, die umstrittene Nordstream 2 Pipeline durch die Ostsee soll einmal 55 Milliarden Kubikmeter schaffen –, ist für den russischen Präsidenten Putin sowohl ein ökonomisches als auch geopolitisches Projekt. Aus wirtschaftlicher Sicht wird sich der Verkauf von russischem Gas an die Türkei und darüber hinaus an Südosteuropa beträchtlich steigern und viel Geld in die Kassen von Gazprom spülen.

Wichtiger aber noch ist der geopolitische Aspekt. Die neue Türkstream-Pipeline wird wie auch die geplante Nord-Stream 2 die Ukraine als Transitland umgehen und längerfristig überflüssig machen. Es gibt bereits eine Gaspipeline durchs Schwarze Meer – Blue Stream –, die im Osten der türkischen Schwarzmeerküste ankommt und Ankara und die Osttürkei versorgt.

Umgehung der Ukraine

Die neue Pipeline, die etwas westlich von Istanbul auf das türkische Festland trifft, wird Istanbul und den Westen der Türkei versorgen. Dieses Gas kam bislang über die Ukraine, Moldawien, Rumänien und Bulgarien. Die Lieferungen über die Ukraine sind damit überflüssig.

Auch für Erdoğan ist die Pipeline sowohl ökonomisch wie politisch wichtig. Sie stellt die Energieversorgung der wichtigsten türkischen Industriezentren sicher, verringert den Preis für Gas und sichert der Türkei darüber hinaus noch Transitgebühren für die Weiterleitung nach Bulgarien und Serbien. Da die Türkei außerdem noch als Transitland für Gaspipelines aus Aserbaidschan Richtung Europa dient, steigt ihre strategische Bedeutung. "Wir werden auf den internationalen Märkten unverzichtbar sein", sagte Energieminister Fatih Dönmez stolz.

Streit mit Nachbarn

Es kommt aber noch ein weiterer Aspekt hinzu. Bei der Ausbeutung von Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer, liegt die Türkei in einem erbitterten Streit mit den Ländern Griechenland, Zypern, Israel und Ägypten, die die beträchtlichen Vorkommen unter dem Meer unter Ausschluss der Türkei ausbeuten wollen und sich dafür zu einer Gasförderallianz zusammengeschlossen haben.

Erdoğan und Putin haben ihr Werk vollrichtet.
Foto: AP/Lefteris Pitarakis

Erst vor wenigen Tagen haben der israelische Ministerpräsident Netanjahu und sein griechischer Kollege Mitsotakis in Athen einen Vertrag unterzeichnet, mit dem der Bau einer Pipeline von den israelischen Gasfeldern nach Zypern und von dort weiter über Kreta bis zum griechischen Festland besiegelt werden sollte.

Billiges Gas

Erdoğan versucht dieses Vorhaben zu verhindern, solange die Türkei und die türkischen Zyprioten nicht "angemessen beteiligt" werden, wie er mehrfach sagte. Die neue Türk-Stream-Leitung ist ein probates Mittel dazu, weil sie Gas wesentlich preiswerter nach Südeuropa bringt, als das durch die projektierte israelisch-griechische Pipeline möglich sein wird.

Außerdem hat Erdoğan Ende November letzten Jahres mit der libyschen Regierung einen Seegrenzenvertrag über eine gemeinsame libysch-türkische "Exklusive Wirtschaftszone" quer durch das östliche Mittelmeer abgeschlossen, die, wenn sie Bestand hat, den Bau der israelisch-griechischen Pipeline nahezu unmöglich machen würde. Nicht zuletzt aus diesen Gründen unterstützt Erdoğan die derzeitige schwache Regierung in Libyen und hat damit begonnen, Soldaten nach Tripolis zu schicken.

Sanktionen zweitranging

Außerdem hat Erdoğan den Israelis noch angeboten, ihr Gas von Zypern aus mit einer relativ kurzen und preiswerten Leitung zur Türkei an das vorhandene Gas-Netz anzuschließen und so das israelische Gas schnell und billig nach Europa zu transportieren.

Angesichts dieser Vorteile von Türk-Stream sind die angekündigten US-Sanktionen gegen die Pipeline für Erdoğan zweitrangig. (Jürgen Gottschlich aus Instanbul, 8.1.2020)