Sie sind der Chef und zugleich einzige Mitarbeiter. Sie hanteln sich von Auftrag zu Auftrag und riskieren dabei, am Ende des Monats finanziell leer auszugehen. Freie Tage gibt es nur auf eigene Kosten. Der Weg zum Arzt ist stets mit hohen Selbstbehalten verknüpft. Lange Krankenstände bedrohen die Existenz. Wer Kredite bei der Bank braucht, sieht sich in der Regel mit deutlich schlechteren Konditionen konfrontiert als klassische Arbeitnehmer.

Österreichs Unternehmen werden von einem Heer aus Einzelkämpfern gespeist. Diese fotografieren für Zeitschriften, therapieren psychische Leiden, pflegen Füße, planen Häuser, verkaufen Versicherungen, entwickeln Software, helfen Kinder zur Welt zu bringen.

So divers die Branchen sind, in denen sie sich Jobs schaffen, so vielfältig sind auch die Gründe für ihren Schritt in die Selbstständigkeit. Sie reichen über die Lust an Innovation und unternehmerischer Freiheit über Hader mit bisherigen Dienstverhältnissen bis hin zu schierer Not. Die Politik zeigte an den Kleinstunternehmern lange wenig Interesse. Nur vereinzelt legte man Pflaster auf gar zu heftig brennende Wunden.

Die Regierung hat einen Plan für Kleinstunternehmer entworfen. Im Detail birgt dieser jedoch Konstruktionsfehler.
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Doch auch wenn Ein-Personen-Unternehmen nach wie vor keine gemeinsame Stimme haben – ihr Ruf nach fairen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die ihre Lebensrealität widerspiegeln, wurde lauter. Die neue Regierungskoalition verspricht nun erstmals, auf deren Bedürfnisse einzugehen. Was erwartet Einzelkämpfer künftig an Erleichterungen? Und wie effektiv sind diese wirklich?

ÖVP und Grüne wollen zum einen in der Abgrenzung von Selbstständigkeit und Dienstverhältnissen mehr Rechtssicherheit schaffen. Zu oft kommt es hier zu Missbrauch. Die Frage ist, wo die Grenze sein wird, bis zu der es den Betroffenen selbst überlassen bleibt, sich festzulegen. Der Haken dabei: Bisher konnten aus ihrer Sicht zu Unrecht ausgelagerte Arbeitnehmer, bei denen sich Unternehmen damit Urlaubs- und Krankengelder sparten, eine Anstellung einklagen. Wird der Begriff des Dienstnehmers klarer umschrieben, sei dieser Weg versperrt, warnt Christoph Lipinski. Der Chef der Vidaflex, die Ich-AGs gewerkschaftlich vertritt, sieht in der Maßnahme eine "gefährliche Drohung."

Was er lobt, ist der Wille zu Entbürokratisierung, der es Einzelkämpfern künftig etwa ersparen könnte, "wie Bittsteller zur Sozialversicherung zu pilgern". Wenngleich vieles dazu noch schwammig formuliert sei. Konkret sollen auch Steuererklärungen für Kleinunternehmer vereinfacht werden.

Reparieren statt wegwerfen

Dass die Regierung das Prinzip "Reparieren statt wegwerfen" nun steuerlich fördern will, könnte gewerblichen Anbietern ebenso gewissen Rückenwind geben.

Viel positives Echo erfährt die geplante leichtere Absetzbarkeit von Arbeitszimmern daheim. 90 Prozent der Selbstständigen arbeiten mobil und überwiegend von zu Hause aus. Eigene Geschäftslokale kann sich nur jeder Zehnte leisten. Bisher stolperten Einzelkämpfer bei einer Steuerprüfung im Extremfall über einen Socken, der aus dem Kasten des Büros in den eigenen vier Wänden kullert. Eine Pauschalierung macht auch dutzende Belege obsolet. Lipinski weist darauf hin, dass sich die öffentliche Hand damit freilich Investitionen in Coworking-Flächen erspart. Und bei Unfällen auf dem Weg zur Arbeit seien Selbstständige weiterhin nicht versichert.

Die Regierung will das Prinzip "Reparieren statt wegwerfen" steuerlich fördern, das könnte die gewerbliche Wirtschaft unterstützen.
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Volker Plass, ehemaliger Wirtschaftspolitiker der Grünen, sieht in vielen Vorhaben der Regierung für Kleinstunternehmer reine Absichtserklärungen, die einen weiten Interpretationsspielraum zulassen. Unterm Strich sei aber viel Sinnvolles dabei, betont er und hebt et wa die geplante Absenkung des GmbH-Mindeststammkapitals auf 10.000 Euro hervor.

Fairness oder Wischiwaschi

Seine eigene Handschrift findet er in einem Gewinnrücktrag analog zur Lösung für Künstler wieder. Vor einem Jahrzehnt schon habe er versucht, dafür Gehör zu finden, erzählt Plass. Bei projektbezogener Arbeit, wie etwa bei jener von Schriftstellern, sorge die Glättung der Bemessungsgrundlage für gerechtere Steuern.

Völlig an den Bedürfnissen der Kleinen vorbei geht für die politische Opposition die pauschale Senkung der KöSt auf 21 Prozent. Die Einzigen, die davon profitierten, seien Konzerne, sagt Christoph Matznetter, Bundesparteikassier der SPÖ. Ein Freibetrag für Kleinstbetriebe oder eine progressive KöST hätten das Budget weit weniger belastet. "Dazu kommen die Wischiwaschi-Bestimmungen für die Sozialversicherung." Matznetter spricht von einem Kniefall der Grünen vor der ÖVP. "Wie kann man das nur so vergeigen?"

Was im Programm fehlt, ist etwa die Abschaffung des Selbstbehalts für Einzelkämpfer bei Arztbesuchen – eine stete Forderung der Grünen. Keine Entlastung gibt es in Zukunft auch beim Krankengeld. Rückwirkend erhalten es Selbstständige erst nach 43 Tagen Krankenstand. Bis dahin laufen alle Kosten ungebremst weiter.

Ein-Personen-Unternehmen in Wien beziehen ein monatliches Medianeinkommen von 1216 Euro, zitiert Lipinski Daten der Statistik Austria. "Viele Leute haben gute Ausbildungen, arbeiten und nagen dennoch am Hungertuch." Verschärfend wirke sich aus, dass manches Start-up nicht darauf angewiesen sei, sich finanziell selbst über Wasser zu halten, und dementsprechend aggressiv am Markt auftrete. Selbstständige, deren Familien davon leben müssen, gerieten zusätzlich in die Bredouille.

Viel positives Echo erfährt die geplante leichtere Absetzbarkeit von Arbeitszimmern daheim.
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Dass sich bei den Selbstbehalten für Selbstständige vorläufig nichts ändert, tue ihr weh, räumt Sabine Jungwirth ein. Ansonsten habe man großes Augenmerk auf Klein- und Mittelbetriebe gelegt, resümiert die Bundessprecherin der Grünen Wirtschaft. "Wir werden hier Druck machen und ihre Anliegen prioritär behandeln."

Zügig angehen will sie die Hürden der Mehrfachversicherungen. Ein großer Teil der Selbstständigen ist zusätzlich in einer Anstellung und zahlt für die soziale Absicherung daher doppelt.

Wichtig ist Jungwirth auch das erstmalige Bekenntnis zur Stärkung der Rolle von Frauen in den Unternehmen, etwa über spezifische Förderprogramme bei Gründungen. "Eigentum und Vermögen sind immer noch stark in Männerhand." Es brauche daher neue Finanzinstrumente, bessere Besicherung und mehr Coaching. "Bisher galt lediglich: Was Männern nutzt, nutzt auch Frauen. Das ist schlicht und einfach zu wenig."

Stärkerer Rückenwind

Auf mehr Rückenwind hofft zudem Österreichs Start-up-Szene. Selma Prodanovic, Mitgründerin des European Business Angel Network, ortet diesen in den geplanten Steuererleichterungen für Investitionen privater Geldgeber in innovative Jungunternehmer. Erfreulich für Start-ups sei auch die Reform der Rot-Weiß-Rot-Karte, die mehr gut ausgebildete Fachkräfte ins Land bringen soll.

Prodanovic macht mehr Willen aus, Unternehmertum zu lehren und ihm ein besseres Image zu verpassen. "Es muss ja nicht jeder Gründer werden. Aber ein wenig mehr Proaktivität bringt der gesamten Gesellschaft etwas." (Verena Kainrath, 11.1.2019)