Der Angriff auf die US-Basis bei Kirkuk hatte eine Eskalationskette zur Folge. Unter anderem versuchten Demonstranten, die US-Botschaft in Bagdad zu stürmen.

Foto: AP / Khalid Mohammed

Washington – Als am 8. Jänner zwei iranische Raketen versehentlich auf ein ukrainisches Flugzeug abgeschossen wurden, starben dabei 167 Menschen. Es war der blutige Höhepunkt einer Konfrontation zwischen dem Iran und den USA, die fast in einen noch größeren bewaffneten Konflikt geführt hätte. Vorausgegangen war dem verhängnisvollen Unglück eine Eskalationskette: Der Iran hatte eine US-Basis beschossen und damit auf die Tötung von Topgeneral Ghassem Soleimani reagiert. Der Drohnenangriff auf den Militär war wiederum eine Reaktion auf die versuchte Stürmung der Bagdader US-Botschaft durch schiitische Demonstranten. Diese hatten ihrerseits damit auf Angriffe der USA auf Basen der Schiitenmiliz Kataib Hisbollah reagiert – und die wiederum waren eine Reaktion auf den Angriff besagter Miliz auf eine irakische Militärbasis, bei dem ein ziviler Mitarbeiter der US-Armee ums Leben kam.

Das jedenfalls ist jene Variante, die bisher öffentlich für wahrscheinlich gehalten wurde. Ein Bericht der "New York Times" vom Donnerstagabend stellt diese Version aber jetzt infrage. In irakischen Geheimdienstkreisen sei man nämlich nicht mehr sicher, ob der Angriff, der die Eskalation ausgelöst hat, wirklich von der irannahen Miliz ausgegangen sei: Es könnte, heißt es, auch der sunnitische "Islamische Staat" (IS) gewesen sein, der von allen Beteiligten – den USA, dem Iran und auch schiitischen Milizen – bekämpft wird.

Keine Präsenz in der Region

Irakische Geheimdienstmitarbeiter legen laut der Zeitung eine Reihe von Indizien vor, die für den IS als Angreifer sprechen: Die Raketen seien aus einem Teil der Stadt Kirkuk abgefeuert worden, der mehrheitlich von Sunniten bewohnt wird, ein bekanntes Aktivitätsgebiet des IS und wegen seiner Demografie vermutlich ungünstig für die schiitische Kataib Hisbollah sei. Diese habe zudem seit 2014 keine ständige Präsenz mehr in dem Gebiet.

Ein Pick-up, von dem aus die Raketen abgefeuert worden seien, sei zudem nur knapp 300 Meter entfernt von jenem Ort gefunden worden, wo der IS im September mehrere schiitische Hirten umgebracht habe. Zudem habe es Warnungen gegeben, die man auch an die USA weitergeleitet habe – aus entsprechenden Dokumenten wird im "New York Times"-Bericht auch zitiert.

US-Geheimdienste fragten nicht nach

"Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass es der IS war", zitiert der Bericht Ahmed Adnan, einen irakischen Brigadegeneral: "Wir als irakische Armee können in dem Gebiet kaum operieren, weil es nicht sicher ist. Wie könnte jemand, der das Gebiet nicht kennt, dorthin reisen, die ideale Feuerposition finden und den Angriff starten?"

US-Geheimdienste sprechen der Zeitung zufolge noch immer von "soliden Beweisen", die Kataib Hisbollah mit dem Angriff in Verbindung stellen, wollen diese aber nicht öffentlich machen: Auf Anfrage der "New York Times" teilten sie mit, im Pick-up, von dem der Angriff ausgegangen war, entsprechende Spuren gefunden zu haben – welche, führen sie aber nicht aus. Zudem habe man Gespräche belauscht, die auf eine Beteiligung der Kataib Hisbollah hindeuten würden. Ihre irakischen Gegenüber haben die US-Geheimdienste laut dem Bericht nicht nach ihrer Einschätzung gefragt, bevor sie die Angriffe auf fünf Basen der Kataib Hisbollah Ende Dezember starteten. (mesc, 7.2.2020)