Wie auch immer die Jury sich entscheidet, Reue oder ein Schuldeingeständnis sind von Harvey Weinstein nicht zu erwarten.

Foto: REUTERS/Eduardo Munoz

Gebrechlich, blass, und auf eine Gehhilfe gestützt. So erschien Harvey Weinstein am Montag in New York vor Gericht. Der Kontrast, den einer der ehemalig einflussreichsten Männer Hollywoods damit erwirken will, war augenscheinlich. Zu urteilen, wie viel davon Schauspiel und wie viel auf seine Rücken-OP zurückzuführen ist, bleibt dem Zuschauer überlassen.

Es geht um viel. Harvey Weinsteins Schuld oder Unschuld. Und die langfristige Bedeutung der #MeToo-Bewegung.

Fast zweieinhalb Jahre nachdem die Affäre öffentlich wurde, erfolgt der erste große Test. Wie viel hat sich tatsächlich verändert für Opfer von sexueller Gewalt, seitdem mehr als 80 Frauen über die Übergriffe gesprochen haben? Kann der Urteilsspruch den Erwartungshaltungen gerecht werden? Wäre es für Weinstein und seine Mitwisser heute ähnlich möglich, Druck auszuüben, um alles zu vertuschen?

Auch als Podcast: Wie der Weinstein-Skandal und die #MeToo-Bewegung die Welt veränderten.

Einfluss Weinsteins

Dass die Vorwürfe bekannt wurden, ist nicht nur den Betroffenen, sondern auch Journalisten geschuldet, die weiterrecherchierten. Ronan Farrow wollte die Story auch aus persönlichen Gründen nicht ruhen lassen. Sein Vater Woody Allen bestreitet bis heute, Farrows adoptierte Schwester Dylan missbraucht zu haben.

Je mehr Betroffene Farrow zum Reden bringen konnte, desto mehr bekam er den Einfluss Weinsteins zu spüren: Russische Spione beschatteten seine Wohnung, er erhielt verdächtige Spam-Nachrichten, und seine Vorgesetzten bei NBC setzten alles daran, dass die Vorwürfe niemals über den Bildschirm flimmern würden. Schließlich konnte er seine Recherchen im New Yorker im Oktober 2017 veröffentlichen.

"Attacken auf die Opfer"

Gefragt, was er sich vom Prozess erwarte, übt Farrow sich auf ABC in Zurückhaltung und warnt, dass das System Weinstein nach wie vor funktioniere: "Er ist sehr gut darin, die Umstände zu seinen Gunsten zu manipulieren. Einer der Anklagepunkte gegen ihn wurde schon fallengelassen, und er ist gerade wieder dabei, Attacken auf die Opfer zu lancieren."

Der mutige Schritt an die Öffentlichkeit hatte für viele Frauen negative Folgen. Weinstein ließ Schmutzkübelkampagnen initiieren, etwa gegen die Schauspielerin Rose McGowan, die er als pathologische Lügnerin hinstellte. Wie später bekannt wurde, war die US-Star-Anwältin Lisa Bloom, die immer wieder Missbrauchsopfer vertritt, die wichtigste Input-Geberin für seine Diskreditierungskampagnen. Doch auch ohne direkte Attacken von Weinstein sind die negativen Konsequenzen für die Betroffenen spürbar. Ein Opfer klagt: "Als mein Name in der New York Times genannt wurde, habe ich anscheinend jedes Recht auf Privatsphäre verloren."

Nur zwei Anklagen

Das und die Tatsache, dass viele der Fälle schon verjährt sind, erklärt auch, warum letztlich nur zwei Frauen den Schritt der strafrechtlichen Anzeige gegen Weinstein in New York gewagt haben. Die ehemalige Produktionsassistentin Mimi Haleyi wirft dem 67-Jährigen vor, er habe sie zu Oralsex gezwungen. Eine weitere Klägerin, die anonym bleiben will, beschuldigt ihn, sie 2013 in einem Hotel vergewaltigt zu haben.

Der schwerwiegendste und weitreichendste Anklagepunkt gegen Weinstein betrifft die wiederholte übergriffige sexuelle Nötigung. Auf diese Weise sollen im Prozess zusätzliche Vorwürfe Eingang finden und drei weitere Opfer als Zeugen aussagen können. Mit einer ähnlichen Strategie wurde auch Bill Cosbys Prozess ausgeweitet. Doch um ein Verhaltensmuster nachweisen zu können, braucht es eine große Zahl an Beweisen. "Damit gehen die Kläger ein gewisses Risiko ein, denn sie müssen mehr als nur die beiden Fälle nachweisen", sagt Farrow.

Bis Ende kommender Woche stellt der Supreme Court von New York eine zwölfköpfige Jury zusammen, die imstande sein soll, ein faires, unvoreingenommenes Urteil zu fällen. Eine Aufgabe, die sich als schwierig herausstellen könnte: Der Name Weinstein ist mittlerweile zum Symbol für sexuellen Machtmissbrauch geworden. Von den ersten 120 einberufenen Personen gaben am Dienstag 40 an, sich schon eine Meinung gebildet zu haben – sie wurden wieder nach Hause geschickt. Verläuft alles nach Plan, wird Richter James M. Burke Ende März ein Jury-Urteil verkünden. Sollte Weinstein schuldiggesprochen werden, könnte er lebenslang in Haft gehen. Könnte.

Kleine Summe im Vergleich

Im Dezember 2019 konnte sich Weinsteins Firma mit mehr als 30 Frauen auf einen Vergleich einigen. Sie bekommen umgerechnet 21,6 Millionen Euro von Versicherungen ausbezahlt. Weinstein musste dafür kein Geld in die Hand nehmen, auch kein Fehlverhalten zugeben. Für manche Frauen, deren Karrieren im Zuge der Übergriffe ruiniert wurden, sind die verhandelten 450.000 Euro eine vergleichsweise kleine Summe für den Verdienstentgang. Zusätzlich haben sie damit das Recht verloren zu klagen.

Beschränkt sich #MeToo also doch nur auf Solidaritätsbekundungen online – ohne dass sich gesellschaftliche Normen verändert hätten? Immerhin sitzt Präsident Donald Trump trotz Vorwürfen sexueller Übergriffe weiter im Weißen Haus. Zuletzt schilderte die Journalistin E. Jean Carroll in ihrem 2019 veröffentlichten Buch, wie Trump sie in der Umkleidekabine eines Kaufhauses vergewaltigt haben soll. Ein Aufschrei blieb aus. Auch die Aussagen von Christine Blasey Ford vor dem US-Kongress, die die Qualifikation von Brett Kavanaugh als Höchstrichter infrage stellten, blieben ohne Wirkung. Seine Angelobung war ein Dämpfer für die #MeToo-Bewegung.

Ein Test für Veränderung

Die Kritik an #MeToo kam auch nicht zu kurz: Wo liegt die Grenze zwischen sexueller Belästigung und ungelenkem sozialem Verhalten? Wurde das Hashtag zum Onlinepranger, der Karrieren zerstört? Die Stand-up-Comedians Aziz Ansari und Louis CK fielen zwar kurzfristig in Ungnade, sind aber mittlerweile wieder Teil der Entertainment-Industrie.

Die Bilanz von Jodi Kantor und Megan Twohey, Aufdeckerinnen der Weinstein-Affäre für die New York Times, fällt differenzierter aus. "Unsere Berichterstattung hat bewiesen, dass Fakten einen sozialen Umbruch auslösen können. Die Reaktionen zur Story waren so überwältigend, dass #MeToo letztlich ein Test für soziale Veränderung wurde", resümiert Kantor in der Vanity Fair. "Die längste Zeit wurde uns Journalisten die Tür zugeschlagen. Das hat sich radikal geändert. Jetzt kommen die Opfer zu uns", beschreibt Twohey den Weinstein-Effekt. Auch an den Statistiken lässt sich ablesen, dass in den Monaten nach dem Bekanntwerden der Causa die Zahl an gemeldeten Sexualverbrechen anstieg – in den OECD-Ländern um 14 Prozent, in den USA um sieben Prozent. Die Studienautoren der Yale University verzeichnen zwar einen späteren Rückgang, bestätigen aber, dass die Bewegung maßgeblich auf persönliche Entscheidungen Einfluss nahm.

Keine Verschwiegenheitsvereinbarungen

Strukturell und rechtlich gesehen hat sich in den USA hingegen wenig verändert. Außergerichtliche Einigungen sind nach wie vor der beliebteste Weg, um sexuelle Gewalt gegen Frauen unter den Tisch zu kehren. Nur eine Handvoll an Bundesstaaten, darunter Kalifornien und New York, hat Gesetze verabschiedet, die Verschwiegenheitsvereinbarungen im Falle von sexueller Diskriminierung, Belästigung und Übergriffen künftig verbieten. Solche Verschwiegenheitsvereinbarungen gehören in der US-Filmbranche zum Alltag.

Wie auch immer die Jury sich entscheidet, Reue oder ein Schuldeingeständnis sind von Weinstein nicht zu erwarten. In einem Interview mit der New York Post beklagt er, dass er sich wie ein vergessener Mann fühle: "Ich habe mehr Filme über Frauen und mit Regisseurinnen in Auftrag gegeben als jeder andere Filmemacher – schon vor 30 Jahren. Nicht, als es in Mode kam. Ich war ein Pionier!" Seine Anwältin Donna Rotunno schlägt in eine ähnliche Kerbe: "Ich glaube, dass sich Frauen an den Tag erinnern werden, als die Sache losgetreten wurde – und zwar dann, wenn sie niemand mehr nach einem Date fragt, ihnen niemand mehr die Tür aufhält oder sagt, dass sie gut aussehen."

Ende Oktober 2019 zeigte sich Weinstein in der Öffentlichkeit und besuchte einen Comedy Club in Manhattan. Kelly Bachman, selbst ein Vergewaltigungsopfer, war dabei, die Bühne zu betreten, als sie ihn erkannte. Sie entschloss sich, den "Elefanten im Raum" in ihrer Nummer anzusprechen, und erntete dafür Buh-Rufe.

Sosehr der Niedergang Weinsteins symbolhaft mit dem Aufstehen von Frauen verbunden wird: Die Machtstrukturen, die Missbrauch begünstigen, existieren noch. Geht es nach den Opfern, soll das nicht von der Botschaft ablenken: dass die Zeit der Straffreiheit vorbei ist. (Teresa Eder, 11.1.2020)