Im Gastkommentar erläutert der Bildungswissenschafter Josef Christian Aigner, warum Lehrerinnen und Lehrer, Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen gegen die Ziffernnotenpflicht aufstehen müssen.

Das "Ländle" war von jeher ein Garant für Widerstand gegen vom Bund verordnete Maßnahmen, die den Vorarlbergern nicht passten. Legendär wurde 1964 die Gemeinde Fußach, wo ein bis in den Nationalrat reichender Protest gegen die Taufe eines Motorschiffs nach Karl Renner verhindert wurde. Nun scheinen die Gemeinden Lustenau und Frastanz Vorreiterrollen für eine zu erhoffende Beseitigung einer Bundesregelung, des Notenzwangs in Grundschulen und vielleicht – endlich – überall, bis hin zur Universität, zu übernehmen. Der Protest sieht vor, dass alle Schülerinnen und Schüler in allen Fächern ein "Gut" bekommen, was die pseudoobjektive Beurteilung per Ziffernnote ad absurdum führt.

In zwei rebellierenden Schulen bekommen alle Schülerinnen und Schüler ab der zweiten Volksschulklasse ein "Gut" im Semesterzeugnis.
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Die Volksschulen Lustenau-Kirchdorf und Frastanz-Hofen widersetzen sich tatkräftig und zum Teil mit Elternunterstützung diesem bildungspolitisch restaurativen türkis-blauen Regierungsbeschluss von 2018, wonach ab der zweiten Klasse Volksschule die Ziffernnote als Leistungsbeurteilung wieder verpflichtend wurde. Direktoren wie Lehrpersonal kommen dabei mit der Bildungslandesdirektion ganz schön in Konflikt. Diese reagieren – nach anfänglicher Sympathie – bürokratisch wie gewohnt: Anstatt bundesweit samt zuständigen Stellen im Bundesministerium einen intensiven Diskussionsprozess in Gang zu setzen, bedroht man die Protestierenden mit dienstrechtlichen Schritten.

Ideologie statt Fachlichkeit

Dieses scheinbar kleine Problem zeigt auch das große Problem der Bildungspolitik generell: Anstatt die schulpädagogische Forschung, die hier ganz eindeutig ist, zu respektieren, verlässt sich die Politik auf fragwürdige, ideologisch offenbar voreingenommene Beraterinnen und Berater, die einer völlig verkrusteten Leistungsideologie anhängen ("Sonst lernen s’ nix mehr"). Warum aber kann beim Wichtigsten unserer Gesellschaft, den Kindern und Heranwachsenden, nicht eine fachliche Expertise, gewonnen durch den Diskurs der besten Fachleute, als Entscheidungsgrundlage dienen?

Seit langem wissen wir, dass Ziffernnoten nicht die notwendigen Bedingungen für gerechte und sinnvolle Beurteilung erfüllen. Sie sind alles andere als eine "transparente, nachvollziehbare Leistungsbeurteilung", wie es im Bundesgesetzblatt fälschlicher Weise heißt. Denn weder messen sie "objektiv" (verschiedene Lehrerinnen und Lehrer bewerten gleiche Leistungen sehr unterschiedlich); noch sind sie "valide" (sie messen vieles anders als die Leistung, wie etwa schichtspezifische Sprachversiertheit, selbstbewusstes Vortragen) und auch nicht "reliabel" (die exakt gleiche Arbeit wird nach einiger Zeit durch dieselbe Lehrperson anders benotet). Alles das ist seit Jahrzehnten empirisch nachgewiesen.

Messbetrüger Ziffernnote

Es gibt genügend praktizierte Beispiele alternativer Leistungsbeurteilung: so zum Beispiel die von dem bedeutenden oberösterreichischen Schulpädagogen Rupert Vierlinger entwickelte "direkte Leistungsvorlage". Anstatt weiter dem "Notenfetischismus" zu frönen, wie er sagte, entwickelte er eine Dokumentationsmethode über das Gekonnte und Erreichte, in die auch wichtige Faktoren wie Kooperation und sozialer Zusammenhalt Eingang finden – etwas, was bei der individualisiert-konkurrenzhaften Ziffernnote überhaupt nicht vorkommt. Auch andere Bewertungsformen wie "Lernstandsprofile", "Portfolios", ja sogar Selbstbewertungen der Schülerinnen und Schüler – die ganz schön streng ausfallen können! – sind in anderen Ländern Europas längst erprobt, eingeführt und haben sich bewährt.

Häufig meinen Unkundige – bis hinauf zu Unterrichtsministerinnen und -ministern –, Noten würden zum Lernen motivieren. Für Leistungsschwächere aber sind sie bestenfalls eine Angst- und Beschämungsquelle. Bei sinnvollem Lernen geht es doch nicht um Endnoten, sondern um Inhalte, die motivieren sollten, um Begeisterung für dies und jenes und auch um das Zutrauen, dass es erreichbar und erlernbar ist. Inhaltliche Dokumentationen, auch eine gut differenzierte verbale Beurteilung setzen genau darauf: auf Inhalte und auf den Weg dorthin, auch auf die Berücksichtigung der Mühe, die ein Schüler, eine Schülerin damit hat. Wir können also aus fachlicher Sicht von einem "Messbetrüger Ziffernnote" sprechen.

Zeugniszeit – Krisenzeit

Erst recht entlarvt sich dieses System als eines der Kindergefährdung in der Zeugniszeit: Schlechte Noten führten immer wieder zu suizidalen Krisen bei Schülerinnen und Schülern. Sicher ist eine schlechte Note allein kein Suizidgrund – aber als Auslöser bei sonstigen unglücklichen Umständen diente sie allemal. Nicht von ungefähr richten gerade jetzt verschiedene Medien wegen der Zeugnisse "Krisentelefone" ein, wo in ihrem Selbstwert getroffene Schülerinnen, Schüler oder deren Eltern sich melden konnten. Ist das nicht blanker Hohn, ein System, für das wir schließlich Krisenintervention brauchen? Insofern ist der Boykott, den diese zwei Schulen hier veranstalten – und der hoffentlich weitere Kreise zieht – eine aus fachlicher Sicht allseits zu unterstützende Maßnahme. Die pädagogischen Hochschul- und Universitätsinstitute sind dringend gefordert, bei dieser Frage öffentlichkeitswirksam unterstützend tätig zu werden. (Josef Christian Aigner, 7.2.2020)