Ein Mann steht neben einem Wrackteil am Absturzort.

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Rettungskräfte am Einsatzort.

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Verwandte trauern am Boryspil-Flughafen bei Kiew.

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45 Ermittler aus der Ukraine flogen am Mittwochabend mit einer Iljuschin 76 in den Iran.

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Dubai/Kiew – Einen Tag nach dem Absturz eines ukrainischen Passagierflugzeugs im Iran mit 176 Toten mehren sich die Hinweise auf eine technische Ursache. Sowohl ein am Donnerstag bekanntgewordener vorläufiger Bericht der iranischen Ermittler (Farsi und Englisch) als auch eine erste Einschätzung westlicher Geheimdienste tendieren in diese Richtung.

Einen Fehler der Besatzung schließen die Ermittler derzeit aus: Pilot Wladimir Gaponenko hatte über 11.000 Stunden Flugerfahrung, sein Kopilot Sergej Chomenko 7.600 Stunden. Flugschreiber und Cockpitrecorder wurden beim Absturz beschädigt, die Speichermedien dürften aber lesbar sein. Wer die Blackboxes auswerten soll, war am Donnerstag nicht bekannt. Die iranischen Behörden hatten nach dem Absturz erklärt, der Hersteller Boeing komme dafür nicht infrage.

Die Erkenntnisse der iranischen Behörden für die zivile Luftfahrt beziehen sich auf Äußerungen von Augenzeugen. Demnach wurde sowohl am Boden als auch in einer anderen Maschine aus großer Flughöhe beobachtet, dass die Boeing 737-800 von Ukrainian International Airlines bereits in der Luft in Brand geraten war.

Pilot versuchte Flughafen anzusteuern

Dem Bericht zufolge trat kurz nach dem Start vom Teheraner Imam-Khomeini-Flughafen ein technisches Problem auf, und das Flugzeug leitete ein Wendemanöver ein, bevor es zu Boden ging. Unklar blieb, ob es sich um einen mechanischen Defekt oder ein fehlerhaftes Bauteil handeln soll. Die Autoren bezeichnen den Vorfall als "Unfall". Die Vorlage eines vorläufigen Berichts binnen 24 Stunden ist selten. Es kann oft Monate dauern, bis die Ursache eines Flugzeugabsturzes geklärt ist.

DER STANDARD

Spekulationen über russische Rakete

Der nationale Sicherheitsrat der Ukraine brachte eine weitere Spur ins Spiel. Dessen Leiter Olexij Danylow schreib auf Facebook, ukrainische Ermittler wollten die Absturzstelle nach möglichen Trümmern einer russischen Rakete absuchen. Informationen über derartige Teile seien "im Internet" aufgetaucht. Als mögliche Absturzursachen nannte Danylow einen Raketenangriff, eine Kollision mit einem Flugobjekt wie einer Drohne, eine Triebwerksexplosion oder einen Terrorakt. Im Gespräch mit der ukrainischen Webseite Censor.net wiederholte Danylow seine Spekulationen.

In sozialen Medien zirkulierende Bilder sollen den weitgehend unbeschädigten Gefechtskopf einer russischen Tor-9K331-Luftabwehrrakete in der Nähe der Absturzstelle zeigen. Hassan Rezaeifar, der Leiter der iranischen Flugsicherheitsbehörde, erklärte gegenüber dem "Aviation Herald", die Ermittler hätten kein solches Teil gefunden.

Fehlfunktion vermutet

Auch westliche Geheimdienste gehen von einer technischen Fehlfunktion aus – und nicht davon, dass die Maschine von einer Rakete getroffen wurde. Das erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters von drei Informanten aus den USA, einem aus Europa und einem aus Kanada. Kanada war das Ziel von zahlreichen Passagieren.

Da es keine direkte Flugverbindung aus Kanada gibt, ist die preislich attraktive Verbindung über Kiew äußerst beliebt. In kanadischen Kreisen war die Rede von Hinweisen auf eine Überhitzung eines der Triebwerke. Angesichts der jüngsten Raketenangriffe des Iran auf US-Ziele im Irak waren auch Spekulationen aufgekommen, das ukrainische Flugzeug könnte von einem Geschoß getroffen worden sein.

Erklärung zurückgenommen

Zuerst hatte die ukrainische Botschaft im Iran den Absturz auf Triebwerksversagen zurückgeführt, diese Erklärung später aber wieder zurückgenommen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj betonte, die Regierung ziehe mehrere Ursachen in Betracht. In einer Fernsehansprache warnte er vor übereilten Bewertungen des Vorfalls und Verschwörungstheorien. Zugleich erklärte er den 9. Jänner zum nationalen Trauertag.

Der Iran hatte in der Nacht auf Mittwoch US-Militärstützpunkte im Irak mit Raketen angegriffen. (red, Reuters, 9.1.2020)