Original: Christian Taylor: How long is it that you get pushed? Enough is enough!

Es geht nicht um mich. Das ist keine Christian-Taylor-Angelegenheit. Aber ich musste etwas tun, es war höchste Zeit. Deshalb habe ich die Athletics Association ins Leben gerufen, eine Organisation für alle Leichtathletinnen und Leichtathleten weltweit. Gerechtigkeit und Fairness sind mir wichtig, so bin ich erzogen worden. Ich habe eine jüngere Schwester, Kaitlyn. Unsere Eltern haben sich immer bemüht, uns gleich zu behandeln, mit dem gleichen Respekt, mit der gleichen Aufmerksamkeit. Sie haben uns gleich viel Liebe geschenkt, sie haben uns dieselben Chancen gegeben.

Christian Taylor wurde 2011, 2015, 2017 und 2019 Weltmeister sowie 2012 und 2016 Olympiasieger.
Foto: APA/AFP/GETTY IMAGES/Harry How

Auch die Leichtathletik hat mehrere Kinder, ihre verschiedenen Disziplinen, aber sie hat diese Kinder von Anfang an nicht gleich behandelt. Es hat immer an Fairness gemangelt. Und der Weltverband, der sich jetzt World Athletics nennt, hat den Schaden nicht behoben, sondern vergrößert. Die Kinder der Leichtathletik haben nie die gleichen Chancen bekommen, nie die gleiche Aufmerksamkeit, nie den gleichen Respekt.

Jetzt hat der Weltverband mit einem Schnellschuss diverse Sparten aus dem Programm der Diamond League gestrichen, den Dreisprung, den Diskuswurf, die 200 Meter und den 3000-m-Hindernislauf. Für viele Aktive ist das ein Nackenschlag. Die Diamond League ist die wichtigste Meetingserie, hier kann man seine Sponsoren in die Auslage stellen, gutes Preisgeld verdienen, in großen Stadien vor vielen Zusehern antreten.

"Wir werden im Unklaren gelassen. Es ist durch und durch ungerecht."

Angeblich wurde vorher abgefragt, wie populär die einzelnen Disziplinen sind. Aber wie soll eine Disziplin, die dreißig Sekunden lang im TV zu sehen ist, ähnlich populär sein wie ein Event, von dem fünf Minuten lang berichtet wird? Vor einem Finale im 100-m-Lauf werden die Läufer vorgestellt, man sieht das Rennen, eine Wiederholung des Rennens, die Ehrenrunde, die Siegerehrung. Natürlich hat das Publikum dafür mehr Verständnis entwickelt als für den Dreisprung oder den Diskuswurf.

Dazu kommt: Niemand hat je ein Ergebnis dieser Umfrage gesehen. Hätte der Weltverband tatsächlich das Publikum oder die Meetingveranstalter befragt, dann hätte er das Resultat veröffentlichen müssen. Daran hätte man sich orientieren können. In der Leichtathletik geht es immer um Messbarkeit, um Zahlen. Zahlen lügen nicht. Aber hier wurden nie Zahlen auf den Tisch gelegt. Wir werden im Unklaren gelassen. Es ist durch und durch ungerecht.

Christian Taylors Bestmarke im Dreisprung beträgt 18,21 Meter, aufgestellt am 27. August 2015 in Peking.
Foto: APA/AFP/ANTONIN THUILLIER

Die Athletics Association wächst ständig. Bis dato haben sich gut 500 Sportlerinnen und Sportler registriert. Wir haben viel Büroarbeit zu erledigen, um die Association registrieren zu lassen. Bis dato handelt es sich ja vor allem um ein Konzept. Doch wir wollen auf rechtlich stabilen Beinen stehen, das ist nötig, um in der Öffentlichkeit und in der Leichtathletikszene anerkannt zu sein.

Ich kontaktiere Athletinnen und Athleten, Coaches und Manager auf der ganzen Welt. Wir wollen alle erreichen, jedes Land, jeden Markt. Ich hänge pausenlos am Telefon. Zum Glück befinde ich mich in der Vorsaison, im Trainingsaufbau. Eigentlich sollte ich mich voll auf den Sport fokussieren. Aber ich musste, wir mussten reagieren. Der Weltverband hat die Olympia-Vorbereitung vieler Athletinnen und Athleten gefährdet. Es sind wenige Monate bis zu den Sommerspielen in Tokio, und viele müssen ihr Training umkrempeln.

"Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man aufstehen und sagen muss: genug ist genug!"

Man wird pausenlos herumgestoßen. Aber wie lange lässt man sich das gefallen? Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man aufstehen und sagen muss: genug ist genug!

Ich bin in meinem Training sicher beeinträchtigt. Emotionell und auch körperlich bin ich nicht zu hundert Prozent bei der Sache. Aber wenn ich unsere Fortschritte sehe, wenn ich sehe, wie viele Leute sich registrieren, gibt mir das eine Menge.

Christian Taylor und seine Verlobte, die österreichische Hürdensprinterin Beate Schrott.
Foto: Olaf Brockmann

Vor einigen Wochen war ich in Wien. Ich bin mit Beate Schrott verlobt, sie hat ihr Medizinstudium abgeschlossen, ich war bei der Promotion dabei, das ist natürlich gefeiert worden. Dass sie ihren Doktor geschafft hat, war unglaublich inspirierend. Sie ist ein echtes Vorbild, aber nicht nur für mich, sondern für viele Athletinnen und Athleten. Sie hat viel Energie in ihr Studium gesteckt. Es ist bewundernswert, dass sie daneben auf höchstem Level trainiert hat, dass sie sich im Hürdensprint für Olympische Spiele und Weltmeisterschaften qualifizieren konnte, dass sie 2012 Olympia-Achte war.

Wieso haben die Aktiven so wenig Einfluss? Wie konnte es so weit kommen? Ich denke, wir haben es einfach zugelassen. Vor vielen Jahren hat jemand festgestellt, dass sich Athleten auf ihre Performance konzentrieren sollen und den Rest, die Organisation, die Politik, in andere Hände legen sollen. Das ist dann einfach eine Norm geworden, eine Kultur.

"Wir wollen eine Stimme haben, in jedem Council, bei allen Entscheidungen. Wir gehören dorthin."

Und heute sind wir dort angelangt, dass Athleten praktisch gar nicht mitbestimmen können, wohin sich ihr Sport bewegt.

Natürlich fordere ich nicht, dass ein Athlet dem Weltverband vorstehen soll. Das wäre unrealistisch. Du kannst nicht permanent rund um die Welt fliegen, so viel Politik und Organisatorisches um die Ohren haben und gleichzeitig sportliche Spitzenleistungen zeigen. Das geht nicht. Aber Einfluss ist wichtig. Athleten sollen mit am Tisch sitzen. Wir wollen eine Stimme haben, in jedem Council, in jeder Kommission, bei allen Entscheidungen. Wir gehören dorthin.

Christian Taylor hinterlässt im Dreisprung seine Spuren.
Foto: APA/AFP/GETTY IMAGES/Harry How

Athleten sind jung, und junge Menschen können sehr kreativ und innovativ sein.

Zugegeben, auch im Weltverband gibt es eine Athletenkommission. Aber welches Mitspracherecht hat man dort? Welchen Einfluss? Ich glaube, dort sind manchmal auch Athleten gesessen, die nicht einmal den Kopf gehoben haben. Geschweige denn, dass sie sich gegen etwas gewehrt hätten. Wer unter dem Dach des Verbandes sitzt, muss stillhalten, damit er nicht rausgekickt wird.

"Ich sage: WIR gehen es an! Das ist keine Christian-Taylor-Anstrengung. Das ist Teamwork."

Darum ist die Association so wichtig. Sie muss unabhängig sein und wird immer unabhängig sein. Sie muss nicht befürchten, irgendwo rausgekickt zu werden.

Ich habe von Jean-Marc Bosman gehört. Er hat mit seiner Klage im europäischen Fußball Bahnbrechendes erreicht. Wenn man sich in zwanzig Jahren im Zusammenhang mit einer Athleten-Organisation an meinen Namen erinnert, hätte ich nichts dagegen, das würde mich freuen. Aber das ist nicht mein Antrieb. Ich sage: WIR gehen es an! Das ist keine Christian-Taylor-Anstrengung. Das ist Teamwork.

Christian Taylor bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2019 in Doha.
Foto: APA/AP Photo/Hassan Ammar

Ich hätte schon früher aufstehen sollen. Ich habe mich in den letzten Wochen unzählige Male bei Hammerwerfern entschuldigt, die seit Jahren von vielen Meetings ausgeschlossen sind. Ich habe ihnen gesagt, dass ich jetzt erst verstehe, wie sie sich gefühlt haben müssen. Mir sind die Augen geöffnet worden, natürlich auch, weil ich als Dreispringer jetzt selbst betroffen bin. Es war wie ein Schlag ins Gesicht.

Es ist klar, dass nicht immer alle mit allem zufrieden sein können. So ist das Leben. Aber jetzt ist der Bogen überspannt worden.

Vor Jahren hatten die Schwimmer etwas Ähnliches vor. Sie drohten mit der Gründung einer eigenen Meetingserie, der Verband musste nachgeben und auf ihre Forderungen eingehen. Die Tennisspieler haben gedroht und haben bessere Bedingungen erreicht. Diese Sportarten inspirieren uns. Wir sind die Entertainer, wir sind die Show. Wegen uns kommen die Leute ins Stadion, von uns werden die Zuseher inspiriert.

"Wir dürfen die Show nicht kürzen. Wir müssen die Show besser machen."

Der Weltverband will das Programm der Meetings von zwei Stunden auf eineinhalb Stunden reduzieren, um fürs Fernsehen attraktiver zu werden. Das ist, mit Verlaub, Nonsens. Eineinhalb Stunden! Du kannst doch nicht sagen, zwei Stunden sind langweilig, aber dreißig Minuten weniger sind die Lösung. Natürlich kann eine gute Show zwei Stunden dauern. Unzählige Menschen geben sich sechs Stunden Golf, und die Leichtathletik soll es nicht schaffen, zwei Stunden lang die Zuseher zu fesseln? Wir dürfen die Show nicht kürzen. Wir müssen die Show besser machen.

Herr der Ringe, Harry Potter und so weiter, es gibt unzählige Kinofilme, die länger als zwei Stunden dauern. Und selbst Kinder haben kein Problem damit. Entscheidend ist die Qualität einer Show, nicht ihre Länge.

Im Mittelpunkt des Interesses.
Foto: Reuters/Bensch

Der Weltverband hat einen Schnellschuss abgefeuert. Ich sage nicht, dass wir alle Antworten haben. Aber wieso wurden wir nicht gefragt, wieso hat niemand mit uns geredet? Es sind so viele Fragen offen. Man sagt uns, die Leichtathletik müsse neue Wege gehen. Okay, das ist ja kein Problem. Es gibt niemanden, der dagegen wäre.

Wenn man jetzt mit den verantwortlichen Herrschaften an einem Tisch sitzt, kriegt man nur zu hören, dass für das Jahr 2020 alles schon unter Dach und Fach ist. Keine Chance, an der Entscheidung noch zu rütteln. Wir müssen auf 2021 warten. Das ist enorm frustrierend.

"Mir wurde diese Chance genommen, ich kann mich nicht mehr mit ihm messen."

Die 200 Meter wurden gestrichen, weil es angeblich eine Überschneidung mit den 100 Metern gibt. So ein Unfug. Nicht jeder 200-m-Läufer ist auch ein guter 100-m-Läufer. Und es sollte die Entscheidung jedes und jeder Einzelnen sein, ob er oder sie 100 Meter oder 200 Meter oder beides laufen will.

Es gibt zwei Athleten, die bei sieben Gesamtsiegen in der Diamond League halten. Der eine ist der französische Stabhochspringer Renaud Lavillenie. Der andere bin ich. Wir liegen ex aequo. Renaud kann jetzt auf seinen achten Erfolg losgehen, ich kann das nicht. Mir wurde diese Chance genommen, ich kann mich nicht mehr mit ihm messen.

Nächstes Ziel: Olympia 2020 in Tokio.
Foto: APA/AFP/GETTY IMAGES/Harry How

Ob ich deshalb aufhören wollte? Nein, daran hab ich nie gedacht. Der Sport, mein Sport, ist so viel größer als die Diamond League. Die Leichtathletik hat Tradition, hat Geschichte, ist ein Eckpfeiler der olympischen Bewegung. Und natürlich ist und bleibt es mein Traum, in Tokio meinen dritten Olympiatitel in Serie zu holen.

Auch Streik war keine Option. Ich will mich nicht mit Gott und der Welt anlegen, so war ich nie. Die Association will auch mit dem Weltverband zusammenarbeiten, wir können nur gemeinsam etwas erreichen. Auf gar keinen Fall wollen wir die Zuseher vergraulen, das wäre der allergrößte Schaden.

"Niemand soll sich alleingelassen fühlen. Wir wollen alle vertreten, uns für alle einsetzen."

Ich hoffe, dass ich in einem Jahr mit der Athletes Association nicht mehr so angehängt bin. Ich hoffe, dass wir dann schon Einfluss haben und in der Leichtathletik keine wichtige Entscheidung mehr ohne uns getroffen werden kann.

Ich hoffe, dass dann jede Athletin und jeder Athlet bei uns Mitglied ist. Wenn jemand ein Problem hat, soll er tausend Kolleginnen und Kolleginnen an seiner Seite wissen. Niemand soll sich alleingelassen fühlen. Wir wollen alle vertreten, uns für alle einsetzen.

Wir stehen nicht bloß im Mittelpunkt der Show, wir sind die Show. Das Programm der Meetings wieder zu verändern, ist nur ein Schritt, den wir setzen wollen. Die Association hat sich viele Ziele gesteckt. Über allem steht, dass wir gehört werden wollen. Es ist höchste Zeit. (8.2.2020, Zugehört und aufgezeichnet hat: Fritz Neumann)