Yep, es klingt absurd. Aber ich schaue mir stundenlang und voller Faszination Bilder von Jausenboxen an. Ich folge der zweifachen Mutter schon seit einigen Monaten auf Instagram. Heute hat sie den Kindern selbstgedörrtes Obst mit Nüssen, dazu Overnight Oats (der Hipster-Name für eingeweichte Haferflocken) und Minivollkornbrotsticks mit Frischkäse-Dip mitgegeben – perfekt drapiert in einer dieser sauteuren Edelstahlboxen. Ich überlege, was mein Kind heute gegessen hat. Am Morgen waren wir wieder mal spät dran. Ich habe dem Zweijährigen ein Honigbrot geschmiert, aber der wollte lieber noch Feuerwehr spielen. Das Ergebnis: Wir sind in letzter Sekunde aus dem Haus gehetzt. Als Frühstück musste die obligatorische Breze vom Bäcker ums Eck herhalten. "Unser Sohn sollte mehr Gemüse essen", sage ich zu meinem Mann, während ich die zu Sternen ausgestanzten Gurken auf den Bildern der Insta-Mum bewundere. Der nickt.

Backe, backe Kuchen, der Perfektionismus hat gerufen.
Foto: Getty Images/RyanJLane

Das perfekte Hausmütterchen ist wieder in

Wenn mir tagsüber zu viele gefilterte Fotos von Mama-Bloggern in den Feed gespült werden, erwischt mich abends das schlechte Gewissen. Also backe ich noch schnell Muffins. Vollkorn-Muffins, logisch. Statt Zucker gebe ich ein bisschen Agavendicksaft rein. Das Problem ist nur: Mein Sohn rührt die Dinger nicht an. "Schooooookolade!!!!", brüllt er stattdessen. Die Muffins scheinen ihn aggressiv zu machen.

Ich kann es ihm nicht verdenken. Mich machen sie genau genommen auch aggressiv. Sie schmecken nicht. Vor allem aber habe ich keine Lust und viel zu wenig Zeit, etwas zu backen. Ich bin seit gut einem Jahr wieder zurück in meinem Job, hetze zwischen Kinderkrippe und Büro hin und her und leide unter einem massiven Schlafmangel. Unser Sohn hat noch einen ziemlich unruhigen Schlaf, meist ist er bei uns im Bett. Drei bis fünf Mal wache ich pro Nacht im Schnitt auf. "Gebt ihn halt in ein eigenes Gitterbett", rät die Freundin. Ja, eh, nur klettert er immer wieder raus und zu uns ins Bett. Es bräuchte schon einen Käfig, um ihn vom nächtlichen Umzug abzuhalten.

Außerdem empfehlen zahlreiche Pädagogen die bedürfnisorientierte Erziehung, weil sie für eine besonders starke Bindung zwischen Eltern und Kind sorgen soll. Beim "Attachment Parenting" darf das Kind selbst bestimmen, was es braucht. Man stillt das Baby, solange es will, trägt es die meiste Zeit im Tragetuch ganz eng am Körper und lässt es auf keinen Fall auch nur eine Sekunde schreien. Das haben mein Mann und ich alles durchgezogen, es ist unser erstes Kind, wir wollten möglichst alles richtig machen.

Was wir aber bemerkt haben: Attachment Parenting ist wie die Eingangstür in die Hölle des Perfektionismus. Zuerst trägst du das Kind im Tragetuch, ein paar Monate später sitzt du mit anderen Bobo-Müttern im Babyzeichensprachkurs (gibt es wirklich!) und besuchst Pekip-Gruppen. Was das ist? Weiß ich auch nicht so genau, aber auf Wikipedia steht: "Das Prager Eltern-Kind-Programm ist ein Konzept für die Gruppenarbeit mit Eltern und ihren Kindern im ersten Lebensjahr, das im Rahmen einer Krabbelgruppe den Prozess des Zueinanderfindens unterstützen soll und auf eine Frühförderung der Babys sowie einen Erfahrungsaustausch der Eltern abzielt." Der Erfahrungsaustausch läuft dann etwa so ab: "Also, wir lassen die Kleine noch nicht beim Babysitter, schließlich kann sie sich noch gar nicht mitteilen, ob es für sie okay ist", verrät eine Mutter – beifallsheischender Blick in die Runde. Und ihr so?

Schon habe ich das Gefühl, nicht genug zu sein. Oder gar eine Versagerin zu sein. Dass ich ein abgeschlossenes Studium, einen tollen Job und auch sonst noch Interessen habe, ist egal. Stattdessen versuche ich permanent das perfekte Hausmütterchen zu sein, das biologisch einwandfreie Kekse bäckt und ebenso ästhetische wie gesunde Inhalte für Jausenboxen kreiert? Das natürlich auf den Babysitter und damit einen kinderlosen Abend mit dem Partner verzichtet, nur um die Bindung zwischen Mutter und Sohn nicht zu gefährden? "Bedürfnisorientiert, vollwertig, selbstgemacht" – so könnte der Slogan für die moderne Stadtmutti lauten. Plötzlich ist es wieder wichtig, dass man alles selbst bastelt, selbst bäckt, selbst näht. Haben wir uns in den letzten Jahrzehnten von unserem Hausfrauendasein emanzipiert – um jetzt einem vermeintlich neuen Ideal hinterherzuhecheln, das uns wieder Nähkurse besuchen und DIY-Kinderspielzeug auf unserem Mami-Blog teilen lässt?!

Dauerstress und schlechtes Gewissen

Der Spagat zwischen Beruf und Familie ist schon schwer genug. Was Eltern-Burnout ungefähr sein kann, weiß ich erst, seit ich selbst Mutter bin. Die Zahl der psychisch kranken Mütter ist in den letzten Jahren stark gestiegen – das ist kein Geheimnis. Das Deutsche Müttergenesungswerk führt darüber kontinuierlich Statistik. Die Zahl der Mütter mit Erschöpfungssyndrom hat sich laut Geschäftsführerin Anne Schilling von 2004 bis 2012 um mehr als dreißig Prozent erhöht. Derzeit noch keine Besserung in Sicht.

Schon in der Karenz habe ich mich oft ausgepowert gefühlt, weil man als junge Mutter unter einem ständigen Mangel lebt: zu wenig Zeit für sich, zu wenig Zeit für die Beziehung, zu wenig Zeit für erholsamen Schlaf. Zurück im Job ist es nicht besser geworden. Dazu kommt natürlich das permanente schlechte Gewissen, weil man das noch viel zu kleine Kind fremdbetreuen lässt. Doch was ist die Option? Wenn man schnell wieder arbeiten geht, ist man eine Rabenmutter, bleibt man zu Hause, droht die Altersarmut.

Nur lieb haben reicht nicht mehr

Immerhin bin ich nicht allein mit diesem Dilemma. In meinem Freundeskreis wimmelt es nur so von Frauen, die scheinbar alles haben, was es für ein glückliches Leben braucht: tolle Kinder, toller Job, toller Mann. Woran liegt es also, dass wir uns überfordert fühlen, obwohl so vieles gut ist? Weil uns Erziehungsratgeber sagen, was wir alles tun und nicht tun sollen, weil Wissenschafter warnen, was sonst alles passieren könnte, und weil uns andere Eltern eine perfekte Familienidylle vorgaukeln. Die Kinder einfach nur lieb zu haben, das reicht offenbar schon lange nicht mehr.

Eine meiner Freundinnen, auch Mama, sitzt mit ihrem Rosé im Wohnzimmer und sagt: "The struggle is real." Ein absurdes Bild. Wir befinden uns in einer völlig privilegierten Situation, leben in Freiheit und Wohlstand – und dennoch quält uns ständig die Frage, ob wir als Eltern gut genug sind. Wenn ich einen Weltrekord brechen möchte oder mir vornehme, dass ich den Marathon laufe, dann kann ich sagen: Das war eine gute Leistung. Doch wann weiß ich als Mutter oder Vater, ob meine Leistung gut ist? Nach oben hin sind quasi keine Grenzen gesetzt – es bleibt einem nur der Vergleich. Am Ende bäckt man also zuckerfreie Dinkel-Muffins. (Nadja Kupsa, 7.2.2020)