Noch vor 20 Jahren hat etwa ein Drittel der Österreicher seinen Traumpartner beim Ausgehen gefunden. Heute findet sich jedes vierte Paar über das Internet. Welche Auswirkungen Online-Dating auf unsere Partnerwahl hat und vor welchen großen Herausforderungen Paare heutzutage stehen, erklärt Beziehungscoach und Sexualberaterin Nicole Siller.

Singles erwarten oft, dass es beim Dating sofort funkt. Dabei brauchen viele Menschen Zeit und Vertrauen, um sich auf den anderen einzulassen.
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STANDARD: Früher hat man sich in der Disco kennengelernt – heute über Tinder. Geht durch Online-Dating die Romantik verloren?

Siller: Wenn man sich ins Internet begibt, um einen Partner/eine Partnerin zu finden, dann sucht man gezielt. Durch festgelegte Kriterien kann ein großer Teil der Kandidaten also schon zu Beginn ausgeschlossen werden. Das geht im echten Leben natürlich nicht. Die stehen dann alle in der Disco. Kleine, große, Raucher, Nichtraucher, Katzenliebhaber, Hundeliebhaber. Wenn man also in der Disco jemanden kennenlernt, der einem wirklich gut gefällt, dann hat das was Magisches. Da gibt es dann einen gewissen Zauber, womöglich diese Romantik, von der Sie sprechen.

STANDARD: Wenn Sie von den Kriterien beim Online-Dating sprechen, dann hat man das Gefühl, Menschen wären nur noch eine Ware.

Siller: Das ist ein bisschen so. Und der größte Nachteil dabei ist natürlich, dass man sich selbst einschränkt. Nehmen wir als Beispiel den Raucher. Wenn ich als Frau beim Onlinedating das Kriterium "Nichtraucher" auswähle, werden mir dir Raucher gar nicht angezeigt. Im echten Leben kann es aber natürlich sein, dass mir ein Raucher genauso gut gefällt und ich mich dennoch verliebe, weil eben alles andere passt.

STANDARD: Man könnte aber auch beim Online-Dating weniger Kriterien auswählen. Und dann mal mit einem, der vielleicht nicht sofort perfekt passt, ausgehen?

Siller: Auf jeden Fall! Und am besten: öfters ausgehen. Denn ich merke bei vielen Klientinnen und Klienten, dass sie einen viel zu hohen Erwartungsdruck ins erste Date mitbringen. Ganz viele sind der Ansicht, dass es beim ersten Date schon passen muss, sonst investierten sie keine Zeit mehr in die Person. Damit überfordern sie sich aber selbst. Es gibt nämlich Menschen, die brauchen ein bisschen Vertrauen, damit sie überhaupt jemanden erotisch anziehend finden können.

STANDARD: Wie viele Dates sollten es denn sein?

Siller: Ich finde, zumindest drei. Viele Menschen brauchen gute Unterhaltungen und etwas Entspannung, damit sie überhaupt aufmachen können und jemanden an sich heranlassen.

STANDARD: Sind wir denn heute in Bezug auf die Partnerwahl anspruchsvoller geworden?

Siller: Wir sind jedenfalls freier als früher. Frauen sind heute finanziell unabhängig und natürlich allein deswegen anspruchsvoller geworden. Aber auch bei den meisten Männern ist es heute so, dass eine Beziehung kein Muss ist. Man kann auch als Single ein schönes Leben haben. Deswegen sucht man sich den Partner schon sehr genau aus.

STANDARD: Die Jugendwertestudie aus dem letzten Jahr zeigt, dass Familie für junge Menschen wieder besonders wichtig ist. Dennoch wird jungen Menschen oft nachgesagt, dass sie beziehungsunfähig seien. Ist das nicht ein Widerspruch?

Siller: Ich bin der Ansicht, dass jeder Mensch beziehungsfähig ist. Wenn es nicht die Paarbeziehung ist, die man führt, dann jedoch oft die Beziehungen zu Freunden, zum Nachbarn, zu sich selbst. Was die Liebesbeziehung angeht, stehen wir uns oft selbst im Weg. Aber daran kann man arbeiten.

STANDARD: Und wie?

Siller: Indem man sich selbst mehr so annimmt, wie man ist. Und indem man feststellt, dass niemand perfekt ist – ich nicht und auch die anderen nicht. Oft haben besonders junge Menschen hohe Ansprüche an den Partner was Bildung, Weltbild oder Ideologie angeht. Es wird immer gefragt, ob es denn auch Sinn macht, in eine Beziehung zu gehen. Viele verschieben es dann auf später, und besonders häufig sitzen dann Frauen Ende 30 oder Anfang 40 bei mir in der Praxis und fragen sich, wo sie jetzt einen Mann und Kinder herbekommen.

STANDARD: Und was raten Sie diesen Frauen dann?

Siller: Ich fordere Sie dazu auf, sich selbst zu fragen: Was gefällt MIR? Und nicht zu überlegen, ob sie eh den anderen gut gefallen. Dann wissen sie auch, wonach sie Ausschau halten und was sie tun müssen.

STANDARD: Wenn man aufhört, anderen zu gefallen, findet man einen Partner?

Siller: Wenn es so einfach wäre ... Aber ja, zumindest erleichtert es vieles, denn in dem Moment, wo ich dauernd nach außen schaue, spüre ich mich selbst ja gar nicht mehr. Und Beziehungen, Liebe und Sexualität kann ich dann intensiv wohltuend leben, wenn ich mich selbst gut spüre.

STANDARD: Ist das auch ein Thema, mit dem die Paare zu Ihnen in die Beratung kommen?

Siller: Ja, und sie kommen oft, weil sie keinen Sex mehr haben. Oder weil sie mehr Lust wünschen. Natürlich auch, wie man Beziehungsprobleme lösen möchte, aber früher oder später sind wir fast immer beim Sex.

STANDARD: Warum funktioniert es nach einigen Jahren nicht mehr mit dem Sex?

Siller: Viele Paare bemessen ihre Sexualität immer nach dem, wie es am Anfang war, und dann stellen sie fest, dass der Zauber weg ist. Am Anfang befinden wir uns in einem Hormonrausch und fallen übereinander her, ohne viel nachzudenken. Wenn das nachlässt, denken viele Paare, das war es jetzt mit dem Sex. Das ist aber ein Trugschluss.

STANDARD: Inwiefern? Offenbar haben sie ja keinen mehr.

Siller: Dieser ständige Vergleich mit damals ist ein Sexkiller. Damit muss man aufhören und sich stattdessen ganz klar dafür entscheiden, wieder Sex haben zu wollen. Auch wenn es nicht mehr so ist wie damals. Auf diese Weise nähert man sich auf einer anderen Ebene an, kommt in neue Tiefen und kann plötzlich wieder Sexualität erleben, die vielleicht sogar noch besser ist als zu Beginn der Beziehung. Viele Paare haben sich jahrelang nicht gefragt, was sie eigentlich wirklich möchten. Und da wären wir wieder bei dem vorher genannten Punkt: Gefällt mir etwas, dann spüre ich mich. Jede gute Beziehung, jeder gute Sex beginnt ja bei mir selber. Fragen, die sie sich also stellen sollten: Welche Sehnsüchte habe ich? Zeige ich diese meinem Partner? Sie stehen ja nicht auf unserer Stirn geschrieben. Man muss das ganz klar kommunizieren.

STANDARD: Ist Kommunikation also auch der wichtigste Punkt in der Sexualberatung?

Siller: Natürlich ist es immer wichtig, mit meinem Partner offen zu sprechen. Ein ganz wichtiger Punkt ist aber auch, dass sich das Paar bewusst eine Paarzeit nimmt. Viele Paare, die zu mir kommen, sind im Alltag so verheddert mit Job und Kindern, dass einfach keine Zeit mehr bleibt für Intimität.

STANDARD: Viele sagen: Kaum ist ein Kind da, wird alles schwierig. Und die Statistik bestätigt dies. Etwa bei der Hälfte aller Scheidungen haben die Paare minderjährige Kinder. 40 Prozent dieser Trennungen finden bereits im ersten Jahr nach der Geburt des ersten Kindes statt. Was läuft hier schief?

Siller: Genau das: Vorher sind in der Beziehung zwei gleichberechtigte Menschen. Dann kommt ein Baby, und alles dreht sich plötzlich nur noch um das Kind. Im Alltag ist man nur noch Mama und Papa. Gerade für Paare mit Kindern ist es deswegen umso wichtiger, dass es diese Zeiten gibt, wo man nur Mann und Frau ist. Wenn das Kind im Bett ist, kann man sich bewusst entscheiden, sich mal nur über sich selbst zu unterhalten, es sich schön zu machen. Und nicht zu diskutieren, welche Farbe das Kacka von Klein-Ben denn heute hatte. Oder man macht einen fixen Tag im Monat, der nur dem Paar gehört, und das Kind bleibt beim Babysitter. Dann geht man auch am besten mal raus und überlegt sich eine Überraschung, ein Highlight, etwas, das einem besonders viel Freude macht.

STANDARD: Das heißt, in dieser Zeit als Paar muss man nicht unbedingt Sex haben?

Siller: Nein, diese Zeit kann absolut offen gestaltet werden. Wichtig ist wiederum, dass man versucht, etwas zu machen, das einem selbst wirklich Freude macht. Und dass man dies auch kommuniziert. Das kann ein interessantes Gespräch zu Hause auf dem Sofa sein, man kann in ein hübsches Restaurant gehen oder man zieht sich anregende Unterwäsche an. Schritt eins ist also immer, dass ich mich selbst in eine Situation bringe, die ich toll finde, und im zweiten Schritt lade ich den Partner in meine Welt ein. Ansonsten läuft man Gefahr, dass man wieder nur überlegt, was der andere will und braucht – und sich dabei selbst nicht spürt. Ein gutes Beispiel: Wenn sich in der 69er-Stellung beide nur darauf konzentrieren, was sie tun, und nicht darauf, was sie spüren, dann macht es am Ende niemandem wirklich Spaß.

STANDARD: Gerade die 69er-Stellung ist aber irrsinnig kompliziert ...

Siller: Aber Beziehungen können so kompliziert sein wie die 69er-Stellung. Im optimalen Fall schafft man es, mit der Aufmerksamkeit immer hin- und herzuswitchen. Man gibt und man nimmt im Fluss. Wichtig ist aber, dass ich mit der Aufmerksam dennoch bei mir bin und sofort etwas ändere, wenn ich merke, dass mir etwas nicht gefällt.

STANDARD: Es gibt ja auch Paare, die haben jahrelang keinen Sex mehr. Die fragen sich dann, ob es überhaupt noch Sinn macht, zusammen zu bleiben. Was raten Sie?

Siller: Viele denken, sie müssten sich dann trennen, aber solange man überwiegend glücklich ist, ist alles gut. Es wird sowieso erst dann ein Thema, wenn einer was will und der andere nicht.

Nicole Siller arbeitet in eigener Praxis in Wien als Beziehungscoach und Sexualberaterin mit Einzelpersonen und Paaren. Sie ist Autorin (letztes Buch: "Finde deine Lust!") und Podcasterin.
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Erwartungen sind ein wichtiger Punkt. Wenn es mein Glaubenssatz ist, dass ein Paar zweimal pro Woche Sex haben muss, entsteht Druck. Und der ist unnötig, denn jedes Paar ist anders und will etwas anderes. Ich hatte einmal ein Paar in der Praxis, da kam ganz klar raus, dass ihnen beiden Sex nicht so wichtig ist. Sie waren so erleichtert über die Erkenntnis "Wir müssen keinen Sex haben, aber wir dürfen, wenn wir wollen", dass sie schon beinahe auf meiner Praxiscouch übereinander hergefallen sind.

STANDARD: Es ist also auch okay, wenn man kaum Sex hat? Das bringt die Liebe nicht um?

Siller: Wenn es beiden damit gut geht, dann ist es okay. Man muss nur offen darüber sprechen. Ich vergleiche das gerne mit Essen: Nehme ich mir Zeit fürs Essen? Esse ich immer das Gleiche? Habe ich eine Lieblingsspeise? Probiere ich auch mal was Neues aus? Und wie bewusst genieße ich dann? Wissen Sie, manchmal will man am Würstelstand Würstel mit schoaf essen, und manchmal will man ein Fünf-Gang-Luxusmenü oder etwas dazwischen. So ist es auch beim Sex. (Nadja Kupsa, 14.2.2020)