Harvey Weinstein wird in New York der Prozess gemacht.

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Harvey Weinstein steht vor Gericht. Seit Oktober 2017 werfen ihm mehr als 80 Frauen sexuelle Übergriffe bis hin zu Vergewaltigung vor und beenden damit ein systematisches jahrzehntelanges Schweigen. Die daraus entstandene feministische Kampagne #MeToo erreichte die größte Aufmerksamkeit für das Thema sexualisierte Gewalt, die es je gab. Wird nun der Prozessverlauf und das Urteil die Antwort auf die Frage bringen, ob #MeToo nicht nur Aufmerksamkeit erregt hat, sondern auch darüber hinaus ein feministischer Erfolg ist?

Ganz bestimmt nicht. Wir befinden uns erst auf den ersten Kilometern eines noch sehr langen Weges. Den Status quo bringt Jodi Kantor, eine jener Journalistinnen, die die Vorwürfe gegen Weinstein aufgedeckt hat, so auf den Punkt: "Alles hat sich geändert, und zugleich hat sich nichts geändert." Zwar werde das Thema heute viel ernster genommen, andererseits habe sich der gesellschaftliche Rahmen, das "echte" Leben außerhalb des medialen Diskurses, kaum verändert. Damit hat sie recht, denn bis jetzt war #MeToo vor allem eines: eine Debatte. Und leider war es zu oft eine, die nur wenige konstruktive Fragen nach neuen Instrumenten gegen diese ungeheuerliche Dimension von Übergriffen stellte. Stattdessen war es oft ein Streit darüber, wie groß das Problem tatsächlich sei – als ob #MeToo nicht bewiesen hätte, dass es riesig ist.

"Opferstatus"

Doch bis heute wird gerne von Übertreibungen gesprochen, Berichte über Belästigungen werden ins Lächerliche gezogen, dass man ja gar nichts mehr dürfe. Oder dass Frauen mit #MeToo "ihren Opferstatus" zementieren würden. Einwände wie diese, die ausgerechnet gegen eine Bewegung vorgebracht wurden, die zum vehementen Protest aufruft und ein Ende dieses Zustands fordert, ließen viele Aktivistinnen oft ratlos zurück.

Doch ein Blick auf die Frauenbewegung hilft. Er lädt zwar alles andere als zum Zurücklehnen ein, aber dazu, in weitaus größeren zeitlichen Dimensionen als zweieinhalb Jahre zu denken. Seit fünfzig Jahren kritisieren Feministinnen die negativen Folgen von Geschlechterstereotypen – und genauso lange werden sie kleingeredet. In den 1970ern wurde in den meisten Industriestaaten der Schwangerschaftsabbruch legalisiert – und noch immer wird dagegen angekämpft, besonders vehement in den USA. Im selben Jahrzehnt begannen Frauenrechtlerinnen, systematisch Gewalt gegen Frauen zu skandalisieren, doch erst 1989 wurden etwa Vergewaltigungen in der Ehe in Österreich strafbar.

Zäher Kampf

Zäh ist der Kampf gegen sexualisierte Gewalt auch deshalb, weil diese Gewalt durch viele andere Schieflagen genährt wird, vor allem durch die ungleiche Machtverteilung in der Arbeitswelt und die tiefe Verstrickung von Sexualität in patriarchalen Vorstellungen. Es sind also enorme Probleme, die durch #MeToo sichtbarer als bisher an die Oberfläche gespült wurden. Und damit wird es schwerer, diese Probleme zu ignorieren. Immerhin. (11.1.2020)