In Wuhan werden nun auch Lebensmittelspenden an die Bewohner verteilt.

Foto: Reuters / China Daily

Ob Ao Mulins am Coronavirus erkrankt ist, weiß er nicht. "Ich zeige Symptome wie eine Lungenentzündung, aber ich zähle offiziell nicht zur Statistik", erzählt der 33-jährige PR-Berater aus Wuhan am Telefon. Es war vor etwa zwei Wochen, als Ao und seine Mutter in ein Spital gingen, um sich auf das Coronavirus testen zu lassen. Das Krankenhaus war zu diesem Zeitpunkt schon überfüllt, sogenannte NAA-Tests (Nucleic-Acid Amplification Test) gab es nicht mehr. Eine CT-Aufnahme zeigte eine Lungenentzündung. Also gingen die beiden mit ein paar Medikamenten nach Hause und setzten sich selbst unter Quarantäne.

Bisher sind in China offiziell mehr als 1.000 Menschen an dem Virus gestorben. Mehr als 42.000 gelten als infiziert. Dazu kommen nochmals rund 20.000 Verdachtsfälle. Zwar geht die offizielle Zahl der Neuinfektionen langsam zurück – pro Tag kommen etwa 2000 bis 3000 hinzu. Ein Ende der Epidemie aber ist noch nicht in Sicht. Zumindest glaubt das der Epidemiologe Zhong Nanshan. "Der Gipfel dürfte vielleicht Mitte, wahrscheinlich Ende des Monats erreicht werden", sagt er am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters. "Ab dann dürften die Neuinfektionen ein Plateau bilden und langsam abflachen."

Zweifel an Zahlen

Doch wie stimmig sind die Zahlen der Regierung? Peking steht nicht gerade im besten Ruf, korrekte Zahlen zu veröffentlichen. Glaubt man den Berichten aus Wuhan, dürfte die Zahl der Infizierten weit höher liegen. Denn so wie Ao scheint es vielen in Wuhan zu gehen: Sie sind wahrscheinlich infiziert, tauchen aber in der Statistik nicht auf.

"Viele Leute kriegen überhaupt keine Diagnose, geschweige denn eine Behandlung", kritisiert Ao. "Die Spitäler sind hoffnungslos überfüllt. Viele Leute, denen es schlechter geht als uns, wurden überhaupt nicht angenommen." Andere Wuhaner berichten von eindeutigen Symptomen wie einer Entzündung beider Lungenflügel; trotzdem fiel der Test negativ aus.

Aos Vater wurde offiziell positiv getestet. Er liegt momentan in einem Krankenhaus, während Ao und seine Mutter daheim bleiben. "Wir haben uns, als es losging, mit sehr viel Lebensmitteln eingedeckt. Jetzt kochen wir zu Hause. Manchmal schicken uns auch Freunde frisches Gemüse und Obst. In der Nähe ist ein Supermarkt, aber dort gehen wir nur hin, wenn es absolut notwendig ist." Vieles sei vergriffen und ausverkauft, bei bestimmten Gütern wie Handdesinfektionsmitteln hätten sich die Preise vervielfacht.

Wirtschaftlicher Schaden

Wuhan, eine Stadt mit elf Millionen Einwohnern, ist seit bald zwei Wochen von der Außenwelt abgeschnitten. Inzwischen aber hat sich die Reisesperre auf rund ein Dutzend chinesischer Städte ausgeweitet. Der wirtschaftliche Schaden wächst.

Der Ausbruch des Virus traf das Land zur denkbar ungünstigsten Zeit. Zum Frühlingsfest verlassen rund 300 Millionen Wanderarbeiter die Städte der Ostküste, um ihre Familien in den Provinzen zu besuchen. Noch immer befinden sich die meisten von ihnen in ihren Heimatdörfern. Will Peking den wirtschaftlichen Schaden gering halten, müssen die Arbeiter zurückkehren. Das aber dürfte abermals zu einem Anstieg von Neuinfektionen führen. Bevor die Quarantäne am 23. Jänner begann, hatten bereits fünf Millionen potenziell Infizierte die Stadt verlassen.

Warten auf den Test

Inzwischen ist klar, dass weitere zwei Ärzte schon früh vor dem unbekannten Virus gewarnt hatten. Die Behörden aber drohten ihnen Strafen wegen "Verbreitung von Gerüchten" an, sollten sie dies weiter öffentlich machen. Die Regierung in Peking entsandte nun Antikorruptionsermittler, die die Vorwürfe untersuchen sollen.

Wegen des schlechten Krisenmanagements wurden zudem hochrangige Beamte in der betroffenen Hubei entlassen – darunter der Parteisekretär der Gesundheitskommission.

Ao und seine Mutter bleibt nichts anderes übrig, als zu warten. "Es geht uns schon besser, aber wir müssten nochmals untersucht werden, um das sicher zu wissen." Die Lage in der Stadt aber sei unglaublich bedrückend. (Philipp Mattheis aus Schanghai, 11.2.2020)