Schwarzes Mascherl, weißes Hemd – und dann das: Der Schauspieler Billy Porter trat vor einem Jahr in einem dramatischen Smoking-Abendkleid-Hybrid aus Samt vor die Kameras. Ein männlicher Schauspieler in einer bodenlangen Abendrobe, das gab es noch nie bei den Oscars. Auch wenn das Smokingkleid zwischen all den schwarzen Anzügen auf den ersten Blick wie ein Irrläufer wirkte, die Presse jubelte: end-lich!

Der amerikanische Designer Christian Siriano hat mit dem maßgeschneiderten Stück einen Nerv getroffen, Porter selbst gab an, sein Outfit als politische Botschaft zu verstehen. Er, der schwarze, schwule Star der Netflix-Serie Pose, wolle das Blitzlichtgewitter nutzen, um Dresscodes infrage zu stellen: Sehen die Hollywoodmänner in ihren Smokings nicht alle gleich aus? Hat nicht unlängst Gucci-Designer Alessandro Michele erklärt, dass man seine Männlichkeit nicht mehr mit einem Anzug beweisen muss?

Billy Porter 2019 im Smokingkleid von Christian Siriano
Foto: Jordan Strauss/Invision/AP

Der Wagemut hat sich für den Schauspieler, seinen Stylisten Sam Ratelle und Designer Christian Siriano gelohnt: Kaum ein Artikel über die letztjährigen Oscars kam ohne Lobgesang auf Billy Porters Smokingkleid aus, die Outfits der weiblichen Stars gerieten zum ersten Mal ins Hintertreffen.

Diversität und Gleichberechtigung

Die breite Zustimmung für solche Mode-Statements ist neu, verwundert aber wenig. Der Zeitgeist verlangt nach Haltung. Mit #MeToo habe sich etwas verändert, auf dem Teppich "herrsche mehr Freiheit, das Styling falle politischer aus", erklärte unlängst die Hollywoodstylistin Karla Welsh gegenüber der New York Times. Die in Wien arbeitende, auf Roben spezialisierte Designerin Michel Mayer beobachtet, dass die Kleider bei Events wie den Oscars seit dem Weinstein-Skandal "subtiler, weniger offenherzig" ausfielen, die Auftritte andererseits dank der Stylisten oft mutiger gerieten.

Immer häufiger dienen Red-Carpet-Kleider dazu, politische Botschaften zu verbreiten: für Gleichberechtigung, für Diversität, für Nachhaltigkeit. Nicht immer sprechen sie eine so eindeutige Sprache wie das Smokingkleid von Billy Porter oder wie die Parade an schwarzen Kleidern, die Reese Witherspoon, Meryl Streep und Kolleginnen 2018 zu den Golden Globes initiierten, um ein Zeichen gegen sexuelle Belästigung und Gewalt zu setzen.

Dresscode Nachhaltigkeit

In diesem Jahr kommen neue Dresscodes ins Spiel. So empfahl das Organisationskomitee der British Academy Film Awards (Bafta) den Geladenen, zu den vergangene Woche verliehenen Awards in Vintage, geliehenen Kleidern oder Entwürfen nachhaltig arbeitender Modedesigner zu erscheinen – also quasi mit der Outfitauswahl einen Beitrag gegen den Klimawandel zu leisten. Das war den meisten Stars dann doch zu viel verlangt. Die irische Schauspielerin Saoirse Ronan war eine der wenigen, die der Aufforderung folgte. Sie erschien in einem Kleid von Gucci, das aus Stoffresten gefertigt worden war. Eine zumindest in PR-Belangen gelungene Aktion: Nicht nur Ronan, auch das zum Luxuskonzern Kering gehörende Modehaus konnte sich medial mit dem Bemühen um "sustainability" schmücken.

In die Riege jener Stars, die um die hohe Image-Wirksamkeit des fashionablen Nachhaltigkeitsbekenntnisses wissen, reiht sich auch Oscar-Kandidat Joaquin Phoenix (Joker): Er will alle anstehenden Preisverleihungen in diesem Jahr mit einem einzigen, freilich vorbildlich produzierten Tuxedo von Designerin Stella McCartney bestreiten. Zwar mag es für viele Menschen da draußen sehr normal sein, zu mehreren Anlässen denselben Smoking oder dasselbe Kleid hervorzukramen – für Hollywood wirkt es fast wie eine kleine Revolution, freudig beklatscht von Lifestyle-Magazinen. Natürlich kann man die Vorbildfunktion der Stars nutzen, viel nachhaltiger wirkt aber das, was sich hinter den Kulissen in Sachen Diversität tut. Fanden sich in der Bestenliste der "25 einflussreichsten Stylisten in Hollywood" des Branchenmagazins Hollywood Reporter lange Zeit vor allem weiße Star-Ausstatter, so wurden 2019 erstmals sechs schwarze Stylisten ausgezeichnet. Darunter Jason Bolden, Star der Netflix-Serie Styling Hollywood und spezialisiert auf das Einkleiden schwarzer Stars wie die Schauspielerin Cynthia Erivo, die heuer als beste Hauptdarstellerin für Harriet nominiert ist. Mit seiner Arbeit will Bolden mehr als nur Designerkleider drapieren, er möchte ein neues schwarzes Selbstbewusstsein vermitteln.

Jason Bolden in der Netflix-Serie Styling Hollywood
Netflix

Mehr als ein Laufsteg der Eitelkeiten

Der 275 Meter lange, zehn Meter breite Teppich, der einmal im Jahr vor dem Dolby Theatre auf dem Hollywood Boulevard ausgerollt wird, ist längst mehr als ein Laufsteg der Eitelkeiten. Er ist ein Schlachtfeld von Designern, Stylisten und Großkonzernen. Es gehe mittlerweile vor allem um "Markenbotschaften und Geld", erklärt der österreichische Designer Thomas Kirchgrabner. Gegen die Strahlkraft des Red Carpet auf dem Hollywood Boulevard kommt keine Fashion-Show an: 29,6 Millionen US-Zuschauer verfolgten das Event im letzten Jahr, über drei Millionen mehr als 2018.

Angelina Jolie in einem geschlitzten Kleid von Versace 2012
Foto: imago/Cinema Publishers Collection/Michael Yadax

Kein Wunder, dass sich in den Wochen vor den Oscars Gucci, Armani, Versace Fights um jeden Zentimeter Schauspielstar leisten. Besonders begehrt sind die Nominierten, an deren Rockzipfeln eine Armada hungriger Hollywoodstylisten hängt. Sie kämpfen um exklusive Looks und Deals mit den Modehäusern: Ihre größte Angst ist es, dass der Schützling auf einer "Worst dressed"-Liste landet. In Zeiten von Social Media entsteht schließlich schnell einmal ein Shitstorm. Angelina Jolies geschlitztes Kleid von Versace mäanderte 2012 durchs Internet, ihr nacktes Bein bekam einen eigenen Twitter-Account. Die Schauspielerin war "not amused", sie feuerte Stylistin Jen Rade. Umgekehrt kann ein gelungenes Styling den Marktwert steigern: 2001 wurde Julia Roberts für ihr Vintagekleid von Valentino bejubelt. 2014 feierten Modekritiker die als beste Nebendarstellerin ausgezeichnete Schauspielerin Lupita Nyong’o für ihr babyblaues Prada-Kleid, es folgte ein Deal mit dem Kosmetikkonzern Lancôme.

Julia Roberts 2001 in einem Vintagekleid von Valentino
Foto: TIMOTHY A. CLARY / AFP / picture

Um die Hysterisierung des Red-Carpet-Geschäfts zu verstehen, muss man die Geschichte des purpurroten Teppichs aufrollen. 1961 wurde er in L.A. zum ersten Mal ausgelegt, die Parade der eintreffenden Schauspieler wurde wie die Zeremonie im TV übertragen. Wurden die Stars in den 1960er-Jahren noch schnell ins Auditorium geschoben, kommen sie heute vor hunderten Kameras nur schrittweise voran.

Barbara Streisand 1969 im transparenten Outfit
Foto: imago/ZUMA Press

Bissige Kommentare

Nachhaltig verändert aber hat die Filmevents die Red-Carpet-Show der Komikerin Joan Rivers und ihrer Tochter Melissa. Rivers stellte Mitte der 1990er-Jahre zum ersten Mal vor einem Millionenpublikum die Frage "Who are you wearing?" ("Welchen Designer tragen Sie?"). Sie erhob das Namedropping von Marken zum Gesprächsthema. Aber nicht nur das. Rivers kommentierte die Outfits der Stars bissig, böse, frei von der Leber weg: "Die haben sich im Dunkeln angezogen" gehörte zu den harmlosen Bemerkungen. Die Schnellschüsse kamen beim Massenpublikum an. 1998, damals gewann der Film Titanic elf Auszeichnungen, wurde die Oscar-Zeremonie von 57 Millionen Amerikanern gesehen – und Rivers Show auf zwei Stunden verlängert.

Sharon Stone 1998 in einem Männerhemd
Foto: imago/ZUMA Press

Die Kultur des "Daumen hoch und Daumen runter", der Top- und der Flop-Listen, die vor allem Frauen gelten, wird heute im Netz unendlich oft reproduziert. Gleichzeitig wird im Internet verstärkt Kritik an der Red-Carpetisierung von Filmevents geübt: Seit 2015 verbreitet sich der Hashtag #AskHerMore ("Fragt sie mehr"). Vielleicht geben ja die Männer am Sonntag auf dem Teppich endlich einmal Gas. (9.2.2019)