Sebastian Kurz lässt sich nicht abschütteln. Vor ihm steht ein Mann mit hochrotem Schädel und fuchtelt, eine Kamera in der Hand, erbost in der Luft herum. Schimpfend will er von dannen ziehen, aber so einfach gibt Kurz nicht auf.

Selten haben Politiker die Gelegenheit, unwidersprochen so viele Nichtigkeiten anzubringen: Sebastian Kurz bei der Anbahnung der türkis-grünen Koalition.
Foto: Matthias Cremer

Herausfordernd lang war die Schlange, die sich in der Kälte in der hereinbrechenden Dämmerung vor der Bühne auf dem Dorfplatz von Aigen im Ennstal gebildet hatte. Kurz hat die Fotowünsche im Akkord abgearbeitet, jedem Fan sein Patentlächeln mit angedeuteter Umarmung gegönnt, und doch fühlt sich dieser eine übergangen. Der Ex-Kanzler setzt dem Unzufriedenen nach, redet auf ihn ein, versucht zu beschwichtigen. Niemand soll hier zornig zurückbleiben – und seinem Ärger womöglich auf Facebook Luft machen.

Es braucht viel Einsatz, um die Gefolgschaft bei Laune zu halten, das gilt für Kurz in diesen Wochen nicht nur bei endlosen Selfie-Orgien. Schließlich mutet er seinen Anhängern Unerhörtes zu. Eben noch hat Kurz massenhaft Rechtswähler geködert, da fraternisiert er mit den vermeintlichen Antipoden von links. Innerhalb eines halben Jahres hat der 33-Jährige die Wandlung vom FPÖ-Versteher zum Kanzler von grünen Gnaden hingelegt – und das Drehbuch seiner Karriere neu aufgesetzt.

Sieben Minuten und 23 Sekunden braucht Sebastian Kurz, um seine alte Geschichte zu dekonstruieren. Eineinhalb Jahre lang hat er die Koalition mit der FPÖ als Erfolgsstory verkauft, rechtsextreme Eskapaden sporadisch kritisiert, aber letztlich zur Seite gewischt und – so offenbarte Kurz es selbst im Untersuchungsausschuss – teilnahmslos dabei zugesehen, wie Innenminister Herbert Kickl den Verfassungsschutz in die Mangel nahm. Doch nun, am Abend des 18. Mai, beklagt der Regierungschef vor hektisch klickenden Kameras ausführlich, welch Ungeheuerlichkeiten ihm die blauen Partner zugemutet hätten. "Genug ist genug", sagt er: "Die FPÖ kann es nicht."

Es ist der Tag, nachdem das Ibiza-Video die Korruptionsfantasien des Vizekanzlers Heinz-Christian Strache entlarvt hat. Kurz und seine Getreuen haben lange über die Konsequenzen beraten, die Meinung war nicht einhellig. Sicher, ein Wahltriumph auf Kosten der diskreditierten FPÖ ist, nach dem Vorbild von 2002, absehbar – doch was kommt danach? Den eben abservierten Partner trotz Ibiza zu reaktivieren: Das wäre womöglich eine Wendung zu viel, um als glaubwürdig durchzugehen. Kaum besser lässt sich ein Pakt mit der SPÖ, laut Umfragen zweite realistische Variante, verkaufen. Schließlich hat Kurz sein Erneuererimage stets mit Hinweis auf den rot-schwarzen "Stillstand" unterfüttert.

Sicherer Sieg, unsichere Folgen: Zu Beginn hat Kurz einfach Glück.
Foto: Heribert Corn

Charmeoffensive

Dass sich Kurz letztlich für den sicheren Sieg mit den unsicheren Folgen entscheidet, mögen Hagiografen einmal als Beleg für unermesslichen Weitblick deuten. Tatsächlich aber hat der ÖVP-Chef vor allem Glück, als der Wahltag einen Ausweg eröffnet, der in strategischen Planspielen nur am Rande eine Rolle gespielt hat. Während die ÖVP die FPÖ stärker aussaugt als erhofft, wildern die Grünen über den Erwartungen im SPÖ-Elektorat, sodass eine Koalition der Wahlsieger eine Mehrheit im Parlament hätte. Das heißt nicht, dass Kurz die anderen Varianten ad acta legt. Doch Vorrang haben nun die Grünen.

Die letzten offenen Rechnungen begleicht er am Wahlabend mit dem ungeliebtesten der potenziellen Partner. Dass ein Gericht ihm selbst verboten hat, die SPÖ weiterhin als Drahtzieherin des Ibiza-Videos ins Spiel zu bringen, hindert Kurz nicht daran, sich mit demonstrativem Blick auf die sozialdemokratische Parteichefin Pamela Rendi-Wagner noch einmal über Gemeinheiten im Wahlkampf zu empören. Ansonsten aber spricht er viel von Demut, verkneift sich jeden Triumphalismus, der Mitregenten in spe abstoßen könnte. Bald schon ereilt manche Redaktion, die in der ÖVP als linkslastig gilt, die Bitte aus türkisen Reihen: "Verschreckt’s uns die Grünen nicht!"

Die Umworbenen erwidern die Charmeoffensive. Jene 180-Grad-Wende, die sie eben noch Kurz anempfohlen haben, legen die Grünen rhetorisch nun selbst hin. Kein Ruf ertönt mehr nach der Umkehr der ÖVP zu ihren christlich-sozialen Wurzeln, was die Adressaten aus dem Mund von "gottlosen" Linken besonders geärgert hat. "Ich bin eigentlich eine ganz Nette", gibt Sigi Maurer, Feindbild für Rechtskonservative, der Kronen Zeitung zu Protokoll – und mit der "türkisen Schnöseltruppe", sagt Parteichef Werner Kogler, sei vor der Wahl natürlich nicht Kurz persönlich gemeint gewesen.

Troubleshooter haben’s leicht

"Von der grünen Message-Control können wir noch etwas lernen", witzelt ein ÖVPler in diesen Tagen, PR-technisch ist rasch ein gemeinsamer Draht gefunden. Zur Untermalung der Sondierungsgespräche, die Kurz erst noch mit allen möglichen Partnern, bald aber nur noch mit den Grünen führt, formiert sich ein türkis-grünes Kommunikationsteam, das öffentliche Statements und Auftritte auf eine Linie bringt. Die Troubleshooter hatten schon einmal einen härteren Job, denn die Negativschlagzeilen sind erst einmal von der Konkurrenz gepachtet. Die Sozialdemokraten streiten sich über die aktuelle Chefin ihrer Partei, die Freiheitlichen über den ehemaligen Chef – ein Grund mehr für Kurz, auf Grün zu setzen.

Das Schauspiel startet an einem Ort, der die Bezeichnung Bühne verdient. Barocke Pracht bietet das Winterpalais des Prinzen Eugen von Savoyen in der Wiener Innenstadt, wo einander die sechsköpfigen Sondierungsteams im ersten Stock unter einem programmatischen Deckengemälde – der Sieg der Gerechtigkeit über den schlechten Herrscher – gegenübersitzen. Nach absolvierter Unterredung schreiten die Verhandler über den roten Teppich, vorbei an einem ruhenden Herkules und vier Atlanten, hinunter ins Vestibül, wo sie stets separat vor die Medien treten. Bringen die rechts von einem Meeresgott aufgefädelten Fotografen ihre Kameras im richtigen Winkel in Anschlag, lässt sich die runde Lichtluke zu einem Heiligenschein für die Wortführer umfunktionieren.

Es sind dankbare Auftritte, die sich vor der Kulisse aus weißem Kalksandstein bieten. Selten haben Politiker die Gelegenheit, unwidersprochen so viele Nichtigkeiten anzubringen wie hier. Kein Journalist kann ernsthaft erwarten, dass einer der Protagonisten der Verhandlungen, die Züge eines Pokerspiels haben, coram publico Brisantes ausplaudert – und doch gieren die Medien nach Wortspenden, um Sendeminuten und Zeitungsspalten zu füllen.

Wo denn die Gemeinsamkeiten liegen, tönt es atemlos aus dem Reporterpulk hervor. "Gemeinsamkeiten ist ein Wort, das auch meinem Sprachgebrauch angehört", erwidert Kurz. Und wie sein Gefühl nach der heutigen Runde sei? "Ich habe ganz viele Gefühle, die ich aus den Gesprächen mitnehme." Noch Fragen?

Aufgekratzt, fast schelmisch lächelt der vom gegelten Haarschopf bis zum Anzug glattgebügelte Kanzleranwärter, wenn er seine Auftritte mit einem gedehnten "Grüß Gott" eröffnet. Die Last der Verantwortung lässt er sich nicht anmerken, viel eher Lust am Spiel. Er schlafe immer gut, obwohl das Handy stets aufgedreht sei, hat Kurz in der ORF-Sendung Licht ins Dunkel zu Weihnachten erzählt. Wer ihn beim verbalen Pingpong mit Journalisten beobachtet, nimmt ihm das ungeschaut ab.

Image des Trendsetters für die konservative Elite: Kurz in Zagreb.
Foto: Reuters/Antonio Bronic

Bei der Übertragung des diesjährigen Neujahrskonzerts sah man Balletttänzer durch die Prunkräume des Palais wirbeln, und einer strengen Choreografie folgen auch die Sondierer: Über Wochen wird die ewig gleiche Botschaft – tolle Stimmung, aber groooße inhaltliche Differenzen – in immer neue Wortwolken verpackt. Lieber ein Konjunktiv zu viel, als einer Fangfrage auf den Leim zu gehen.

Wie zu Sowjetzeiten

Es sind Nuancen, an denen sich die Berichterstatter festklammern, Kremologen gleich, die zu Sowjetzeiten aus der Mimik der Apparatschiks am Roten Platz Erkenntnisse zu filtern versuchten. Hat Kurz den Klimaschutz in seiner Prioritätenliste nicht eben höher gereiht als noch vor drei Wochen beim Bundespräsidenten? Vielleicht ein Indiz für eine Annäherung – wohl eher aber blanker Zufall.

"Eine Provokation für den mündigen Bürger" hat Falter-Herausgeber Armin Thurnher die mit staatsmännischer Geste dargebotene Phrasendrescherei genannt. Doch auf den Inszenierungsweltmeister Kurz lässt sich das nicht ohne weiteres schieben, denn gerade Kogler verteidigt die Sondiererei. Bei der Anbahnung einer Regierung spiele Banaleres eine Rolle, als sich Journalisten ausmalten, heißt es von beiden Seiten. Weniger als um taktische Finten gehe es erst einmal darum, das Gegenüber mitsamt seiner Schmerzgrenzen kennenzulernen und die Lager aneinander zu gewöhnen. Kurz gilt den Seinen dabei als besonders "guter Futterverwerter", der aus jeder Nebenbemerkung seinen Schluss ziehe.

Schwerer fällt ihm das Verdauen, wenn er sich in den Medien ungerecht behandelt fühlt. Bei Gelegenheit kramt Kurz Verfehlungen – oder das, was er dafür hält – hervor, die Monate, wenn nicht Jahre zurückliegen. Ein Anlass für einen Rüffel bietet sich, als ÖVP und Grüne offizielle, bis ins Detail geführte Verhandlungen einleiten. Haben Kommentatoren nicht behauptet, Kurz werde den Verhandlungsstart aus Rücksicht auf Rechtswähler bis nach der steirischen Landtagswahl Ende November hinauszögern? Tatsächlich kündigt er das Ende der Sondierungen für den Monatsachten an. Spitze Anmerkung: "Das wär’ dann vor der Wahl."

Nur keine Rückzieher

Am Rand der Verhandlungen offenbaren K & K nach vier Wochen journalistischen Bohrens den ersten Widerspruch. Während Kogler Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zur Postenschacheraffäre um die Casinos Austria partout nicht für eine Bagatelle halten will, spricht Kurz von systematischen Unterstellungen. Da würden manche offenbar in das Muster des Wahlkampfs zurückfallen, sagt er, hat just an diesem Tag jedoch selbst eine Altlast zu entsorgen. Nach einer gerichtlichen Klage der SPÖ muss der VP-Chef seine Behauptung über die vermeintliche rote Ibiza-Connection widerrufen. Das erledigt Kurz dann doch lieber per diskrete Aussendung statt vor laufenden Kameras im Winterpalais.

Tage der Konfusion, zu spüren beim traditionellen "Punsch & Maroni"-Fest Anfang Dezember: Wildeste Gerüchte kursieren, und dann richtet Kurz den Grünen in Interviews aus, was sie sich alles abschminken können.
Foto: APA/Georg Hochmuth

Rückzieher sind seine Sache nicht, das gilt auch für die Koalitionsverhandlungen. Nichts von Türkis-Blau widerrufen, lautet die Maxime. Kurz hat von Beginn an ein klares Bild vom zukünftigen Pakt. Ein Gräuel ist ihm die einstige rot-schwarze Manier, in jeder Streitfrage um den Minimalkompromiss zu ringen – was auf nichts als die Quadratur des Kreises hinauslaufe. Stattdessen soll sich der künftige Partner eines satten Klimaschutzpakets rühmen dürfen, sich dafür aber aus der Sicherheits- und Ausländerpolitik tunlichst heraushalten. Für Letzteres seien die Grünen schließlich nicht gewählt worden, sagt er immer wieder, sondern die ÖVP.

Dass sich eine Partei aus programmatischer Überzeugung, ob nun vom Wähler honoriert oder nicht, auf ein Anliegen versteift, hat in diesem Verständnis wenig Platz. Kurz selbst hat in seiner knappen Zeit als Kanzler schmerzbefreit klassische VP-Positionen entsorgt – von der Pensionsreform bis zum Freihandelsabkommen Mercosur.

Paarlauf im Winterpalais

Das lässt sich als heilsamer Pragmatismus auslegen, wie es seine Fürsprecher tun: Während die alte Garde in jedem Vorschlag des Gegenübers erst das Problem anstelle der Lösung erkannt habe, erlaube es Kurz die ihm eigene Leidenschaftslosigkeit, über ideologische Grenzen zu springen. Oder aber man sieht im türkisen PR-Talent den von Umfragen und der Angst vor Fehlern getriebenen "Machtopportunisten" (das deutsche Handelsblatt), der stets das Populäre macht, aber kaum darum kämpft, etwas populär zu machen.

Der Paarlauf im Winterpalais zeigt Wirkung. Hat sich vor der Wahl in Umfragen kaum wer für Türkis-Grün erwärmt, steigt der Zuspruch danach rapide an – und die Welle des Zeitgeists trägt Kurz auch außerhalb heimischer Gefilde. Ende November gönnt sich der reisefreudige Ex-Staatsmann einen Besuch beim Kongress der Europäischen Volkspartei (EVP) in Zagreb. Der Event in der in dämmriges Blaulicht getauchten Halle beginnt für den Österreicher so wie seine Auftritte sonst enden: mit Selfie-Wünschen.

Viel Zeit zum Posieren mit Delegierten bleibt nicht. Kurz fährt sich über das Haar, bindet sich eine Krawatte um – auf ihn wartet ein politisches Speeddating mit der Crème de la Crème der christdemokratischen Parteienfamilie.

In engen Kojen im Backstagebereich trifft Kurz den Noch-EU-Ratspräsidenten und Neo-EVP-Chef Donald Tusk ebenso zum Vieraugengespräch wie Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Der deutschen Kanzlerin Angela Merkel serviert er das Mineralwasser galant an das an Campingmobiliar erinnernde Plastiktischerl. Zwischendurch tauscht er Umarmungen und Handshakes mit jenen Politikern aus, die es nicht auf die Liste für die halbstündigen "Bilaterals" geschafft haben, auch ein Check des Smartphones geht sich aus. Immer wieder gebe der Chef wertvolle Tipps, schwärmt eine Social-Media-Beauftragte aus seinem Tross, die den Rummel in eine Instagram-Story gießen wird: "Das war eine coole Situation. Ist das Bild eh online?"

Es ist nicht nur der für die konservativen Parteien selten gewordene Wahltriumph, der Kurz unter seinen europäischen Kollegen hervorstechen lässt. Mehr als einen Appell zur "Wahrung der Schöpfung" – Klimaschutz auf christdemokratisch – investiert er nicht in seine kurze Rede, und doch umweht ihn die Aura des "türkis-grünen Posterboys" (Presse). Manfred Weber, EVP-Fraktionsführer im Europaparlament, adelt die von Kurz angebahnte Koalition zum "Zukunftsmodell", der scheidende EVP-Chef Joseph Daul mahnt augenzwinkernd: "Sebastian, werde nicht zu grün!"

Das Image des Trendsetters, der Europas konservativer Elite den Weg weist; die Rolle des Besserwissers, der sich – wie schon bei der Flüchtlingskrise – der Gegenspielerin Merkel eine Nase voraus wähnt; die Reinwaschung vom Makel, mit extrem rechten Partnern zu regieren; die Hoffnung auf Beißhemmung der Medien, insbesondere – wie es ein ÖVPler ausdrückt – des "Trio infernale" ORF, STANDARD und Falter; und die Einsicht, dass die eigene Partei ein Umweltgewissen braucht: All das mag Kurz’ Faible für die Grünen als Partner genährt haben.

Doch ziehen da die Anhänger, die er auf eine "ordentliche Mitte-rechts-Politik" getrimmt hat, mit? Wer in Parteireihen hineinhört, lernt: Auf dem Land, fernab der Politszene, kämpft die ÖVP gegen einst selbst gestreute Propaganda an – Stichwort: grüne Haschtrafiken.

Lächelnder Stargast

426.000 Wähler haben die Türkisen binnen zwei Jahren von der FPÖ abgesaugt, und einige davon sind an einem Novembernachmittag auf dem Dorfplatz von Aigen im Ennstal anzutreffen. Kurz persönlich hat sich angesagt, um Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer auf den letzten Metern des steirischen Wahlkampfs zu pushen. In Sichtweite, neben der Trafik, setzt der Stargast sein Lächeln auf, das er eine Stunde lang keine Sekunde auslassen wird, und schüttelt dann jede, wirklich jede Hand, die sich ihm aus der Spalier stehenden Menge entgegenstreckt. Kurzer Stopp bei einem Baby im Kinderwagen: "Ist es eh gut eingepackt?"

Locker wie in Zagreb wirkt er dabei nicht, vielmehr hochkonzentriert. Statt unterkühlter Atmosphäre im überheizten Sitzungssaal erwartet ihn hier Glühweindampf bei Temperaturen knapp über null – und ein Publikum, das sich für die grüne Option schwer erwärmt. Vor dem türkisen Siegeszug hatte die FPÖ in dieser Gegend der Obersteiermark bei der Nationalratswahl mancherorts bereits die Oberhand.

"Wer seine Heimat liebt, der spaltet sie nicht": Die finale Absolution erhält Kurz vom frisch verpflichteten Partner Werner Kogler.
Foto: Matthias Cremer

"Die Grünen steigen uns ständig zuwe, treiben überall einen Keil rein, geben koa Ruah‘", tönt es von einem der Stehtische, wo sich ein Grüppchen die Hände an heißen Plastikbechern wärmt. Da sei zum Beispiel die Sache mit den Bäumen, erläutert ein Landwirt im ortsüblichen grau-grünen Schladminger Janker: Manchmal gehöre weggeschnitten, was Bauer und Maschine im Weg stehe, "doch die Greanen kapieren nicht, dass ich heut nimma mit der Sense mähen kann". Alle redeten nur mehr über Klimaschutz, ereifert sich ein Zweiter, "die Greta Thunberg hamma braucht: Des Dirndl hat alle narrisch g’macht." Wohin der Ökowahnsinn führe, erklärt ein Dritter: "Der Wolf frisst die Schaf’ und Rindviecher, und wir importieren das g’spritzte Fleisch."

Unangefochten ist dieses Urteil nicht. Es sind bei der Rundumfrage auch Kurz-Anhänger anzutreffen, die auf Grün setzen, doch mehr plädieren für Blau als Partner. Wichtig sei die Sicherheit und dass Geld nicht in irgendwelchen Löchern versickere, sagt eine Frau nach einer Eloge auf den "Sebastian": "Da war die FPÖ immer eine Barriere." Echt? Und Ibiza? Na gut, zuletzt vielleicht nimma so, aber: "Die Grünen kann der Kurz nicht unter Kontrolle halten." Ein anderer kommentiert knapp: "Sind die Grünen in der Regierung, kimm i ma veroascht vor."

Tage der Konfusion

Solche Einwände bekommt Kurz an diesem Nachmittag nicht zu Ohr. Beim Debattieren in der Menge sieht man ihn auf Wahlplakaten, nicht aber auf dem Dorfplatz von Aigen. Über den Klimaschutz spricht nur Schützenhöfer, Kurz beschränkt sich auf ein paar lobende Sätze über seinen Gastgeber. Dann wartet schon die Schlange der fotobegierigen Fans.

Die Beschwichtigungsoffensive für blauaffine Wähler startet Kurz über andere Kanäle. Die Freiheitlichen haben seit der Wahl viel getan, um sein Diktum vom Mai – "Die FPÖ kann es nicht" – zu bestätigen: Sie haben weder den Mandatar Wolfgang Zanger, der sich nicht von einem Liederbuch mit antisemitischem Text distanzieren wollte, abserviert noch Ex-Innenminister Herbert Kickl, den die ÖVP nach dem Koalitionsbruch zum personifizierten Ausschlussgrund stilisiert hat. Dennoch betrauert Kurz öffentlich, dass sich die FPÖ, ohnehin mit Auswegsmöglichkeit, vorerst auf die Opposition festgelegt hat. Er will es nicht sein, der die Blauen aus dem Spiel genommen hat.

Tatsächlich macht sich in der Vorweihnachtszeit eine Stimmung breit, als könnte die FPÖ doch noch zum Comeback kommen. Das türkis-grüne Verhandlungspapier, so ist zu vernehmen, ist voll mit roten Markierungen, die Dissens bedeuten. Es sind Tage der Konfusion, komprimiert zu spüren an einem Abend in Hübners Kursalon in Wien.

1500 Menschen sollen gekommen sein, als Kurz zu "Punsch & Maroni" lädt, statt groben Lodens dominiert feines Tuch. Wieder stellt sich eine Schlange um Fotos an, doch diesmal ist es Wiener Prominenz mit Aussicht auf Abbildung in den Klatschspalten. Nicht alle tun das so abgeklärt wie der Medienmanager Hans Mahr, der in den ORF-Seitenblicken sagt: "Gibt’s irgendeinen, der g’winnt, sind alle Fan von ihm."

Die wildesten Varianten lancieren und diskutieren Gäste aus dem ÖVP-Umfeld an diesem Abend. Von einer Minderheitsregierung mit FPÖ-Stützung ist plötzlich wieder die Rede, und sogar von der SPÖ als Notnagel. Viel Spin – oder nur Spinnerei?

Tatsache ist, dass sich die Grünen unter Druck gesetzt fühlen, einen übereilten Abschluss abzunicken. Medienberichte künden von weitgehender Einigung in einzelnen Kapiteln. Hinter einem schrägen Artikel über ein angebliches Flutlichtverbot in Stadien zum Schutz von Insekten sehen die Grünen ein türkises Foul, und schließlich bricht der Chef persönlich mit der Usance der Diskretion. Kurz richtet dem Juniorpartner in spe in Interviews aus, was er sich alles abschminken kann – von Vermögenssteuern bis zu einer Abmilderung der umstrittenen Sozialhilfereform.

Hintertür Flüchtlingskrise

Letztere Hürde fällt von allein. Der Verfassungsgerichtshof tut das, was Rechtsexperten prophezeit haben: Die Höchstrichter streichen die zentralen Verschärfungen bei der Sozialhilfe, die ÖVP und FPÖ in Koalition verhängt hatten. Ein handwerkliches Debakel, gewiss – aber politisch? Eineinhalb Jahre lang hat die Schimäre der Sozialhilfekürzung Kurz als Vehikel einer seiner Kernbotschaften gute Dienste geleistet.

Das Prestigeprojekt bleibt das einzige aus türkis-blauen Zeiten, das Kurz bei Abschluss des Koalitionspakts entsorgen muss. Den Grünen gibt er die präventive Sicherungshaft, die separaten Deutschklassen für Ausländerkinder, Steuersenkungen für Konzerne und Aktienbesitzer, ein Kopftuchverbot für Schülerinnen bis 14 Jahre, den Verzicht auf Frauenministerium und Arbeitsagenden zu schlucken. Die ÖVP, oder zumindest ihre Klientel, wird am meisten die CO2-Besteuerung schmerzen – sofern diese kommt. Das Prunkstück des von den Grünen reklamierten Klimaschutzprogramms ist erst einmal zu einer Taskforce verschoben, und eine Hintertür gibt es auch: Im Fall einer Flüchtlingskrise erlaubt der Pakt der ÖVP bei Uneinigkeit gemeinsame Sache mit der FPÖ.

Ein handfestes türkises Programm mit ein paar viel vageren grünen Ergänzungen? Der Eindruck drängt sich derart penetrant auf, dass es Kurz fast peinlich zu sein scheint. Es ist der Tag nach der Angelobung, Kanzler und Vizekanzler sitzen im ZiB-Studio des ORF. Claudia Reiterer und Armin Wolf kommen immer wieder auf die diagnostizierte Schieflage zurück, bis Kurz dazwischenfährt – "weil es unrichtig ist", wie er meint. Dass der ÖVP-Chef einmal zu seinem "Pflichtverteidiger" werde, merkt Kogler an, hätte er sich auch nicht gedacht.

Kurz kann generös sein, er hat sich seinen Applaus längst abgeholt. In Kommentaren internationaler Zeitungen findet sich der Comeback-Regierungschef als treuer Gefolgsmann des Zeitgeists wieder, aber auch als politisches Vorbild über die Landesgrenzen hinaus. Die deutsche Welt adelt ihn zum Pionier eines progressiven Projekts für ganz Europa, der italienische Corriere della Sera schreibt: "Für Bundeskanzler Kurz ist diese Koalition ein Sieg."

Der Imagewandel ist vollzogen: Kurz’ neue Story hat verfangen.

Die finale Absolution erteilt der frisch verpflichtete Regierungspartner am Abend des Neujahrstages, unmittelbar nach erzielter Einigung. Mit in mechanischer Konstanz abgespulter Gestik hat Kurz ein paar unaufgeregte Sätze in die Mikrofone gesagt, jetzt ist der stets etwas verknautscht wirkende Improvisationskünstler an seiner Seite an der Reihe. Es ist nicht lange her, da hat Kogler türkiser Politik noch "primitiv populistisches Kalkül", "absichtliche Bösartigkeit" oder "ideologische Triebtäterei" attestiert, doch nun fällt ein Satz, der wie ein Freispruch klingt. Kurz und ihn eine eines, sagt der Grüne: "Wer seine Heimat liebt, der spaltet sie nicht." (Gerald John, 11.1.2020)