Prinz Harry und seine Frau Meghan gaben bekannt, nicht weiter "Senior Members" der britischen Königsfamilie sein zu wollen. Was ist damit gemeint?

Als "Senior-Mitglied" der Royals zurückzutreten bedeutet, sich aus dem inneren Kreis der königlichen Familie, der mit einer Reihe von Verpflichtungen verbunden ist, zurückzuziehen. Zugleich betonten Harry und Meghan in ihrem Statement, die Queen weiterhin voll zu unterstützten und ihre Pflichten für das Commonwealth zu ehren. Harry (35) und Meghan (38) wollen weiters finanziell unabhängig werden, sich Charity-Aufgaben widmen, und sie wollen mit ihrem Sohn Archie Harrison Mountbatten-Windsor sowohl in Großbritannien als auch in Nordamerika leben. Der Buckingham-Palast nennt dies "eine Entscheidung in einem frühen Stadium". Die Ankündigung soll Queen Elizabeth II und Prince Charles überrascht haben.

Auch als Podcast: Gudrun Springer erklärt, weshalb Harry und Meghan aus dem royalen Käfig ausbrechen wollen und welche Folgen das hat.

Womit begründet das Paar seinen Schritt?

Auf ihrer Homepage sussexroyal.com erklären Harry und Meghan, dass sie ihre karitativen Aufgaben verfolgen wollen, sie zugleich aber auch neuen Tätigkeiten nachgehen und professionell Geld verdienen möchten. Sie wollen Mitglieder der Königsfamilie bleiben, aber mit finanzieller Unabhängigkeit. Als Senior-Mitglieder wäre ihnen schlicht verboten, Geld zu verdienen.

Sie betonen auch, ihre Schirmherrschaften weiter auszuüben: Bei Prinz Harry reichen diese vom London Marathon Charitable Trust über ein Nashorn-Schutzprogramm in Botswana bis zur in Australien ansässigen Invictus Games Foundation, die eine paralympische Sportveranstaltung für kriegsversehrte Soldaten ausrichtet – und vielen mehr. Meghan ist zum Beispiel Schirmherrin des National Theatre und der Association of Commonwealth Universities (ACU), welche sich der Zusammenarbeit und den Stipendienprogrammen von 500 Universitäten widmet.

Das Paar kurz nach der Geburt des Sohnes Archie Harrison, der am 19. Mai 2019 zur Welt kam und für den sie nun auch mehr Privatsphäre wünschen.
Foto: Reuters

Wie wollen Harry und Meghan ihr eigenes Geld verdienen?

Details dazu wollen die beiden zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgeben. Es ist zum Beispiel vergangenes Jahr berichtet geworden, dass Harry Produzent einer Apple-Streaming-Dokumentation mit Oprah Winfrey über psychische Gesundheit sein werde. Meghan Markle war vor ihrer Heirat mit Harry Schauspielerin und könnte diese Tätigkeit wiederaufnehmen, allerdings wohl nur sehr ausgesuchte Rollen, und sie hat bisher nicht diesen Wunsch geäußert.

Wie viel Geld hatten sie bisher zur Verfügung, und woher kam es?

Einerseits gab es Zahlungen aus dem Sovereign Grant, die sich umgerechnet auf rund zwei Millionen Euro jährlich belaufen haben sollen. Geld aus dem Sovereign Grant erhält ein Regent von der britischen Regierung. Darauf müssen Harry und Meghan in Zukunft sicher verzichten. Harry hat aber auch Einkommen aus dem Herzogtum Cornwall, das seinem Vater Prinz Charles gehört und jährlich rund 20 Millionen Euro erwirtschaften soll. Angeblich waren es zuletzt fünf Millionen Euro. Inwieweit Harry davon ebenfalls Unabhängigkeit erstrebt, wird man erst sehen.

Zusätzlich wird beiden nachgesagt, vermögend zu sein. So erbte Harry angeblich 25 Millionen Euro beim Tod seiner Mutter, Prinzessin Diana. Außerdem soll er Geld aus einem Fonds seiner Urgroßmutter erhalten. Meghan besitzt angeblich fünf Millionen Euro aus ihrer Zeit als Schauspielerin. Dem Vernehmen nach hat sie je Folge der Serie "Suits" 45.000 Euro Gage kassiert. Premierminister Boris Johnson hat am Donnerstag verlautbart, dass der Rücktritt der beiden von ihren royalen Funktionen auch Auswirkungen auf den Haushalt des Königshauses haben wird. Details blieben noch offen.

Auf diesem Bild standen Harry und Meghan in der britischen Königsfamilie bereits in der zweiten Reihe, nun wollen sie sich noch weiter entfernen.
Foto: APA/AFP/DANIEL LEAL-OLIVAS

Werden der Herzog und die Herzogin weiter im aufwendig renovierten Familienheim Frogmore Cottage in Windsor wohnen?

Das Cottage wurde den beiden von der Queen zur Hochzeit geschenkt, gehört zum sogenannten Queens Estate (Besitz der Königin), und Elizabeth II erlaubt Prinz Harry und Herzogin Meghan das Wohnen darin. Dass sich daran etwas ändert, gilt als eher unwahrscheinlich.

Wer kommt künftig für die Sicherheitskosten auf?

Harry und Meghan geben auf ihrer Website an, als international zu schützende Personen eingestuft zu sein. Daher müssten sie von bewaffneten Personenschützern von Scotland Yard beschützt werden, diese unterstehen dem Innenministerium. Darüber wird es aber wohl noch einige Debatten geben. Über die Kosten dieser Maßnahmen werde aus Sicherheitsgründen keine Auskunft gegeben, da dies die Sicherheit der zu schützenden Personen gefährden könne, erklären die beiden weiters. Medienberichten zufolge kostet Wachpersonal der Einheit Royalty and Specialist Protection an die 700.000 Euro jährlich.

Welche Verpflichtungen haben Harry und Meghan, die sie damit abschütteln?

Das ist noch nicht ganz klar. Eine wichtige Frage ist, wie insbesondere Harrys Rolle aussieht, wenn sein Vater, Prinz Charles, eines Tages König wird. Traditionellerweise übernimmt das zweite Kind des Königs viele Verpflichtungen, heißt es von Royals-Expertin Marlene Koenig, wie das Maagazin "Time" online berichtet. Sie nennt als Beispiel auch aktuell Prinzessin Anne, Zweitgeborene von Queen Elizabeth II, die in den vergangenen Jahren sehr hart gearbeitet habe.

Harry und Meghan wollen royale Verpflichtungen abschütteln und unabhängiger sein.
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Harry und Meghan erfüllen eine Reihe karitativer Aufgaben. Sie gaben bekannt, das auch weiterhin tun zu wollen, allerdings kann man davon ausgehen, dass sie bei mehr Unabhängigkeit auch eine gewisse Auswahl treffen werden.

Was bedeutet der Schritt für Harrys Reihung in der Thronfolge?

Prinz Harry ist als Zweitgeborener von Prinz Charles der Sechste in der Thronfolge, also ein unwahrscheinlicher Kandidat für den Thron, wenn nicht ein großes Unglück passiert. Zweiter ist sein Vater selbst, gefolgt von Prinz William, dessen drei Kindern und danach folgt eben Harry. Ob er mit dem Schritt, nicht mehr Senior-Mitglied der Königsfamilie zu sein, auf die theoretische Option der Thronfolge verzichtet, war am Donnerstag noch unklar.

Behalten Harry und Meghan ihre Titel?

Prinz Harry und Meghan sind Herzog und Herzogin von Sussex. Sie nennen sich auch weiterhin so, und ihre Namen zieren logoartig ihre sehr professionelle Homepage sussexroyal.com, auf der sie ihren Schritt zu mehr Unabhängigkeit ausführlich erklären. Ein Kommentator der "LA Times" findet das Behalten des Titels feige und fordert, sie sollen nach ihrem Schritt zu mehr Unabhängigkeit auch ihre Titel ablegen, die "undemokratisch, protzig und unamerikanisch" seien. Ob sie weiter mit "Eure Königliche Hoheit" angesprochen werden, ist auch noch nicht bekannt.

Um Harry und Meghan wird ein regelrechter Personenkult betrieben. Ob sie künftig noch mit "Eure Königliche Hoheit" anzusprechen sind, war am Donnerstag noch offen.
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Meghan wurde in britischen Medien ständig kritisiert und von Reportern regelrecht verfolgt. Hat die aktuelle Entscheidung auch damit etwas zu tun?

Ja. Der Herzog und die Herzogin von Sussex waren zunehmend unglücklich mit der regelrechten Hetzjagd einiger Medien auf sie. Im Oktober leiteten die beiden rechtliche Schritte gegen mehrere Boulevardmedien ein, unter anderem wegen Telefon-Hackings und wegen des Überschreitens der Privatsphäre. Auch ein handschriftlicher Brief Meghans an ihren Vater war veröffentlicht worden, wogegen die Herzogin vorgeht. Meghan wurde für jeden ihrer Schritte als Mutter kritisiert, etwa für mehrere Wechsel der Kindermädchen. Das Paar stand zudem massiv in der Kritik, weil es mit dem Privatjet flog und zugleich auf Umweltprobleme aufmerksam machte. Harry sprach von regelrechtem Bullying, dem seine Frau ausgesetzt sei, und erinnerte daran, dass seine Mutter Diana 1997 bei einer Verfolgungsjagd durch Paparazzi starb.

Wie fielen nun die Reaktionen auf die Ankündigung des Paares aus?

Das Thema beherrschte sofort sämtliche Titelseiten in Großbritannien, und auch international ist die Entscheidung, die unter dem Schlagwort "Megxit" firmiert, in aller Munde.

Die Ankündigung von Mittwochabend schaffte es am Donnerstag auf sämtliche Titelseiten britischer Zeitungen.
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Innerhalb der Familie soll das Vorgehen der beiden für Enttäuschung gesorgt haben. Die Queen und Prince Charles sollen ja selbst nicht unterrichtet gewesen sein. Die BBC berichtet von "Schmerz", den die Verlautbarung verursacht habe. Die Boulevardpresse nannte die Entscheidung "egoistisch", in sozialen Medien hagelte es eine Menge böser Kommentare. Die Royal-Expertin und Buchautorin Penny Junor nannte das Vorhaben des Paares "außergewöhnlich und nicht durchdacht". Aber es gab auch einzelne Stimmen, die Verständnis für die Entscheidung äußerten.

Kommt das Herauslösen aus der Royal Family überraschend?

Es gab Anzeichen: Harry und Meghan haben Weihnachten nicht bei der Queen verbracht, sondern ausgedehnt mit ihrem Baby in Kanada Urlaub gemacht und Meghans Mutter besucht. Sie stiegen vergangenen Juni außerdem aus der Royal Foundation aus, einer wohltätigen Stiftung des Königshauses. Das Paar begründete den Schritt damals damit, eine eigene Charity-Organisation aufbauen zu wollen.

Gab es in der britischen Königsfamilie Streit?

Harry gab Dissonanzen zwischen ihm und seinem Bruder William offen zu. So räumte er in einem Interview während einer Afrika-Reise ein, dass er sich mit seinem Bruder William (37) auseinandergelebt habe: "Wir sind derzeit sicherlich auf unterschiedlichen Pfaden", sagte er damals. Bereits im Frühjahr waren Harry und Meghan aus dem Kensington-Palast in London, auf dessen Grundstück sie mit William und Kate gelebt hatten, ausgezogen. Sie wohnen seither in der Nähe der Queen in Windsor.

"Wir sind derzeit sicherlich auf unterschiedlichen Pfaden", sagte Harry über seine Beziehung zu seinem Bruder William, die offenbar nicht friktionsfrei war.
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Wo in Nordamerika will die Familie zeitweise leben?

Land oder Ort sind noch unbekannt. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass es das Paar nach Kanada zieht, wo Harry und Meghan mit ihrem Sohn Archie Harrison auch ausgedehnte Weihnachtsferien verbracht haben und Zeit mit Meghans Mutter, Doria Ragland. Kanada ist auch das Land, in dem sich die beiden nähergekommen sind. Bei ihren Aufenthalten dort konnten sie bisher relativ zurückgezogen Zeit verbringen, es ist dort einfacher, eine gewisse Privatsphäre aufrechtzuerhalten. Außerdem hat Meghan Markle dort zuletzt gelebt.

Es gilt als wahrscheinlich, dass es das Paar nach Kanada zieht, wo es auch die Weihnachtszeit verbracht hat und wo Meghans Mutter lebt.
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Gibt es vergleichbare Vorgänge aus der Vergangenheit?

Das, was Harry und Meghan vorhaben, ist Neuland für die britischen Royals. Vor zwei Jahren hat Prinz Philip, der 98-jährige Ehemann der Queen, seine repräsentativen Verpflichtungen abgegeben – aber aus Altersgründen. Immer wieder wird nun auch an die Abdankung von Eduard VIII., dem Onkel der jetzigen Queen, im Jahr 1936 erinnert. Allerdings war dies, insbesondere für damals, ein viel drastischerer Schritt: Eduard VIII. war König und trat der Liebe wegen ab, um die Bürgerliche Wallis Simpson zu heiraten.

Prinz Andrew wurde dazu gedrängt, seine Ämter wegen der Epstein-Affäre zurückzulegen.
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Erst vor wenigen Monaten hat außerdem Harrys Onkel, Prinz Andrew, seine royalen Pflichten zurückgelegt, was sich aber nicht vergleichen lässt, denn in diesem Fall wurde er von der Öffentlichkeit und wohl auch seiner eigenen Familie dazu gedrängt. Andrew war befreundet mit Jeffrey Epstein, der wegen Sexualstraftaten im Gefängnis saß und sich dort das Leben genommen hat. Andrew, gegen den ebenfalls Vorwürfe in der Causa erhoben wurden, hatte Epstein in einem Interview verteidigt.

Interessant ist im Zusammenhang mit Harrys und Meghans aktuellem Schritt aber ein Beispiel aus Schweden: Dort hatte König Carl Gustaf im Herbst verfügt, fünf seiner sieben Enkel den Titel "königliche Hoheit" zu entziehen. Grund dafür war kein Streit, sondern praktische Erwägungen und der Gedanke, die königliche Familie nicht zu groß werden zu lassen. (Gudrun Springer, 9.1.2020)